Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NTONAL-ZEiOJNG JÜDlSGRPOUClSCRg WOCRSNSCRRiFC RERflüSGgBgR! DfS.R.LäNDAü:! x. jäh^gäng. WIEN, 13. MRFSZ 1908. n*. 11. E)cf „wissenschaftliche44 ^ntiseniitistnus. Der „zaubergewaltige" Repräsentant des christlich-sozialen Geistes, Herr Vergani, hat vor einigen Tagen in einem antisemitischen Wählerverei|n einen Vortrag „Das Judentum ini Spiegel seiner Geschichte" gehalten, der so charakteristisch für die antisemitische Hetzmethode ist, dass wir ihm einige Bemerkungen widmen wollen. Der Vortragende erinnerte zunächst an den schonen Begrüssungsabend anlässlich des Besuches Dr. Böckels, des grossen deutschen Antisemitenführers, den sich die Wiener Antisemiten zu einem kleinen Hetzgastspiel eingeladen hatten. Doktor Bockel .... der Mann hat einen klangvollen antisemitischen Namen, und Herr Vergani, der stolz auf die Freundschaft ist, die ihn mit dem illustren Gaste aus dem Reiche verbindet, hatte den genialen Einfall, seinen Vortrag, in welchem er so viel über die Unsitrlichkeit der Juden sprach, mit dem Hinweis auf einen Mann zu beginnen, der wahrhaftig ganz andere Begriffe über Sittlichkeit hat als die Juden. Herr Dr. Bockel hatte sich schon früher einmal die geeignete Stätte erwählt, um den sittlichen Anschauungen, die ihn erfüllen, jenen lauten, weithin vernehmbaren Ausdruck zu verleihen, der alle Antisemiten zur Nachahmung aneifern konnte: den Gerichtssaal. Aus einer öffentlichen Gerichtsverhandlung erfuhr man nämlich, dass Herr Dr. Bockel einem armen Mädchen izu Mutterfreuden verholfen hatte, dass er aber nicht gewillt oder nicht befähigt war, seinerseits zur Alimentation des Kindes beizutragen. Die letztere weniger erfreuliche Botschaft hörte man allerdings nicht aus Dr. Böckels Munde selbst, sondern aus dem Munde seiner legitimen Gattin, die in seinem 'Namen Vor Gericht erschienen! war und diese interessanten, auf die materiellen Verhältnisse ihres Gatten bezüglichen, Mitteilungen, zu Protokoll brachte! Hatten wir nicht Recht iu sagen, dass Doktor Bockel ganz andere sittliche Ideen igi seinem arischantisemitischen Busen hahrt, als die verkommenen Juden? Haben die Antisemiten nicht allen Grund, die armen Christenmädchen vor den Fallstricken der lüsternen, reichen Juden zu wrarnen?. Doch genug von Dr. Bockel, den man in Siitlichkcitsfragen gewiss mit demselben Recht zur Autorität, wie den Bock zum Gärtner machen kann. Wir wollen auch Herrn Vergani nicht „im Spiegel seiner Geschichte" vorführen, um seine persönliche Berechtigung zum' Sittenrichteramt über die Juden zu prüfen, denn wir sind der Meinung, dass diese Fragen eine von persönlichen Momenten absehende, völlig objektive Erörterung fordere. Wir wollen also die Angriffe, die Herr Vergani gegen die Juden richtet, anhören, ohne uns mehr als unbedingt nötig den Mann anzusehen, der sie erhebt. Herr Vergani will den Juden einen Spiegel aus ihrer Vergangenheit vorhalten, in welchem sie ihre hässlichen Züge erkennen sollen und zu diesem Zwecke entstellt und fälscht er die biblischen Geschichten oder erzählt sie zumindest in tendenziös gefärbter W e i s e. Die Juden sind alle unredlich, alle unsittlich, sie sind durchwegs Betrüger und Ausbeuter - demonstriert Herr Vergani, denn in der heiligen Schrift, wird dies und jenes von dem einen und den anderen berichtet! Wenn das auch Unsinn ist, so liegt doch Methode darin, und zwar eine böswillige, antisemitische Methode, deren Kennzeichnung gegeben ist, indem man sie niedriger hängt. Jedes!Wort der Widerlegung wäre da töricht. Ein Vergani meint, „man könnte Bücher, ja ganze! Bibliotheken sehreiben, um die Berechtigung des Antisemitismus zu erweisen" und wir unterdrücken sogar die in diesem Falle so naheliegende Bemerkung, dass Vergani in der Tat im Besitze eines Mittels ist, das ihm ermöglicht, über .welches Thema immer Bücher zu schreiben. Das Mittel ist ungemein einfach: es setzt nur eines voraus, dass näm-