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Neue Nationalzeitung · 1908-03-06 · Heft 10 (6.3.1908) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Seite 11. ^PeuilleftMi. SAMUEL MEISELS (Cliarlottenbnrg): gaul (fscheiuiicho\vsl<i. Unter den junghebräischen Lyrikern der Gegenwart ist Saul T s c h e i n i c h o \v s k i einer der bedeutendsten. Er brachte eine funkelnagelneue Note in die neuhebräische Literatur. Ein Schönheitsanbeter. Ein Jude Hellene. Der erste hebräische Lyriker, der mir Bacchus herumtollt, mit Aphrodite liebäugelt und Apollo seine Huldigungen darbringt. Aber beileibe kein Jude-Grieche, ähnlich den Juden-Griechen zu Zeiten der Hasmonäer. Jene hellenisierten das Judentum, er judaisiert das Hellencntum. Ein durch das Judentum wohltuend gedämpfter Hellenismus; ein Schönheitskult ohne überschüssige Ausgelassenheit und zur Entartung führende Ausschweifung. ... So gibt sich uns Tschernichowski. In einem reizenden Gedicht ,,L'nochach pcscl apolo" (Vor einer Apollo-Statue) finden wir eine Art von Glaubensbekenntnis des Dichters. ,,Ich kam zu dir, du in Vergessenheit geratener Gott, du Gott der Vorzeit, der'die stürmischen Leidenschaften jugendfrischer Menschenkinder beherrscht. Ich kam zu dir, ich der Jude, der einen ewigen Kampf mit dir geführt. Vor deiner Statue, dem Symbol des Lebenslichtes, sinke ich hin; ich knie vor dem Leben, der Kraft, der Schönheit, vor allen Herrlichkeiten der Natur!" . . . Leben, Kraft und Schönheit, das sind die Götter Tschcrnichowskis. Er vergöttert die Natur und verherrlicht das Leben. Statt des traditionellen jüdischen Gottes der Geister betet er an den Gott des Heizens. Was frommt ihm ein (Gott des Himmels, der nirht sichtbar in Schönheit strahlt? Fragt ihr mich nach meinem Gott — — — Er ist hier auf Erden ..... Und dieser Naturanbeter genicsst die Schönheiten der Natur und besingt sie. Der Sang ist ihm gegeben. Er singt „wie; der Vogel singt". Er sucht keine Mysterien in der Natur; er ist kein Sternendeuter; er belauscht nicht die Geheimnisse, die die Winde einander 2uraunen, er hört nicht die Märchen, die die Wellen einander erzählen. Die Natur, wie er sie sieht und wo er sie sieht, sei es in den malerischen Gegenden der Krim, sei es in der herrlichen Umgebung am Neckarflusse, das ist sein Metier. Er malt die Natur in abgetönten, Farben und besingt sie in einem schmelzenden Rythnrusi und klangvollen Reim. Als Beispiel möchte ich hier sein stimmungsvolles Gedicht „Ha-erebh" (Der Abend) anführen: Von des Berges Rücken Dunkle Schatten nideen, Wälzen Dämmerstreifen in die Silberfluten. Und die Hügel träumen, Mondesstrahlen säirnen Ihre Gipfe! mit schimmernd weissen Gluten. Sterne um die Hügel — Zephirs sanfte Flüge! Hört man, rauschend durch des Baches Felsenritzen, Leis' am Schilf erklingen . . . Sieh — mit miiclu'gen Schwingen Fliegt der Adler aufwärts /u den Wolkensitzen. Freilich, dieses Gedicht erinnert an Matthissons Abendlandschaft: Goldne: Deckt ■ IIa In der modernen deutschen Lyrik ist die Matthissonische „Naturempfindelei" ein — wie der allgemeine Ausdruck lautet — überwundener Standpunkt. In der neuhebräischen Lyrik fangt sie erst an, und Tschcrnichowski ist der erste, der dieser Empfindungsart in einer ,,glücklichen Wahl harmonierender Bilder" Ausdruck leiht. Tschernichowski braucht sich dessen nicht zu schämen. Kein Geringerer als Schiller hat das Naturempfinden Matthissons und seine Naturgemälde gepriesen. Hand aufs Herz! Der ,,Moraltrompeter von Säckingen" hat von Poesie, ja auch von der Landschaftdichtung was verstanden. . . . Tschcrnichowskis I ein meistcrin ist die Natur. Er verschmäht es, sich nach dem traditionellen Brauch seiner Stammesgenossen aus den weissschwarzen Weisheitsquellen die Lehren fürs Leben zu schöpfen. Man lernt das Leben, indem man es lebt, aber nicht, indem man es studiert. Ein mehr vernünftiger als poetischer Standpunkt. Aber er lässt sich in Loesie umsetzen. Tschernichowskis Lebensbejahung entquillt einem starken Willen zum Leben, einem angeborenen Bedürfnis nach Schönheit und Kraft. Es ist eine Lust zu sehen, wie dieser jüdische Apollo-Verehrer sich frei und beweglich herumtummelt auf Flur und Feld, Berg und Höh', überall lebengeniessend. Er lässt nicht die Kümmernisse des Ailtags die reinen Quellen seiner Heiterkeit trüben. Der Schmerz beugt ihn ebensowenig, Avie ihn der Lebensgenuss verweichlicht. Immer aufrecht, immer elastisch. L:nd wenn 'Momente kommen, wo auch seine Seele trauert und auch in seiner Brust Wunden brennen, weil er Hoffnungen wie Rosen im Winter welken sieht, da flüchtet er in die Arme seiner Lehrmeisterin, da sucht er jenen Ort auf, Wo wildbrausende Wellen an mächtige Felsen schlagen und er ruft selbstbewusst aus: Ich muss mich schämen, Seh ich wie die Felsen den Wellen spotten Und stolz die Häupter tragen. Tschernichowski liebt das Goldlamd der Jugend, das Lachen des Frühlings mehr als die glühenden Augen seiner Geliebten, die zuweilen seine Seele versengen, als das Lächeln rosenroter Lippen, die mitunter süsses Gift verabreichen, und wie ein Gebet klingen seine „Gaaguim" (Sehnsüchte).

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