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Neue Nationalzeitung · 1908-03-06 · Heft 10 (6.3.1908) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Nr. 10. Gebt mir meine JihkiuI wieder Und des GoldlamU Festgelage l'nd die Zeit der Irohen Lieder l'nd des Kindes \'nsrhuld.stnge! O, entfacht die glüh'nden Funken, Die die Phantasie begebet, I)a>s sie wieder, farbentrunken, Zauberträvime um mich webet. Gebt die Zeit mir ohne Sorge, Wo ich Wundernirirelien kannte, Wo mich noch kein glühend Auge — Sondern Frühlingssonne brannte. Seine Liebeslieder sind leidenschaftlich-gemessen, man möchte fast sagen, von einer keuschen Ausgelassenheit. In der ersten Zeit des jugendlichen Liebesrausches überwuchert seine Phantasie. Da malt er das Bild seiner Geliebten nach allzubekanntem Muster. Das Allerbeste und Allerschönste, das er in der grossen Schöpfung vorfindet, muss ihr als Schmuck dienen: ein Bündel Mondscheinstrahlen, eine Dosis weisses Nordlicht, ein Quantum Rosenduft durchrührt mit Morgenröte, ein Gemengsei von pechrabenschwarzer Na:ht und hellichtem Tag, all das in die richtigen Grenzen verteilt, ergibt, wie zu erwarten war, ein überirdisches Wesen. Und wie ein himmlisch Wesen, das Erdenkinder dauern, Wie eine Edensblume in farbenreichster Blüte Erschienst du mir. — In Furcht und Wonneschauern Verhüllt' mein Antlitz ich und — kniete . . . Zum Glück für den Dichter und die neuhebräische Lyrik ist diese Schwärmerei rasch verflogen. Tschernichowski hat sich zum Meister des Minnegesanges emporgeschwungen. Die Liebeslieder „W'eth jschmech" ani esa kl kanfe haschira" (Deinen Namen trage ich auf Flügeln des Gesanges), „Mikol pirche mor ha-gan" (Vfon allen Blumen im Garten), „Mal'ache-ahabba" (Liebesboten), „L'mirjam" (An Mirjam) üben durch ihre Einfachheit und Innigkeit einen unwiderstehlichen Znuber aus. Ein Gedicht, das die Eigenart Tschernichowskis am besten kennzeichnet, möge hier inf deutscher Uebertragung Platz finden: Weat . . . (Und du . . .) Unendliche Wölbung in schimmernder Pracht Das mächtige Weltall umzäunet, umdacht; Unendlich das Luftmeer, blaufarben und klar, Drin regeln der Vögel frohsingende Schar. Und Himmelbläue Spiegelt der Bach — Und du bist so traurig, mein Täubchenl Sieh, Berge und Täler dei Morgen erhellt, In Blüten gebettet ist r.ngsum das Feld. Die Weizensaat dehnt sich — ein träumendes Meer Das Zweikorn das reckt sich so stolz und so hehr. Und Winde, gelinde, Bewegen es leis' — Und du bist so mutlos, mein Täubchen! Im fruchtreichen Garten, im ewigen Wald Der Lebensruf mächtig und freudig erschallt, Der Lebensquell rauschet durch Felder und Au, Die Blümelein schlürfen erquickenden Tau. Und sonnetnmken Die Knospe erblüht — Und du bist so lieb'leer, mein Täubchen! Und du? Hierin liegt kein Vorwurf, vielmehr etwas Zärtliches, Väterliches: Närrchen, wo sich alles freut, wällst du allein traurig sein? Wo alles liebt. . . . Auf dem Gebiete der Ballade ist Tschernichowski in der neuhebräischen Literatur geradezu bahnbrechend. Er weiss den richtigen Ton zu treffen und behandelt jüdische wie nichtjüdische Stoffe mit gleicher Virtuosität. Seine Balladen zeichnen sich durch eine prägnante Äusdrucksweise, einen feingegliederten Strophenbau und im allgemeinen durch eine mehr deutsche als hebräische Formgebung aus. Tschernichowski ist auch ein ausgezeichneter Uebersetzer aus fremden Sprachen. Er hat Gedichte vonl Anakreon, Longfellou , Robert Burns, Shelley, Alfred de Musset, Richard Dehmel u. a. ins Hebräische übertragen. Meisterhaft ist seine Uebersetzung des bekannten Goethischen Liedes „Leber allen Gipfeln". Dieses Lied ist bereits mehrfach ins Hebräische übertragen worden, aber die Uebersetzung Tschernichowskis kommt dem Originale am nächsten. Ich will mirs nicht versagen, dieses Lied im hebräischen Wortlaut hier zu zitieren: Schama bsether zlalim jischnu har'rej-ad; al aruz ha-nchalim chebhjon lajil rad. mach lo jania alch ale bad, gam ata targia na chake od m'at. ^cftschriftenHRundschau. Paul Nathan über Palästina. Dr. Paul Nathan, der soeben aus dem Orient von einer längeren Reise zurückgekehrt ist, Hess sich vom Vertreter der „New-York Times" über Palaestina interviewen. Die markantesten Stellen dieses Interviews beziehen sich auf den Zionismus und lauten: „Ich bin fest überzeugt," erklärte Dr. Nathan, „dass Palästina kein Gebiet für jüdische Emigration in einem grösseren Masse darstellt. Weder die industriellen -noch die landwirtschaftlichen Hilfsquellen des Landes würden hinreichen, eine grössere Bevölkerung als die gegenwärtige zu. ernähren." „Sie fragen mich, ob es denn wirklich meine Ansicht sei, dass auch in einer näheren oder ferneren Zukunft eine stärkere Emigration in den Orient, insbesondere seitens unserer Glaubensgenossen, ausgeschlossen erscheinen müsse. Nicht im geringsten. Ich bin nur der Ansicht, dass in diesem Augenblick und in allernächster Zukunft eine solche Immigration in keiner Weise heilsam wäre. Die asiatischen Länder der Türkei sind jetzt — ich betone jetzt — noch nicht aufnahmefähig für einen Massenemzug; aber sie aufnahmefähig zu machen, das ist es gerade, was angestrebt werden muss, und man ist in dieser Beziehung schon auf dem besten Wege. Die Eisenbahnen entwickeln das Land, und unsere Aufgabe muss es sein, unsere Glaubensgenossen, die bereits im Orient wohnen, zu befähigen, an dieser Entwicklung teilzunehmen. Ist alsdann mit der Einführung moderner Technik der Reichtum der türkisch-asiatischen Länder, den sie zweifellos bergen, zu steigender Entfaltung gelangt, dann wird natürlich auch das Problem der Immigration ein ganz anderes werden, als es jetzt ist. LTnd wenn die Türkei heute noch auf dem Standpunkt steht, dass die Einwanderung aus politischen Gründen bekämpft werden muss, so ist zu hoffen, dass sie alsdann diese Einwendungen zurückstellen wird, in der Erkenntnis, dass geeignete Einwanderer zur wirtschaftlichen Erschliessung der Länder ausserordentlich beitragen, — und jede wirtschaftliche Stärkung der Türkei bedeutet zugleich eine wesentliche politische Stärkung des Staates. Man muss also unterscheiden zwischen der Gegenwart und der nächsten Zukunft einerseits und späteren Zeiten andererseits."

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