Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425733--0674-2426975- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Neue National-Zeitimg" Nr. 10. Ich verwahre mich daher entschieden gegen die Gebarung dieses Vorstandes und lehne hiefür jede Verantwortung ab. Hochachtend Jakob S ü s s, II., Zirkusgasse 39. JOSEF LIN (Berlin): ßie #&eif1e*.*) Wir sind auf dem Wege zu einer neuen .Mode: zur Mode des Zweifeins, des Kragens. Und es wird bald zum „guten Ton", zum modernen Wesen gehören, dass ein jeder von uns frage: Was gibt mir denn das Judentum? Eigentlich eine etwas seltsame, selbstherrliche Frage. Wer und was ist denn dieses Judentum, das mir etwas „geben" muss? Warum die Frage nicht umstellen: Was gebe ich denn dem Judentum? Aber man ist heutzutage individualistisch. Das Ich ist Alles, ist Zweck und höchste Potenz. Ks hat nur Rechte, aber keine Pflichten. Es hat nur Ansprüche zu stellen, aber sich in nichts zu entäussern. Es ist ein Nehmendes, Flmpfäugendes, aber kein Gewährendes, Gebendes. Der alte Begriff vom „Tauwas haklal", vom Höherstellen des Gesamtintercsscs über das Persönliche, ist nicht mehr „modern", ist „überlebt*-, ist „salbungsvoll", ist eine ,,Phrase". Dabei passiert aber etwas. Merkwürdiges: Man „bekämpft die Phrase" — durch eine noch grössere Phrase. Nach dem Rezepte: ein Gift durch ein grösseres Gift zu bekämpfen. Denn wenn wir all diese furchtbaren, anklagenden, himmelanstürmendcn Verneinungen, Fragen und Sehnsuchtsäusserungen etwas näher prüfen und auf ihren inneren Gehalt untersuchen - finden wir nicht viel mehr als schön klingende, nicht ganz deutliche und von keiner klaren, scharf umrissenen Vorstellung zeugende Worte. Zunächst: Ein Volk bedürfe zu seiner Existenz unbedingt eines „Inhalts", einer ,.Zcn" ralidee". Ist denn dies wirklich eine unbedingt feststehende historische Wahrheit, ein unumstösslicher Imperativ? Wenn j^de Nation und jedes Natiönchen einen „Inhalt" im Sinne eines allgemeinen, abstrakten Ideals verkörperte — das Leben wäre viel, viel ..inhaltsreicher". In Wirklichkeit ist jedes Volk — sich selbst ein „Inhalt". Sein Sein ist seine „Zentralidee". Ein Volk ist in seiner Existenz) von nichts anderem abhängig als von seinem Ich. Ein Ich kann allerdings „Ideen" haben, aber keine „Idee" sein. Ein. Werk trägt wohl an sich den Stempel der Individualität des Schöpfers, ist aber doch mit diesem nicht identisch und bedingt nicht dessen Sein. Nicht jedes Volk ist ein Schöpfer eigener, vollendeter Kulturwerte. Und nicht jedes schöpferische Volk ist immer schöpferisch. Die Produktion selbst der individuellsten Nationen wird mitunter durch eine Stagnation unterbrochen. Mannigfache Faktoren können hierbei mitwirken: soziale Rückschläge, ökonomische Krisen, politische Stauungen und Hemmnisse, intellektuelle l eberproduktion, geistige Uebergangsstadien. Wie steht es nun mit der jüdischen Eigenproduktion in der Gegenwart? Die Beantwortung dieser Frage hängt von dem angewendeten Masstab ab. Im Vergleiche mit den Schöpfungen der grossen Kulturvölker ist die spezifisch jüdische Produktion auf dem Gebiete der Kunst und Literatur sicherlich sehr bescheiden. Wenn auch ein Bialrk jede andere Literatur zieren würde. Aber ist denn überhaupt ein derartiger Masstab anwendbar? Vergleichen muss eine Aehnlichkeit der Bedin- *) Der Verfasser, Bibliothekar der „Jüdischen Lesehalle" in Berlin, sendet uns obige Erwiderung auf den Aufsatz von A. Coralnik mit folgenden Zeilen: „Ich appelliere an Ihre Objektivität und Ihr Prinzip, allen zionistischen Richtungen Raum zu gewähren." Es hätte dieses Appells gar nicht benötigt; denn wir erfüllen mit der Aufnahme dieses Artikels nur eine publizistische Anstands p f 1 i c h t. Die Manier der „Jüd. Rundschau" in Berlin und der „Jüd. Zeitung" in Wien, alle Leute, die nicht auf das offiziell geaichte zionistische Parteidogina schwören, persönlich in pöbelhafter Weise zu überfallen, mag auch künftighin ein trauriges Privilegium dieser offiziellen Presse bleiben. Die Red. gungen und der Ursächlichkeit zugrunde liegen. Kein noch so grosser Optimist hat es je erwartet und kein noch so stürmischer „Sucher" sollte es verlangen, dass ein gemartertes, den unsäglichsten Drangsalierungen ausgesetztes Volk nun in einem Jahrzehnt auch nur annähernd die Höhe erklimme, auf die Nationen in geordneten sozialen und politischen Verhältnissen nach einer sukzessiven. Jahrhunderte alten Entwicklung: gelangt sind. Man brauchte auf unsere „Renaissance" von vornherein keine zu hoch fliegenden Erwartungen zu setzen, um nicht in ihr so schnell enttäuscht sein zu müssen. Allerdings ist die allgemeine Stimmung in der Judenheit gegenwärtig eine gedrückte. „Eine grosse Ermüdung ist über das Judentum gekommen." Aber wie? Glauben denn diese Naiven wirklich, dass dies eine Folge des Mangels an einer „Zentralidee*' ist? W as sollte uns denn die „gehobene Stimmung" verleihen? Etwa die 600 Pogrome und das vergossene Blut Tausender Brüder und Schwestern" Etwa die furchtbare soziale Not der jüdischen Massen? Aber die „politischen Feinschmecker" wollen nichts von Bedingungen und Möglichkeiten wissen. Sie fordern unentwegt eine „zukunftsschwangere Gegenwart." Wahrscheinlich fühlen sie in sich den Trieb dazu. Im Wollen sollen ja schon die Keime des Könnens enthalten sein. Weshalb machen sie denn( eigentlich unsere Gegenw art nicht ,,zukunftsschwanger"? Weshalb enthalten sie uns denn die ihnen doch sicherlich vorschwebenden grossen ..Ideen" vor? Ist denn bei uns kein Platz für grosse Gedanken und grosse Geister da? Oder besitzen wir solche nicht? Was folgt daraus? Wenn ein Volk arm ist an grossen Gedanken und Denkern, — muss es Selbstmord begehen? Und kann es dies um? Ein anderes als ein jüdisches Leben existiert für uns nicht. Das Jüdische, das Judentum ist nicht eine ausserhalb unseres Wesens liegende Abstraktion, sondern unsere Eigenheit, unser nationales Ich, unsere Spezifikation. Unser „Tun" hat eine eigene Deutung: es war immer nicht bloss eine religiös-ethische Weltanschauung, sondern eine Volkspcrsonifizierung. Das Wesen des Judentums ist — das Wesen des Juden. Vormals charakterisierte es einen bestimmten Kulturwert. Jetzt steht es am Beginne einer neuen Entwicklung. Seine kulturelle Bewertung macht eine Modifikation durch. Sie wird sich zu neuen Formen gestalten und einen neuen Inhalt darstellen. Welcher Art dieser Inhalt sein wird? Darüber lässt sich noch jetzt kein Prognostikon stellen. Mannigfache neue Elemente keimen jetzt im jüdischen Volk: soziale Strömungen, künstlerische Intentionen, intellektuelle Regungen. Es ist noch Alles im Embryozustand und entbehrt noch der normalen Entwicklungsbedingungen. Die Regungskräftc bedürfen eines Konzentricrungspunktes, einer eigenen Nährsphäre, einer unbehinderten Gestaltungsmöglichkeit. Wer richtungsweisend diese Gestaltung fördern kann — der begeht eine nationale Grosstat. Wer das nicht kann — muss den Lauf der Dinge abwarten . . . ßitK Reminiszenz. Zar Beichlchte der WUner Bethänier.) In der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes bringen Sie einen Bericht über eine von mehreren Vereinen ausgehende Aktion zur Aenderung des Kultusgemeinde-Statuis: die Ursache soll die vom Kultus-VorstaiuL beschlossene Sperrung eines Minjan bilden. Da ich nicht berufen bin, Beschlüsse des Vorstandes zu verteidigen, liegt es mir auch gänzlich ferne, in das Meritorischo des vorliegenden Falles näher einzugehen. Mit Rücksicht jedoch auf die von dem Herrn Einsender an seinen Bericht geknüpfte Bemerkung; ..Der Kultus-Vorstand hat beschlossen, sich des Magistrates als brachium saeculare zu bedienen", erlaube ich mir, nachstehende Episode aus der Geschichte der Wiener Bethaus-Vereine mitzuteilen : In der am 27. September 1849 stattgefundenen Vertreter- Sitzung berichtete Dr. Ludwig August Frankl - - der damals noch den Titel eines „Aktuars" der Gemeinde führte —, Prediger