Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1Ö. „Neue Nationai-Zeitung'' S«i4» & flusst und ihn würde dier Boykott seitens der "Deutschen ruinieren, wenn diese Seite nicht bald den Weg verlässt, welchen die Judenhetze zu gehen empfiehlt. Hier liegt die grosse Masse, welche wohlweisslich durch das Polentum zu allererst angegriffen wurde und deren Verlöschen für das Polentum den siehe-' ren Sieg über das Deutschtum bedeuten würde. Ich linterschätze den Grosskaufmann keineswegs: er ist die Grossmacht im Handel, aber der Mittelstand in seinem weitesten Begriffe, dessen Fehlen ja das Polentum dem Ruine ganz nahe brachte, — man gestatte mir ein Schlagwort — er ist ein Teil des Bollwerkes, auf welches der Bestand des Deutschtums angewiesen ist. Hier und 'nirgends anders hat politische Arbeit einzusetzen, niemand zuleide, niemand ailiebe, nur Rechnen mit bestehenden Verhältnissen: die Polen wollen keinen vFrieden, sie haben ihn nicht nötig; den Deutschen bedeutet der Fortzug jedes einzelnen, Juden einen Verlust am Deutschtum. Aber weder ihr Misstrauen überwinden sie, noch ihre Abneigung gegen uns. Liebe und Hass ist das Recht jedes Einzelnen. Darum gibt es für uns nur einen Weg, den der Einsicht, dass wir alles daran setzen müssen das Misstrauen zu beseitigen. Also, da die Polen eine Partei für sich sind und auch die Deutschen, wo beide uns Juden als eine Partei betrachten, ohne dass wir es jemals waren, müssen wir Juden uns als Partei 'zusammenschliessen, als Partei mit realem Streben, so egoistisch wie alle politischen Parteien. Erst wenn wir unseren jetzigen Gegnern diese feste Organisation bieten, welche uns unter Wahrung unserer Selbstachtung nirgends anders hinführen kann, als an die Seite der Deutschen, dann sind wir ein iRechenfaktor geworden, dessen Bedeutung sehr bald nicht mehr verkannt werden wird. Jgin feines Panama und l<cit) Ende. „Ein kleines Panama" betitelt sich der Artikel in der vorigen Nummer. Wir haben das Statut des Vereines einer objektiven und sachlichen Kritik unterzogen und sind zu dem Ergebnisse gelangt, dass dieser Verein niemals seinen Zweck erfüllen kann. Und da der Zweck des Vereines gleichzeitig die'Hoffnung Tausender armer Mädchen ist, so war es (unsere Pflicht, auf den mit Bestimmtheit zu erwartenden Misserfolg direkt hinzuweisen. Auch die Persönlichkeiten der Vcreinsleiter schienen uns jene Garantien nicht zu bieten, die man im Statute vergebens sucht. Nichtsdestoweniger waren wir loyal genug, an dem „guten Glauben" der derzeitigen Vereinsleiter nicht zu zweifeln. Uns konnte ja nicht daran gelegen sein, diesem oder jenem Herrn die moralische v.der sonstige Befähigung für das m diesem Falle so verantwortungsvolle Ehrenamt eines Vorstandsmitgliedes abzusprechen; massgebend für unser Eintreten war die soziale Stellung der 3200 Mitglieder des Vereines, die den ärmsten Schichten der Bevölkerung angehören, und denen die geringste Beitragsleistung schwer, sehr schwer fällt. Die schriftlichen und telephonischen Zustimmungskundgebungen, die nach dem Erscheinen des Artikels bei uns einliefen, haben bewiesen, dass wir, wie so oft schon, an eine wunde Stelle gerührt, wieder einmal auf .einen Misstand ch.3 öffentlichen Lebens hingewiesen haben, der dringend nach Abhilfe verlangt. Wir haben vom „guten Glauben" gesprochen. Was jetzt aber über die Gebahrtmg des Vereinsvor- Standes bekannt wird, zwingt uns, diese Zubilligung zu revozieren. Die Vereinsleitung kümmert sich um die Mitglieder sehr wenig, sie schaltet und waltet nach Belieben, und hofft wahrscheinlich, der liebe Gott wird schon Ordnung machen. Ich fürchte aber, diese Arbeit wird ihm Herr Regierungsrat S t u ka r t abnehmen! . . . Was sich die Kommandanten dieser Wohltätigkeitsgarnison noch leisten, ist mitunter von überwältigender Drastik. Gut, dem Vereinskassier (Ehrenamt) ist kalt. (Ueb'rigens hegreiflich bei der Witterung.) Wie kommen aber die Vorstandsmitglieder dazu ihm für K 50.-- aus Vereinsgeldern einen Winterrock zu kaufen? Auch über den Möbeleinkauf des „Präsidenten" liesse sich ^Amüsantes erzählen. Einige weitere Fakten, die uns bekannt sind, illustrieren noch deutlicher, dass die Gebahrung der Vereinsleitung keine einwandfreie ist. Es kann aber nicht .unsere Aufgabe sein, der kompetenten Behörde Pflichten abzunehmen. Wir können inur nochmals betonen, dass eine eingehende Revision am Platze wäre. Die Sachlage erfordert ein offenes Wort. Und dieses auszusprechen, kann uns auch der Umstand! nicht hindern, dass die „Reichspost" unseren Artikel nachdruckte. Wir sehen unseren Ehrgeiz darin, überall dort, w o Korruption ist, aufzuräumen, gleichviel ob es sich um Juden oder Nichtjudem handelt. Es gibt leider noch Smm;r Israeliten, deren ganzes Judentum von dem Satze bestimmt wird: „Was werden die Antisemiten dazu sagen? . . ." Wir aber warten nicht erst bis jene es sagen, sondern klären die jüdische Oeffentlichkeit selbst auf. . . . Und wir wollen auch im vorliegenden Falle, der Sache auf den Grund kommen! m. 8Ch. Wir erhalten nachstehenden Brief vom Vizc-Präsidenten. des Vereines: Geehrte Redaktion! Als Vize-Präsident des „Israelitischen Humanitätsvereines zur Ausstattung heiratsfähiger Mädchen", muss ach in meinem und im Namen aller Mitglieder des genannten Vereines, Ihnen herzlichsten Dank abstatten. Ihr gesch. Blatt hat sich mit der Veröffentlichung des Artikels ,,Ein kleines Panama" ein unbestreitbares Verdienst erworben und Tausende von armen Leuten, du* sich dem Vereine anvertrauten, werden Ihnen Dank wissen. Ich selbst möchte Ihnen zu diesem Gegenstände noch folgendes bemerken: Am 15. Jänner 1907 wurde <der „Israelitische Humawitätsverein zur Ausstattung heiratsfähiger Mädchen" gegründet. Bei der ersten Generalversammlung wurde ich zum Vize-Präsidenten gewählt. Im Verlaufe der Vorstandssitzungen zeigte es sich bald, dass die Majoritiit des Vorstandes eine willkürlich«! Gebarung in der Verwaltung zum Nachteile der Mitglieder einführte, wodurch sowohl ich, als auch andere Ausschussmitglieder uns gezwungen sahen, im Interesse der zahlreichen Mitglieder des Vereines in die Opposition zu treten. Dass der Vereinsvorstand mit den Geldern der Mitglieder, die sich zum grössten Teile aus den allerärmsten Schichten rekrutieren., leichtfertig umging, Vereinsgelder mit vollen Händen, znm Teile ganz unnötig ausgab, kann ich zur genüge beweisen. Der Vereinsvorstand hat sich auch nicht an das von der ersten Generalversammlung festgelegte Statut gehalten, sondern ganz eigenmächtig Aenderungen vorgenommen. So wurden zum Beispiel unter gewissen erfundenen Rechtstiteln Beträge eingehoben, die in den Statuten gar nicht vorkommen. Ich will noch feststellen, dass der Vorstand, dessen Amt ein Ehrenamt ist, 4 seiner Mitglieder zu besoldeten Beamten ernannte und mit denselben einen dreijährigen unkündbaren Vertrag abschloss, wodurch dem Verein eine dauernde Belastung von 8000 K jährlich ganz statutenwidrig aufoktroiert wurde. Als ich mich gegen diese Willkür zur Wehre setzte, wurde ich als den Verein schädigend bezeichnet und aus dem Vorstande ausgeschlossen.