Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 10. stossen?" Wäre ich dieser leberzeugung, dann hätte diese Zeitung nie meinen Namen getragen. Der (nunmehr einjährige Bestand dieses Blattes (unter meiner Leitung kann dafür Zeugnis ablegen, rwie ich mir die Aufgabe einer jüdischen Zeitung vorstelle: als den Kampf für das Volkswohl,, gegen alle Schädlinge, von rechts und von links. Und wenn mich die aufgescheuchten dunkeln Gestalten dafür überfallen, wenn sie mein ganzes Leben durchforschen, um endlich meine schwersten Verbrechen zu enthüllen: 1. Dass ich als Reichsratskandidat im Jahre 1900 14 Stimmen erhalten habe. 2. Dass ich vor 10 Jahren aus dem von mir gegründeten ersten jüdisch-nationalen Arbeiter-Verein „A c h w a k" ausgeschlossen wurde. 3. Dass ich am zweiten Zionisten-Köngress eine Auseinandersetzung mit Dr. Herzl hatte und die Tribüne verlassen musste,; weil sich die russischen Zionisten durch meine proletarischen Reden in Russland bedroht fühlten; so wird man zu einer Zeit, da Reichsratsabgeordneter Stand als Landtagskandidat in Stryj und Lemberg zusammen keine 14 Stimmen aufgebracht hat, und da die ,,Poale->Zion" durch meine Initiative sich allmählich zu einer Weltorganisation entwickelt haben — den Wert dieser „Enthüllungen" zu würdigen wissen. Die Persönlichkeit dieser meiner Gegner ist mir eine Bürgschaft, dass sie zu allem fähig sind. Sie belästigen meine Mitarbeiter;v sie bedrohen meine Abnehmer. Eine förmliche Raserei hat ehe Leute übermannt, und es fehlt jede Hand, um sie zu bezähmen. So wird nichts anderes übrig bleiben, als sie unschädlich zu machen. Der Kopf ist gefallen; man muss ihm auch den Rumpf nachwerfen. L. Dr. CARL KASSEL (Posen): ©ie ^Juden in de* Provinz f)osen. (Sehluss). Wiederholen wir also noch einmal kurz die einzelnen Punkte, auf deren Rechnung wir die Schwächung der Juden in. der preussischen Ostmark zu setzen haben: Aonroedoktrin der Polen, Sperrung der Grenze, Industrie im Westen, Genossenschaftswesen auf deutscher Seite, politischer Parteigegensatz, Rassenantisemitismus. Dann wollen wir uns zum Schlüsse die Frage vorlegen, ob wir Juden selbst etwas zur Besserung unserer Lage tun können. Wirtschaftlich steht uns durch den weiteren Ausbau der genossenschaftlichen Organisation infolge der sicher zu erwartenden Ausdehnung der Rechte der kgl. Ansiedlungskommission eine weitere Schädigung bevor. Trotzdem liegt kein Grund vor, zum Abzug der Juden au; <Jem Osten zu blasen. Wohl verstehe ich es, dass der grösste Teil unserer Jugend es vorziehet, anderwärts sein Heil zu suchen, wo es einen friedlicheren Wettbewerb gibt und wo der Mensch nur nach seinen Leistungen bewertet wird, nicht nach seinem Glaubensbekenntnis. Aber ein wenig Härte des Brotes nehmen die Juden ja schon mit in Gden Kauf. Die Jahrtausende brachten uns dies bei! Deshalb;wird ihre Zahl zwar Weiter abnehmen und ihr politischer Einfluss wird schwinden. Was tuts? Die wirtschaftliche Kraft des Judentums hatte mit derlei Dingen niemals etwas zu tun. Vielmehr wurden früher nur in strengster Berufsarbeit jüdische Stellungen errungen, deren Wert dem ganzen Judentum dauernd zu gute kamen. Darüber sind wir uns klar, dass im Konkurrenzkampfe zwischen Juden und Christen bei Gleichwertigkeit der erstere dauernd unterliegen wird, dass er deshalb das Zehnfache leisten muss an Reellität und Güte der Arbeit, Um konkurrenzfähig zu bleiben. Demjenigen also; Welcher gerade in der Stärkung unserer intellektuellen und moralischen Kräfte das Heil elcs Judentums sieht, ist die Ostmark ein recht willkommener Tummelplatz; daher w ird diese auch aus dem zusammenge - schmolzenen Judenhäuflein der Welt stets tüchtig geschulte Kräfte liefern; denn der Posener Jude war noch stets eine volkswirtschaftliche Kraft ersten Ranges, an 'der freilich mancherlei Härten auffallen, eine Folge ostmärkischer Verhältnisse, von welchen — das muss betont werden :— auch der längere Zeit hier lebende Nichtjude nicht frei bleibt. Es gibt tatsächlich einen Posener Typus! Der Osten ist, um die einzelnen Erwerbsarten zu besprechen, noch heute ein günstiges Arbeits - feld für den jüdischen Arzt; er hat sich ein historirisches Bürgerrecht hier errungen, das stellenweise sogar eler (polnische Boykott achtet. Der jüdische Rechtsanwalt hat mit wenigen Ausnahmen gute Beschäftigung. Auch er wird nicht verdrängt wer - den können. Für industrielle Unternehmungen fehlen die Vorbedingungen: zu weit von der Produktionsstätte der Rohmaterialien, im Lande selbst geringes Absatzgebiet. Das jüdische Handwerk ist lebens - unfähig. Als wesentlichste Erwerbsquelle bleibt aber der Handel übrig. Dass dieser im allgemeinen trüben Zeiten entgegengeht, ist sicher. Aber diese bedeuten bei dem bestehenden Cebcrangebot an Zwischenhandel nur eine Konsolidierung «des Handels selbst durch den genossenschaftlichen Betrieb. Wo die überwiegende Zahl der Zwischenhändler Juden sind, ist ehe Ungerechtheit leicht versucht, der ganzen jetzt herrschenden genossenschaftlichen Richtung eine antisemitische Tendenz unterliegen. Tatsächlich, das sei hier betont und wiederholt, liegt den Genossenschaften nichts ferner, als durch Ausschaltung der Juden etwa ihren eigenen Betrieb zu verteuern. Sie sind kaufmännisch nicht so sehr zu unterschätzen, dass sie aus gutcMivGemüt und tiefinniger Christlichkeit lieber beim Christen teurer kaufen, als beim Juden billig. Am meisten zu leiden Unter der antisemitischen Strömung unseres Deutschtums hat derjenige Handel, welcher mit elem grossen, nicht genossenschaftlich organisierten Publikum zu tun hat: und das ist die Hauptmasse der Kleinhändler, welche nur selten Reichtümer schafft, sondern in der Judenschaft den grossen Kreis des leider immer noch materiell überschätzten Mittelstandes bildet. Bei der Genossenschaft handelt es 'sich um die höher organisierten Arten von Kaufmann: Getreide, Futtermittel, Düngermittel, Maschinen, Bankverkehr. Sie sind naturgemäss an Zahl die geringeren, an Geldmitteln aber die potentere/); nur durch diese ist ihnen noch der kleine Rest polnischer Kundschaft erhalten. Auch innerhalb der deutschen Kundschaft geben sie ihnen einigen Halt gegenüber der Genossenschaft. Anders ist es mit dem Kleinhandel. Ihn als ersten hat der polnische Boykott ungünstig beein-