Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite '8. „Neue National-Zeitung" Nr. 9. In Krakau hat die demokratische „Union" (die ^ereihigüng der Bürger-Partei mit den fortschrittlichen Demokraten) den Juden von den vier Mandaten eines" eingeräumt, aber die Kahalpartei und die Unabhängigen können -:ich wieder nicht verständigen, und so stellt jede Partei ihfeen eigenen Kandiidaten auf. Die Uneinigkeit der jüdischen Wähler in Lemberg Und Krakau gefährdet sehr stark das jüdische Mandat, denn im Falle einer Stichwahl zwischen einem J^iden und Christen dürfte die gesamte christliche Wählerschaft iür den Christen eintreten. ' \ In Stanislau und Kolomca, wo die Juden die, überwältigende Majorität besitzen, wird von keiner jüdischen Seite. ein Kandidat nominiert; nicht einmal die Hausjuden wagen es, von dem polnischen! Zentral - Wahl - Komitee diese Mandate zu beanspruchen. In dem Lande, wo die Juden i2«/o! der Bevölkerung bilden, werden sie von 151 Mandaten im besten Falle sechs erobern. . Das kennzeichnet am besten die Lage und das politische Heiotentum der galizischen Judenschaft. Graf Apponyi and die Jaden. Budapest. Er hat sie nie geliebt. Schon als Kind sog er in Kalksburg den Judenhass und nicht die Judenliebe ein. Und seitdem er in die politische Arena getreten, haben sich seine Gefühle nicht geändert. Oft wollte er eine „Annäherung" versuchen, denn als oppositioneller Parteiführer schien es politisch klug, vernünftig, ja zweckdienlich, um die Gunst der, Juden zu buhlen.. Vergebens. Er wurde immer entlarvt. Durch einen Gegner oder von sich selbst, durch eine Tat <oder durch eine Aeusserung. Und seitdem er Minister, wirklicher Geheimrat und Exzellenzherr ist, kann er auch nicht anders handeln, als es sein Empfinden und sein Gefühl diktiert. Er liebt eben die Juden nicht. Weswegen er auch keine jüdische Lehrerin, geschweige denn einen jüdischen Professor, ausgenommen, wenn sie sich der Taufe unterziehen, anstellt. Denn man muss ja auch 'was für die Kirche tun. Speziell, wenn man nicht nur Unterrichts-, sondern auch Kultusminister ist. Aber als Politiker ist es notwendig, da« Terrain der Zukunft zu düngen. Sachte, sachte, aber mit eiserner Konsequenz. Deshalb ist es Zweckmässig', eine Annäherung zu den Juden anzustreben. Auf politischem und gesellschaftlicücprGebiete. Eine Antwort, welche der Deputation der israelitischen Distriktspräsidenten erteilt wird und von Toleranz und Gleichberechtigung schwefelt, ist ja nicht gefährlich. Phrasen bilden keine Konzessionen. Verpflichten zu nichts. Denn die Juden sind für ein freundliches Wprt dankbar. Sie kennen zwar die Klassiker, gedenken jedoch selten des Schillerschen Wortes: \ „Nicht jeder Stimme ist zu glauben. Uns zu berücken borgt der Lügengeist Nachahmend oft die Stimme von der Wahrheit Und streut betrügljehe Orakel aus!" Solche „betrügerische Oraker4 finden oft und leicht einen fruchtbaren Boden. Insbesondere bei habenden, Teichen Juden, die sich geehrt fühlen, mit einem lebendigen Minister beim weissen Tisch zu sitzen. Man braucht nur einen Vorwand. Auch dieser ist bald gefunden. Diesmal heisst er M ih a i 1 o v i t s. Er ist der Freund Apponyi's, viel - leicht, weil er just sb üjaer die Judendenkt, wie (der Herr Minister. Mihiilovits hat eine Oper — zusammenkomponiert. Ein interessantes Werk. [Was man sonst an acht Abenden zu hören bekommt, in acht Opern von Wjagneir, Mozart, Glück und Meyerbeer, ist alles hier in ein^m (Werk vereint. Ein Opern-Potpourri. Anderswo würde man den Schöpfer eines solchen „Werkelchens',', steinigen. Bei uns wird ihm applaudiert. Weil er der Freund Apponyi's ,ist. Aber damit ist die Sache nicht erledigt. Man veranstaltet dem gross.-n Komponisten züEhferi ein Bankett'. Kieht im Nationalkasino und nicht im Katholikenklub. Sondern im Lipotväroser Kasino. Dort sind zwar inur Juden zu finden, aber dem Gourmand schmeckt unter Umständen auch die jüdische Religionsküche. Alle werden zu dem Bankett kommen. Von Apponyi bis zu Mihailovits. Apponyi wird eine lange, schöne, wirkungsvolle Rede halten. Er wird iseinen Bariton erklingen lassen und die Leute bezaubern. Marczell Baracs mit der grossen Sensationskras atte, oder der wirklich ob seiner Verdienste gehofratete Eisenhändler-Publizist Suränyi werd-en ihr Glas auf Apponyi, den grossen, gewaltigen, toleranten Freisinnigen erheben. Die übrigen alten und jungen, Mitglieder werden im Chore einstimmen: „E so soll er leben", wie der alte Ullmann;zu rufen pflegte. Man wird sich geehrt fühlen, furchtbar geehrt . . . Das heisst nur ein Teil der Mitglieder. Russti Russt und. (seine Freunde. Denn die nüchtern und besonnen denkenden Mitglieder sind empört darob, dass man im Kasino, an dessen Stoitize »ein Freigeist vom Kaliber Bänffy's steht, zu Ehren des schwarzen Grafen ein Bankett veranstaltet. Seit Tagen herrsfht deswegen ernste, tiefe Verstinimung unter dem Grosi der Mitglieder. Sie werden auch die Sache nicht ohne [Nachspiel vorbeizieh'n Jassen. Empört über das Vorgehen des Arrangierungskomire<"3, wollen die jüngeren Mitglieder die Angelegenheit vor die Generalversammlung bringen. Schliesslich geht es doch nicht an, dass just das Lipotväroser Kasino sich zu ieiner solchen rLiebdiencrei hergebe. Und wieder müssen wir den jüdischen Lieblingsdichter zitieren: > „Schad' um die Leut'! Sie sind sonst wack're Brüder, Aber das denkt wje ein Seifensieder!" Deutsches Reich. Der Aufstand in Marokko. Berlin. Das Deutsche Bureau der AUiance Israelitc Universelle teilt uns mit: Von dem Vertreter der AUiance Israelite Universelle in Casablanca, Herrn Pisa, ist an den Präsidenten der AUiance folgender Bericht angekommen: Casablanca, 9. Februar 1908. Herr Präsident! Gestern abend bin ich eiligst von Herrn Malpertuy, dem französischen Konsul, gerufen worden, der mir von folgender Depesche des Generals d'Amade Mitteilung machte: 80 Israeliten von Settat sind unter französischem Schutze auf dem Wege nach Casablanca; treffen Sic Vorbereitungen zu ihrer Auf-, nähme." Wirklich war am 5. eine Heeresabteilung von Casablanca nach Settat aufgebrochen und hatte nach kurzem Kampf die Kasbah bombardiert, , nachdem die Israeliten diese verlassen hatten und von den französischen Truppen aufgenommen worden waren. Herr Malpertuy riet mir, sofort auf Mittel bedacht zu sein, um die so vielfach heimgesuchten Unglücklichen unterzubringen. Mit rührenden Worten voller Mitgefühl stellte er mir das Brot zur Verfügung, das ich täglich nötig haben würde. Mit Herrn Zagury, dem Vorsitzenden des israelitischen Komitees, der gleichfalls unterrichtet worden war, machte ich mich auf, eine hinreichend geräumigt Unterkunft zu suchen, die die Flüchtlinge fassen könnte, ohne dass man den Ausbruch einer Epidemie zu befürchten hätte. Herr Bendahan, ein hiesiger Notabler, 6tellte uns entgegenkommend eine seiner Besitzungen