Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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tfr. 9; „Neue tfational-Zeitung" Seite zur Verfügung. Wir bereiteten in aller Eile ein Frühstück vor und machten uns zum Empfang der Flüchtigen bereit. Heute früh, ii Uhr, sind sie, 135 an der Zahl; in kläglichem Zustand angelangt. Die Männer sahen aus wie Gespenster, die Haare struppig, der Bart ungepflegt, in schmutzige Säcke ge hüllt, teilweise nackt, die Füsse geschwollen, die Frauen notdürftig in ein Stück farblosen Gewebes gehüllt, an den ausgetrockneten Brüsten halbverhungerte Kinder. Unmöglich, jung und alt von einanedr zu unterscheiden — so sehr hat das Elend sie gleichgemacht. Wir bereiten ihnen ein Strohlager, geben ihnen Wasser, bieten ihnen Brot und Orangen, und hören den Bericht über die Schrecknisse, denen sie seit Monaten aus gesetzt gewesen sind. ,,Sie wissen," erzählt uns eine junge Frau, „was wir vor vier Jahren gelitten haben. (Im Jahre 1903 hat eine grosse Plünderung stattgefunden.) Wir waren in unsere Häuser zurückgekehrt und hatten uns an unsere Arbeit begeben, einige zum Körnerbau, andere zur Schuhflickerei. Die folgenden Jahre waren hart. Es hat an Regen gefehlt und es gab keine Ernte. Für uns bedeutete das den Hunger Aber wir helfen uns immer durch, wenn man uns nur im Mellah in Ruhe lässt. Vor sechs Monaten sahen wir, dass die Dinge eine üble Wendung nahmen, und dass die Araber auf einen schlimmen Streich dachten. Darnach erfuhren wir die Plünderung von Casablanca. Die Israeliten, die diese Stadt verlassen hatten, flüchteten sich zu uns. Wir nahmen sie in unsere Häuser und unsere Hütten auf. Bald kehrten sie zurück, die einen über Mäzagan, die anderen über Rabat. Als wir die Mehallah Nouley Rechids kommen sahen, hatten wir das Vorgefühl eines Ueberfalles. Denn wenn die Mehallah oder die Stämme Geld brauchen, so stürzen sie sich eben auf uns. Wirklich plünderten sie auch vor drei Monaten einen Teil des Mellah, die Meinungsverschiedenheiten unter den Stämmen sich zu nutze machend. Sie nahmen uns alles, was wir hatten. Es war herzlich wenig, und vielleicht danken wir es unserer Armut, dass wir das Leben behielten Nach dem Abmarsch der Plünderer hatten wir den Hungertod vor Augen Nach Casablanca konnten wir nicht gehen, weil die Araber uns den Weg versperrten, doch auch rückwärts konnten wir uns nicht bewegen, aus Furcht, anderen arabischen Stämmen in die Hände zu fallen, und so waren wir gezwungen, in den verlassenen Dörfern zu arbeiten Zum Glück kam ein Courier von Herrn le Maitre aus Casablanca, der einen Brief an den Scheik ben Omar brachte, in dem wir ihm empfohlen wurden Dieser reiche Araber nahm uns alle auf, gab uns wochenlang zu essen und zeigte sich von solcher Güte, dass wir nicht glauben wollten, er sei ein Araber Vor einem Monat kamen die Franzosen nach Settat. Die Araber flohen alle, viele Israeliten mit ihnen. Wir blieben, etwa 400 an der Zahl, in der Stadt, hoffend, dass die Franzosen die Stadt einnehmen würden. Aber nach mehrstündigem Aufenthalt brachen sie plötzlich auf. Kaum waren sie einige Kilometer entfernt, wir sahen noch ihre Feuerzeichen, als die Araber von den Bergen zurückkamen. Die folgenden 14 Tage waren furchtbar, und ich begreife noch nicht, dass wir sie überlebt haben. Alle Leute, die überhaupt sich bewegen konnten, verliessen die Stadt und flohen zum Ry Ayouch-ben Malca hinter den Bergen, den die Araber respektieren. Wir blieben in fortwährender Angst in der Stadt, in ewiger Furcht vor einer Plünderung. Einige Tage später rückten endlich die PYanzosen wieder vor Settat. Wissend, dass die Franzosen jetzt dableiben würden, plünderten die Araber ein letztes Mal die Stadt und führten einige mit sich fort. Die Zurückgebliebenen wurden von den französischen Truppen aufgenommen, die uns zu essen gaben. Man fragte uns aus, und wir antworteten, was wir wussten, dass die Mehallah nicht mehr kämpfen wollte, dass Zwietracht unter den' Stämmen herrscht. Endlich führte man uns nach Berschid zurück, eine Nacht schliefen wir in Medionna, und jetzt sind wir ohne Hoffnung auf Wiederkehr in unsere Häuser." Auf unsere Frage, was aus den anderen Israeliten geworden sei, deren 'es in Settat und in den Dörfern doch mindestens Tausend gegeben hätte, und von denen jetzt nur 150 vorhanden seien, erhielten wir den Bescheid: „Wir wissen es nicht. Viele sind in Casablanca bei ihren Verwandten, andere sind jenseits der Berge, und sicherlich viele unter den Arabern." Es kann nicht davon die Rede sein, die Flüchtigen zu repatriieren. Wir organisieren das Hilfswerk, geben ihnen Kleidung und Nahrung, und dann wollen wir für sie Unterkunft und Arbeit suchen, so dass sie sich unter die Bevölkerung mischen. Ich appelliere an die Grossherzigkeit des Zentral- Komitees, dass es den Unglücklichen Hilfe schicke. Pisa. Die Alliance Israelite Universelle hat Herrn Pisa sofort 5000 Francs zur Verfügung gestellt und weitere 2000 Francs nach Marrakesch geschickt, wo die Lage der Israeliten gleichfalls überaus misslich ist. Zwei Vergossene. Frankfurt a. M., Mitte Februar. (Orig.-Korr.) Ueber die zwei armen jüdischen Kinder, von denen Sie unter dem Titel ,,Zwei Verstossene" kürzlich erzählt haben, schreibt Dr. Abel weiter, dass das Bild des geschilderten Jammers die Massen gepackt habe. Innerhalb der letzten Tage erhielt er Tausende briefliche Sendungen mit vielen tausenden Unterschriften. Kleine Kinder, die kaum den Bleistift führen konnten, schrieben, Buben und Mädchen; Mütter und Väter, Arbeiter und Fürsten, ohne Unterschied des Alters, des Standes und des Glaubens. Es war wie ein Märchenhauch, der aus diesen Briefen herausdrang, wie eine Kundgebung aus einer anderen besseren Welt, deren Existenz man nicht ahnt, wenn man mitten in dem Gewühle menschliehen Wettbewerbes und der dabei entfalteten menschlichen Gemeinheit steht. Diese tausend Briefe sind ein Herzensgenuss für den Künstler sowohl wie für den Philosophen. Sie zeigen, dass der Idealismus mächtige Würzein im Volke geschlagen hat, mit wahrhaftiger Menschenliebe und freudiger . Opferwilligkeit. Was den tatsächlichen Erfolg der Veröffentlichung betrifft, so ist mitzuteilen, dass für die Zukunft der Knaben, soweit menschliche Voraussicht reicht, gesorgt ist. Von ( durchaus berufener Seite ist die günstige Beurteilung eines Gnadengesuches als höchstwahrscheinlich hingestellt worden. Der Frankfurter jüdische H i I f s v e r c i n will dann die Sorge für die Knaben, womöglich im Bunde mit der Lonoone r jüdischen Gemeinde, übernehmen, und zwar sollen die Kinder in eine englische Fürsorgeanstalt gebracht werden. Eine Anzahl von Lesern hat sich sogar angeboten, die Kinder in ihre eigenen Familien aufzunehmen. Wenn diese Anerbietungen auch edel gemeint sind und von hochherzigen Charaktereigenschaften zeugen, so rechnen sie doch zu wenig mit den gegebenen Tatsachen. Es handelt sich um zwei unglückliche Kinder, die mitten im Verbrechertum aufgewachsen sind. „Ich glaube zwar (meint Dr. Abel-Musgrave), dass sie in innerster Menschenseele unberührt blieben, und ich weiss, dass sie^ nur dem Zwange folgend, Opfer des Verbrechens wurden, doch kann ich die erzieherischen Schwierigkeiten nicht unterschätzen, welche sich einem veredelnden Einflüsse in den Weg stellen. Gewiss, die Kinder haben niemals elterliche Liebe verspürt. Sie haben niemals ein Heim gekannt, und was sie brauchen, ist Liebe auf heimatlichem Boden. Ich bin im Begriffe, wieder nach England zurückzukehren, und bitte deshalb, kjeinc Verzögerungen, die sich in einer etwaigen Korrespondenz einstellen sollten, zu entschuldigen. Herr Rechtsanwalt Dr. Georg Bcnkard in Frankfurt (Praunheimerstrasse 19) wird die Frage des Gnadengesuchs weiter behandeln. An ihn mögen alle darauf bezüglichen Briefe gerichtet werden." GSM£lNb5=UN» vgftekNSNftUtfiurceN Wien. (Z ü r Reform der jüdischen Armenpfleg e.) Der israelitische Hilfsverein „M a s k i 1 E 1 D o 1" geht daran, in der Armenversorgung eine nützliche Verbesserung einzuführen. Statt die armen Familien mit (k?ld zu unterstützen und Almosen zu verabreichen, will er Lebensmittel zu billigsten Preisen an arme Familien derart abgeben, dass der Verein . mit Kaufleuten die Vereinbarung trifft, dass sie den Familien', die die Lebensmittel mit Anweisungen des Vereines beziehen, diese zu einem um ein Drittel ermässigten Preise ausfolgen und dieses Dirttel vom Vereine ersetzt erhalten. Um die Mittel für seinen humanitären Zweck zu kräftigen, hat der Verein im Raimund-Theater am 18. Februar d. J. eine Wohltätigkeitsvorstellung veranstaltet. Wien. (Kaiser Franz Josef- Feri e nhei m.) Die Anmeldungen für die diesjährigen Rekonvaleszenten-, Herzkranken-, Skrophulosen- und Erholungskolonien des ^Ka^fejrj; Franz Josef-Ferienheim" ..werden vom 15. d, M. ab ^ri^fefe^ Tagen Mittwoch, Donnerstag und Freitag und in der Zeit' 'Vor* 4 bis 6 Uhr nachmittags im Vereinsbureau, IX., Türkensfrassc 17, entgegengenommen. Hiezu haben sich die Angehörigen des betreffenden Kindes (Vater, Mutter, Vormund oder Pflegeeifern) mit dem Kinde im Vereinsbureau einzufinden. Mitnahme eines Mittellosigkeitszeugnisses erwünscht. Es wird schon jetzt darauf aufmerksam gemacht, dass nach Abschluss der Anmeldungen, welcher anfangs April erfolgt, einlaufende Gesuche keine Berücksichtigung mehr finden können. Wien. (Hebräischer Konversationsklub). In , der nächsten Zusammenkunft, die Samstag den 29. Februar, präzise 7 Uhr abends, im Cafe „Brammer" (IX„ Liechtensteinstrasse 1) stattfindet, wird Herr Rafael Swerdlow, Lehrer im „Beth-hassefer l'banoth" in Jaffa, einen Vortrag über „Sozia-