Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. „Neue National-Zeitung" Nr. 9. sieht so ein Ding recht human und sozial aus, allein bei näherem Hinsehen erblickt man falsche, optimistische Berechnungen. Gibt es etwas Bedauernswerteres heutzutage als eine arme Mutter von ein paar heiratsfähigen Töchtern? Ich sage schnell: Nein! Denn würde ich zugeben, dass es noch etwas Unglücklicheres gibt, sämtliche töchtergesegnete Mütter Wiens und Umgebung würden mir fluchen. Ich würde mir also schaden. Sie begreifen! -ch sage also: nein, es' gibt nichts Bedauernswerteres. (Nebenbei: Ich freue mich schon auf die Unzahl von Zustimmungskundgebungen!) Nun. diesen Uebelstand haben auch schon viele Findige erkannt, und das ,,Versichern" — nicht auf Heirat sondern auf eine Ausstattung, ist ein rentabler Erwerbszweig geworden. Aber jeder kann sich's halt nicht leisten, lind ehe man diesen Gedanken zu Ende denkt, hört man auch schon, dass sich ein neuer Verein gebildet hat, der es jedem Mädchen ermöglichen will, am Tage der Hochzeit dem lieblich errötenden Erwählten ihres Herzens eine grossere Summe in die vor Aufregung zitternden Hände zu drücken. „Israelitischer Humanitätsverein zur Ausstattung heiratsfähiger Mädchen" nennt sich ein Unternehmen, von dessen Segnungen manch' holde Jungfrau ein Jahr vor der Hochzeit träumt. Ein Jahr nämlich muss man Mitglied des Vereines sein, um Anspruch auf eine Heiratsausstattung zu haben. W ie kommt nun der Verein in die Lage, eine solche Ausstattung abzugeben? Von der geringfügigen Ein - schreibegebühr und einem Depot von einer Krone kann er dieser Verpflichtung natürlich nicht nachkommen, denn diese Summen reichen kaum hin, den Verein zu verwalten. Er macht es also nach dem Muster der zahlreichen Krankenvercine, welche bekanntlich beim Ableben eines ihrer Mitglieder von sämtlichen Vereinsmitgliedern einen bestimmten Betrag verlangen, welcher dann den Hinterbliebenen ausgefolgt wird. Der Heiratsausstattungsverein fordert 'nun bei der Trauung eines Mitgliedes von jedem Vereinsmitgliede eine Krone. Die auf solche Art zusammengebrachte Summe wird dem heiratenden Mädchen als Ausstattung übergeben. Das ist ja recht schön und praktisch gedacht. Nun fragt man sich aber: Wer tritt diesem Vereine im wahrscheinlichsten Falle als Mitglied bei? Natürlich nur die ärmsten Mädchen, für die ja schon die Entrichtung der Einschreibegebühren, des Depots und der jeweiligen Krone ein kleines Opfer bedeuten. Vielleicht sogar ein schweres Opfer. Arme, arbeitende jüdische Mädchen, die mit der Entrichtung dieser Gebühren auf manches kleine Vergnügen verzichten müssen; für die der einzige arbeitsfreie Tag keine Oiase in der Wüste der Arbeitswoche mehr sein kann, weil sie ja sparen müssen. Mein Gott, wo kriegt denn heute ein blutarmes Mädel einen Mann? (Die Männer sind ja so schlecht, eigennützig usw.) Adieu Theater. Tanzschule, Konditorei! Nach einem Jahre . . . Denkt man an den praktischen Sinn, den jeder Arme in diesem Leben hat und haben muss, so ergibt sich doch von selbst, dass nur diejenigen dem Vereine beitreten, denen sich die rosige Perspektive eröffnet, nach Ablauf der Jahresfrist heiraten zu können. Das trifft nämlich nicht nur bei einzelnen, sondern bei vielen Hunderten Mitgliedern des Vereines zu. Tatsächlich hat er innerhalb einer kurzen Zeit eine Mit gliederzahl von nahezu 3000 erreicht. Da es nun im Statute ausdrücklich heisst, dass der Rechtsanspruch nach Jahresfrist eintrete, so werden doch nur die wenigsten dem Vereine früher beitreten; die meisten sind schon verlobt oder werden es bald sein. Und wenn sie es nicht wären? Was wird denn als die Hauptursache der numerisch geringfügigen Eheschliessungen angeführt? Worüber klagen denn alte Mütter und nicht mehr ganz junge Töchter? . . . Jeder verlangt heute „Mitgift". Und ohne Mittel heiraten, heisst in den meisten Fällen das Gift der .Sorgen in die Ehe mitbringen. „Gott sei Dank," höre ich Mütter und Töchter rufen, „das hat sich aufgehört!" . . . Denn nicht mehr wird der schönfrisierte Herr Schimmerl, erster Kommis bei Breit und Kiurz (Manufakturwaren, Import und Export) an Fräulein Elsa, der hübschen, aber „unversorgten" Maschinschreiberin vorübergehen. Sie hat mit dem gelben /Mitgliedsbüchlein des AusstattungsVereines sein Herz erobert. Und gewissenhaft erkundigt er sich täglich, ob die Zahl der Mitglieder gewachsen ist, setzt dann die Zahl in Kronen um, blickt auf den Kalender .... und lächelt wie ein Kassier, dem ganz unverhofft zehn Kronen zustehen . . . Allein, in seiner bis auf die Krone genau berechneten Liebe ahnt er nicht, dass jedes neue Mitglied ein Nagel zum Sarge seiner „Liebe" ist. Denn jetzt kommt eine sehr einfache Rechnung, die noch manchem Mitgliede des Vereines Kopfzerbrechen verursachen wird. Nahezu 3000 Mitglieder zählt der Verein; nehmen wir an, dass nur zwei Drittel der Mitglieder nach Jahresfrist auf ihre Ausstattung rechtlichen Anspruch erheben würden. Da ergibt sich die merkwürdige Tatsache, dass jedes Mitglied 2000 K zu bezahlen hätte. Das wäre also das reine Austauschgeschäft: Ein Mitglied schenkt dem an deren 2000 K. Zu welchen Komplikationen kann das führen! Die Mitglieder glauben sich bloss zu einer Krone verpflichtet zu haben; die paar Tausend des Anspruches haben es ihnen angetan. Wohl lehrt die Statistik, dass sich dje Zahl der jüdischen Eheschliessungen in, "Wien zwischen 800—900 jährlichibewegt. Ja, aber wir hören ja Mütter und Töchter jammern, woran das liegt! Nun soll sich das ändern. Ich verweise auf den Fall des plötzlich so liebebereiten Kommis. Er repräsentiert keinen Einzeltypus. Jetzt naht zu allem Unglück hoch die mimnigliche Frühlingszeit, und sie tut das ihrige, um dem gelben Büchlein zum Siege zu verhelfen. Am Franz Josefs- Kai trippeln die Mädels, aus ihrem Handtäschchen lugt verschämt das Vereinsbüchlein, und hinter ihnen laufen im Sturmschritt die Jünger Merkurs ..... Es macht sich . . . Da kommen die Zahlungen! Und was jetzt herausschaut, ist die Nussdorfer Spar- und Vorschusskasse. Ist ein kleines Panama. Wir wollen's nicht wünschen. Aber es handelt sich hier um die schönsten Hoffnungen armer, junger Mädchen. Es gilt, sie vor herben Enttäuschungen zu bewahren. Deshalb ist es gut, auch dem Ernste Raum zu geben und die Frage zu stellen: Sind sich die Herren 'Vereinsleiter ihrer Verantwortlichkeit auch bewusst? . . . An ihrem gutem Glauben wollen wir vorläufig nicht zweifeln. Aber es können Situationen kommen, die ihnen über den Kopf wachsen, und das würde zu traurigen Konsequenzen führen. Es würde also nicht schaden, wenn sich das kompetente Versicherungs-Departement die Sache näher besehen würde.