Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. Seite L gründe schlummert, kann niemand ermessen! Ob das -Bajonett als wirksamer Schutz der Juden schon ftir immer ausgespielt hat,, ist zumindest noch hicht erwiesen. Der jüdische Soldat sollte sich nur eines vor Augen halten: Sein Verhältnis als Sohn des jüdischen Volkes zur iGesarmtarmee, die wieder nur die! Stütze der Interessen jder Gesamtmonarchie ist. „Was wollen Sie" sagte mir neulich ein christlicher General, den (ich über einen verstorbenen jüdischen Kameraden befragte. „Es wäre ja falsch und unkorrekt seine .Verdienste schmälern zu wollen; aber ich und die übrigen Kameraden konnten ihn nie recht leiden. Er hatte immer eine Art mit seinem angeblichen Deutschtum zu protzen, die uns Deutsche verletzen musste." Was die jüdischen Soldaten in ihrem nur bescheidenen Wirkungskreise in der österreichischen Armee zu tun in der Lagj waren, haben sie niemals schlechter, häufig jedoch auch besser getan. Sie erhielten auch (jrx früheren Zeitläufen ihren verdienten Lohn, und (hatten das erhebende Gefühl von den berufenen Kreisen ,ah gleichwertig betrachtet fcu werden, wodurch ihre Kräfte und Ehrgeiz zu immer neuer Schaffenskraft Und Dienstfreudigkeit entfacht wurden. Der jüdische Soldat, vornehmlich der jüdische Offizier, besitzen diese 'Soldatentugenden heute nicht minder, ja sie 'sind noch viel ausgeprägter. Und doch lautet heute die Parole: „Man mag den Juden nicht!" Wer trägt da die Schuld? Dr. ü. BRETTHOLZ (Triest.): ©ie Spaniern in föosnien. Den Artikel des Herrn J. Jovanovics über „Die Juden in Bosnien" habe ich mit Interesse gelesen. Da mir die [Verhältnisse der spaniolischen Juden aus eigener Anschauung Wohl bekannt sind, haben mich die Ausführungen besonders interessiert. Der Artikelschreiber hat alles von seinem Standpunkt beurteilt. Der Spaniole ist in jeder Beziehung hinter dem aschkenäsischen Juden zurückgeblieben. Einst, im 12.—13. Jahrhunderte haben allerdings die Spaniolen der Welt, der wissenschaftlichen, den Weg gezeigt, was man, wnd wie man auf talmudischem Gebiete weiter die traditionellen Lehren entwickeln kann und soll; ich nenne nur einen Namen, um mich da auf gar keine wissentschaftliche oder gar geschichtliche Ausführungen einzulassen: Maimon i d e s. Diesen 'M^n hat kein Gelehrter in 1 den folgenden Jahrhunderten übertroffen — ja trotz der aufblühenden, tiefen talm idischen Gelehrsamkeit in Polen, ihm ist auch keiner nahe gekommen bezüglich des reinen Denkens und wissenschaftlichen Ordnens des gewaltigen Stoffes. Auf dem Gebiete der Dichtkunst, der Philosophie, der grammatischen Sprachforschung, — wer würde nicht zugeben, dass Spanien bis zum 16. Jahrhundert tonangebend war! In den Niederlanden, .Hamburg usw. haben dann die Spanier noch .mit einer Art mitleidvollen Stolzes auf die „Aschkenasier" herabgesehen, ungefähr wie heute ein englischer, italienischer, deutscher oder französischer Jude auf seinen Glaubensgenossen aus Polen. Ja, sogar zurzeit des Syncdrions in Paris unter Napoleon — wie benahmen sich da die Spaniolen! Aber auch da war dieser überlegene Stolz^ dieses Herabsehen schon nicht mehr angebracht, es war noch ein „Zehren vom alten Fett". Heute Jbringt der Spaniole noch den alten Stolz - - aber ohne jede Berechtigung — dem aschkenäsischen yjuden gegenüber zur Schau. Ohne Uebertreibtaig darf ich es Wim! »agen^ Die spanföÜschen Juden stehen heute auf einem tiefen Niveau. Ich habe in Banialuka, Derwent, Semlin (Slavonien) und in anderen bosnischen Städten den Charakter der dortigen Juden studiert und mit tiefer Beschämung die Wahrnehmung gemacht, dass sie erstens eine Unterwürfigkeit den türkischen Beys gegenüber an den Tag legen, wie im Mittelalter der polnische Jude , der Arendär, seinem „Puric" gegenüber. Es verletzt geradezu einen Kulturmenschen, wie der spaniolische Jude wegen der paar Pfennige kriecherisch dem Andersgläubigen "mit Handküssen „Buckerl macht". So weit die jaussere Stellung; "die innere Verfassung ist noch schlimmer. Geschichte, Talmud, Philosophie, geregelter Gottesdienst sind bei ihnen ganz unbekannte Begriffe. Nachgiebigkeit, Versöhnlichkeit, Mitwirken, friedliches Mitarbeiten mit den anderen Glaubensgenossen, um die. Ausgestaltung der Gemeinde, ausgeschlossen! Abge - schlössen wie mit einer chinesischen Mauer wollen sie keinen Lichtstrahl des Fortschrittes in ihre finsteren Anschauungen hineinleuchten lassen. In den sogenannten Synagogen, die vielmehr „Klausen" sind, ein näselndes, eintöniges, das Ohr verletzendes unästhetisches Heruntermurmeln, ohne kantorale Funktion! Eine ftn der Landessprache gehaltene Predigt, eine erbauende, tröstende Rede bei gewissen Anlässen, ist 'unbekannt. Die Verheiratung findet meist snur unter sich statt, als Wenn der von „Europa" herübergekommene Glaubensgenosse „minderwertig" wäre. Einzig und allein — die hebräische Sprache — die wird auch (nur im gewissen Sinne gepflegt, ohne jedes Interesse für moderner Literatur. Ich habe in grossen Zügen nur den Eindruck wiedergegeben,,|den ich gewonnen habe, und es [wäre die höchste Zeit, wenn man sich in der Tat der Spaniolen, der Nachkommen, der Träger dieser mannesstolzen, selbstbewussten, gelehrten "und allseitig gebildeten einstigen Spamolen annehmen würde. Aber diese, die jetzigen Spaniolen, müssten zuerst xur Einsicht kommen, lihrc Armut anerkennen und. sich leiten lassen. MAX SCHACHERL: Jgin kleines f)anattia. Unsere Zeit der wirtschaftlichen und geselligen Kartellierungen zeitigt die sonderbarsten Spezialitäten auf dem Gebiete des Vereins wesens. Wir haben heute Vereine und Tischgesellschaften mit deni eigenartigsten Tendenzen. Nicht immer ist des Lebens schwerer Ernst die unmittelbare Voraussetzung einer Vereinsgründung; es mag sich ereignen, dass die in ihrer narkotischen Existenz gefährdeten Pfeifenraucher zur Gründung eines Bundes der Gleichgesinnten schreiten. Es gibt aber noch dümmere Zwecke. Ich habe den Statthaltereireferenten für Vereinsstatuten immer beneidet; denn lieh kann, mir's denken, dass ihn die tägliche Berufslektüre immer frohen Sinnes erhält. Dass viele Vereinsgründungen dem sozialen Zuge unserer Zeit ihre Existenz verdanken, ist jedem Einsichtigen klar. Manchmal aber