Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9. „Neue National-Zeitung" Seite 3. von den Revolutionsspielereien früherer Zeiten (niedergehalten werden kann — als Stütze der prinzipiell oppositionellen „Fortschrittspartei", deren liberaler Kern, welcher, wenn er echt wäre, der Sammelpunkt der Juden sein müsste, von Jahr zu Jahr deutlicher sein fratzenhaftes Wesen zeigt. Es spricht uns allerdings manches Anzeichen dafür, dass die Juden der Ostmark sich von ihren bisherigen politischen Führern loszureissen beabsichtigen, nicht zum Nachteile ihrer politischen Geltung. Misstrauen wegen der nationalen Stellungnahme und politische Gegnerschaft verstärken also bei uns den schon durch den Rassenunterschied bedingten Gegensatz. (Schluss folgt.) M0R1Z FRÜHLING : ©ie ^Judtn in der österreichisch« ungarischen ${rffiee. „Ich liebe mein Vaterland zu sehr, um dessen traurige Geschichte zu schreiben.'' So oft das bisher Von niemandem beachtete und d°ch so interessante Kapitel jüdischer Geschichte — 'die Juden in! der österreichisch - ung irischen Armee -- angeschnitten werden soll, kommt mir diese Antwort eines bedeutenden österreichischen Ministers der Vormärz-Epoche auf die; Frage, warum er seine Erinnerungen nicht veröffentliche, in Erinnerung. Hochinteressant ist dieses Kapitel jüdischer Geschichte allerdings, aber auch unsäglich traurig zugleich! Diese beiden Grundtöne, die durch den ganzen, bald hundertzwanzigjährigen Verlauf jüdischen Soldatentums mitschwingen, haben sich zu einem unzertrennlichen Akkord verschlungen, und es ist fast undenkbar, nur die interessante Saite anzusehlagen, ohne dass die ischrille zweite, die Harmonie störend, nicht mitklingt. Ich liebe aber mein Volk zu sehr, um dessen [interessanten Geschicke, trotz der traurigen Begleiterscheinungen, zu verschweigen, und aus der Fülle dieser Empfindungen möchte ich auch der Spannung, die jahrzehntelang, ohne sich zu entjLaden, in der jüdisch-militärischen Lüft liegt, auf den Grund zu kommen versuchen. Die Lage der Juden in der Armee ist bis jetzt noch eine terra incognita. Wer weiss auch etwas über jüdische Soldaten? Wie haben sie sich wahrend des langen Zeitraumes in (den vielen kriegerischen Aktionen, beginnend mit den letzten Türkenkriegen, verhalten? Haben sie immer und überall ehrenhaft ihre Pflichten erfüllt? Stellten auch sie gleich den anderen ihre Tapferen Und Braven? Hierüber weiss niemand auch nur 'annährende Angaben zu machen. Hie luia da geht durch irgend eine jüdische Zeitung ein Rauschen, dass Hauptmann X., noch Jude, zum Major avancierte, oder es wird die leider allzuhäufige Mitteilung über den Selbstmord eines jüdischen Soldaten gebracht. In den Austrittslisten mancher Zeitungen begegnet man wieder, leider auch allzuhäufig, Namen jüdischer Offiziere, die es für gut fanden, ihrem Volke den Rücken zu kehren, wobei die Ursache der Taufe, die Erreichung eines höheren Ranges, allerdings hinzugedacht werden muss. Und doch hat das jüdische Volk mehr geleistet, als mitunter einen Ober- oder auch Stabsoffizier hervorgebracht! Es hat in mehr als hundert Schlachten, Gefechten, Scharmützeln und Belagerungen geblutet. Tausende jüdischer Soldaten hauchten lauf den verschiedensten Schlachtfeldern Europas, im unwirtlichen Serbien, in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden gegen den grossen Korsen, auf den sonnigen Gefilden Italiens, in Ungarn, und den Eisfeldern Russlands ihre Seelen 'aus, und Unzählige, haben auf dem Felde der Ehre viele Beweise hoher Pflichttreue, hervorragender Tapferkeit und vorzüglicher Manneszucht gegeben. Wo immer, Wanderer, du in Europa d'm österreichisches Kriegerdenkmal siehst, sind auch Namen heldenmütig gefallener jüdischer Soldaten darauf anzutreffen. Man könnte auch einwenden, dass dies alles noch lange kein besonderes Verdienst ist, und als blosse Pflichterfüllung „gehorsam den Gesetzen ihres Landes" einzuschätzen .sei. Aber die unzähligen Taten jüdischer Soldaten, welche sich durch hervorragende freiwillige Leistungen, durch besonde - reu Mut und entschlossene Aufopferung unsterbliche Verdienste erwarben und deren Namen in den. einzelnen Regimentschroniken für immerwährende Zeiten als nachahmenswerte Muster für künftige Geschlechter rühmlichst eingetragen sind, treten nus dem Rahmen gewöhnlicher Pflichterfüllung und werden Heldentaten, die die Kriegsgeschichte auch als solche gebührend würdigt. Der Infanterist, der aus einer belagerten Festung sich freiwillig fortschleicht, durch mehrere heimliche Vorpostenlinien, einigemale angeschossen, sich glücklich durchwindet, und nachdem er fast drei Wochen nur von Fcldfrüchten lebend, in banger Angst, ergriffen und niedergemacht zu werden, mit vom Körper herum« '.hangenden, verfaulten l etzen nach Wien kommt, .und hier die Meldung von der äusserst prekären Lage seines Korps erstattet, ist auch im Kriege keine durchschnittliche Erscheinung. Einen ähnlichen Fall aus der polnischen Geschichte hat Sienkiewicz in seinem berühmten Romane- ,,Mit Feuer und Schwert" künstlerisch verherrlicht, und während dieser Held - Skrzctuski einem jeden Mittelschüler geläufigsein muss, dürfte die jüdische Wichwelt dem Infanteristen Jakob Brodsack ailer Wahrscheinlichkeit nach keine Kränze flechten. Oder jener Fahnenträger, der seinem ins Herz getroffenen Freunde, die Hand drückt "und nur an die Rettung der Fahne, die der Hand des Getroffenen entsinkt, denkt. Von unzähligen Feinden verfolgt, eilt er der Elbebrücke bei Königinhof zu; die Verfolger holen ihn ein, Guttmann Fischer schiesst den einen nieder, schlägt dem zweiten mit dem Gewchrkolben den Schädel ein, "und haut sich' mit dem Bajonette - immer nur mit einer 'Hand, die andere hält das Palladium fest - durch. Die ihn unisausenden und zischenden Kugeln schüciitern ihn nicht ein, er bleibt nicht stehen, um das Zeichen der Unterwerfung zu machen, er rennt weiter der Rettung winkenden Brücke zu. Da, eine Kugel, sie hat ihm dien Tschako durchlocht. Gtutt-- mann denkt nicht an sich, denkt nur an die Rettung der Fahne. Ein 'zweites Projektil trifft ihn, verwundet ihm den jFuss; macht nichts. Guttmann hinkt auf dem einen Fusse der Brücke zu, übergibt die Fahne einem Offizien-, und bricht zusammen. „I(hr habt keine Patronen, wohlan! Hier liegen- Steine; verteidigt euch mit diesen", schreit Feldwebel Aron Jakots in einer verzweifelten Situtation am Cypressenwäldchen bei Solferino seiner Ab-