Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 9. Wenn auch die Zentralbehörde das in ihren Kräften stehende tut, um den 'Antisemitismus einzudäm^ men, wenn auch die Ansiedlungskommission sich bemüht, in wirtschaftlichen Dingen das Recht der jüdischen Deutschen gegenüber dem der Nichtjuden nicht zu schmälern, so hat doch keine Macht der Welt einen; Einfluss auf die untergeordneten ausführenden Organe. Diese sind zum überwiegend grössten Teile antisemitisch und betätigen diese ihre Stellung zu uns bei allen;sich bietenden Gelegenheiten. Die Juden schliesslich bedürfen gerade {unsererseits der eingehendsten Besprechung, denn nur durch gerechte Kritik bieten wir, wofern wir überhaupt hier leben; wollen, den Deutschen die Möglichkeit, auch ihre Position 'uns gegenüber zu revidieren. Heute, da die Polen kein {Mittel unbenutzt lassen, sich hermetisch fest gegen alles Nicht-Polnische abzuschliessen, bleiben wir auf die Deutschen, angewiesen; denn von den Juden allein können nennenswerte Zahlen von Juden im Osten (nicht existieren. Der Kürze halber stelle ich Juden den Deuti sehen gegenüber, wiewohl kulturell eine Trennung des Begriffes „Deutscher" in Juden und Deutsche, das heisst vorwiegend Protestanten, entwicklungsgeschichtlich eine Lüge ist. Auch die neueren wissenschaftlichen Werke lehnen ja diese Trennung ab, legen aber auf die getrennt-konfessionelle Betrachtung grossen Wert. So interessant es nun auch ist, die Fehler der preussischen Politik in der Polenfrage seit den dreissiger Jahren, 4er Zeit der Erweckung Polens, zu betrachten, so wertlos für die heutige Zeit ist eine solche Besprechung, da alle Bedingungen sich geändert haben. Anders verhält es sich mit den Juden: wir stehen heute vor einem Wendepunkte, den politisch auszunützen unsere Pflicht -gegen uns lund gegenüber dem Deutschtum ist. Jetzt ist auch keine Zeit mehr zu sentimentalen Betrachtungen über das gleiche Schicksal der Polen und Juden, die wir ja beide in (gleicher Weise unter der Bedrückung leiden. Wir stehen vor 'der Frage, Mann; für Mann: Wollen wir im Osten bleiben oder wollen wir abwandern? Und da wir nicht in der zweifelhaft glücklichen Lage sind, auf Stipendien, Unterstützungen, amtliche Empfehlungen und ähn - liehe Beihilfen uns stützen zu können, sondern in ehrlicher Arbeit unseren Lebensunterhalt erringen müssen, dürfen wir diese Frage so formulieren: Sind die Lebensbedingungen in der Ostmark für uns haltbar oder nicht? Können wir etwas zu ihrer Besserung tun? In den dreissiger Jähren waren Handel und Industrie der Provinz Pjosen fast ausschliesslich in den Händen der Juden. Letztere bestand in Grossindustrie, der Tuchmacherei und der Kleinindustrie, dann Handwerk verschiedenster Art. Die Sperrung" der russischen Grenze zog jene nach Russland, wo vor allem in Lodz das Fabrikswesen aufblühte. Die Kleinindustrie wurde durch die Fabriken des Westens abgelöst. Hiermit wurden auch eine grosse 'Anzahl von Kaufleuten in ihrer Existenz erschüttert: .der Westen und die Neue Welt zogen sie an sich än. In eben dieser Zeit begann der Abschluss der Polen. Später 'wurde durch die Schutzzollpolitik der benachbarten Mächte der Grenzhandel vernichtet. Die polnische Genossenschaftsbildung und der Boykott machen den jüdischen Handel zum grossen Teile Unmöglich. Dieses sind zunächst die wesentlichsten Momente zur Schwächung der jüdischen Position, also Momente, welche nicht auf Rechnung des reinen Antisemitismus zu .setzen sind, denn selbst die polnische Abschlusspolitik hatte bis vor kurzem nichts mit ihm zu tun; jetzt erst versuchen Prediger christlicher Nächstenliebe durch Judenhetze den Rest dessen, was von polnisch-jüdischem Geschäftsverkehr noch geblieben, zu vernichten. „Denn es sind Diener Gottes! Sie setzen Die göttliche Liebe sich zum Prinzip! — Dass sie dich verleumden, verklagen, verletzen? Dein Leben vergiften? Zu Tode dich hetzen? . . . .... Nur Gott zu lieb! Nur Gott zu lieb!" (A. De Nora.) In dieser Zeit machte sich das judenhetzerische Gebahren der Deutsch-Kolonisatoren wohl schon gesellschaftlich, aber weniger wirtschaftlich geltend; denn auf dieser Seite begann der organisierte, wirtschaftliche Kampf, welcher auf polnischer Seite schon in den dreissiger Jahren einsetzte, erst mit der Gründung des Ostm lrkenvereines (1894). — Man muss sich hüten, selbst die deutsche Genossenschaftsarbeit, welche eine Ergänzung und Mitarbeit der preussischen Ansiedlungspolitik (1886) ist,!mit der Judenfrage an sich zu verquicken. Wahr ist,, dass diese beiden mächtigen Kampffaktoren gegen das Polentum Juden in grosser Zahl aus ihrem Broterwerb gedrängt haben, aber nur durch das Wesen der Genossenschaft ist das zu erklären, welche den christlichen Zwischenhändler nicht weniger hart betrifft, als den jüdischen. Die Konkurrenz der kgl. preussischen Genossenschaftsarbeit ist für den freien Handel aber auch deswegen so gefährlich, weil diese in den Zeiten grösster Geldknappheit mit 2—3 prozentigem Gelde wirtschaftet, ein Zinssatz, welcher von jenem wohl niemals erreicht werden wird. Für den freien Gewerbebetrieb bleibt aber die Hauptmasse der Deutschen noch übrig. Uhd während Genossenschaften und Ansiedelung gar nicht daran denken, den jüdischen Gewerbetreibenden mit Stumpf und Stiel aois ihren Betrieben auszuschalten, vielmehr mit diesen recht reichlich und wie ich vielseitig höre, zu beiderseitiger Zufriedenheit arbeiten,;tritt in dem freien Verkehr die Judenhetze deutlich schädigend auf. Was häAen wir also zur Besserung unserer Lage zu tun? Die Juden haben bis heut niemals so recht offen Partei ergreifen können. Sie wurden von beiden Seiten hin- und hergestossen und sahen nicht, dass sie tatsächlich eine immense [Macht waren oder vielmehr gewesen;wären, wenn sie mit politischer Schulung sich organisiert hätten. So kam es, dass: die Polen sich von .Ihnen abschlössen, als Folge ihrer monro istischen iKampfprinzipien und dass [die Deutschen nicht wussten, woran sie mit den Juden; sind. Dazu trat die unselige Sucht der eben erst von dem Ghetto befreiten Ostjuden, denen man noch vielfach dais Unfreie, eine Folge des Schlachta- Fusses ansieht, isich partout zu „betätigen". Hierbei wählten sie die (falscheste aller Betätigungen, die parteipolitische. Ueberschätzung des Parlamentswesens, und in diesem 'mit rührend-kindlicher Naivität in dem greinen Liandwirtschaftslande, an der russischen Grenze, "mitten in einem Volke, das nur} durch die Furcht vor den preussischen Bajonetten