Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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nbe WOMQL-ZHCUNG RERAUSGgBe*: DrS.R.LANDflU:! X. JäHSGäNC WIEN, 28. FHB^ÜAH 1908. N*. 9. Dr. CARL KASSEL (Posen): Die ßuden in der protfinz |)osen. Das komplizierteste Problem in der inneren Politik Preussens ist beit vielen Jahrzehnten die Polenfrage. Sie ist keine?wegs mit der gleichen Frage in Oesterreich oder Russland auf gleiche Stufe zu stellen. Denn der Durchschnitt des preussischpolnischen Menschenmatcrials, mit dem wir es hier zu tun haben, steht dank der Erziehung durch die deutsche Schule und dank den besseren Verkehrsverhältnissen, welche ja für die kulturelle Entwicklung von grösster Bedeutung sind, auf unvergleichlich höherer Kulturstufe. Und da Nationalkämpfe innerhalb eines Landes heute vorwiegend wirtschaftlicher Art sind und die Imponderabilien in Gestalt von Xationalstolz, Stammesbewusstsein u. s. f. grössere Bedeutung bei kultivierten Personen gewinnen, als bei Unkultur, so .ist schon hieraus zu schliessen, dass der Ernst der Lage für die preussische Regierung nicht zu unterschätzen ist. Vor Revolutionen hat diese sich nicht zu fürchten. Aber auswärtige Verwicklungen könnten einmal das Polenproblem in schwieriger Weise in den Vordergrund der Ereignisse drängen. Diese Fragen sind nicht ohne Einfluss auf die Erwägungen, welche wir als Juden anstellen wollen. Auch müssen wir uns hüten, die Ostmarkenfrage ausschliesslich von dem Gesichtspunkte des Nutzens oder Schadens für 'uns zu beurteilen, diese vielmehr daraufhin untersuchen, ob vor allem die Schädigungen als beabsichtigte zu betrachten .sind oder ob sie im Wesen 'sonstiger Verhältnisse gelegen sind. Wollen wir hier vtorerst in kurzen Zügen die Lage der Juden in der Ostmark Preussens besprechen, so wird ein sch?j*f umschriebener Situationsplan die Aufgabe erleichtern. Die Polen propagieren seit Jahrzehnten «Jen volligen gesellschaftlichen und merkantilen Abschluss. Den ersteren führen sie besonders auf dem Lande ihren Gutsnachbaien gegenüber nicht scharf durch. Der wirtschaftliche Boykott ist durch das polnische Genossenschaftswesen erst ermöglicht worden. Was dieses dem freien Handel, also dem geschäftlichen Verkehr vorwiegend mit den Juden, übrig gelassen hat, wird jetzt seit -Monaten durch schärfste Judenhetze seitens polnischer Geistlicher den JucUn zu entreissen versucht. Also: der Pole kommt für Erwägungen unsererseits gar nicht mehr in Betracht. Er wird auch dafür sorgen, dass in einem Friedensschlüsse zwischen Deutschtum und Polen, an welchen ich zwar nicht glaube, weil der Protestantismus einen neuen Canossagang gar nicht verträgt, der Jude, als Vertreter der dritten Partei, beiseite gestossen wird. Die Deutsche n, mit denen uns alle Kulturinteressen, ätasserlich auch die Sprache, in der Bollwerkfrage gegenüber dem Östlichen Slaventum verbinden sollten, sind in keiner Hinsicht als einheitliche Masse zu betrachten. Sie sind, — sehen wir zunächst einmal ganz von den Juden ab — schon durch die Trennung zwischen dem grossen Beamtenheere und den Gewerbetreibenden und durch die unüberbrückbare Spaltung zwischen den einzelnen Kategorien des ersteren dem Polentum als Werkzeug des Kampfeis nicht gleichzustellen. Wirtschaftlich bietet das erwerbende Deutschtum das Bild einer wettlaufenden Masse. Ziel: Futtertrog der Regierung. Weder dem Volkswirtschaftler noch dem Aesthetiker eine Augenweide! Aber für die Juden die selbstverständliche Folge: Antisemitismus von Konkurrenz wegen. Dazu tritt natürlich der Antisemitismus der Beamtenschaft, über dessen Wesen ätiologisch sich ja die wenigsten Träger dieser Bewegung klar sind. Dieser Strömung gegenüber, der einzigen, in welcher das Deutschtum geschlossen zusammenhält, wird die Lage des Judentums eine verzweifelt schwierige.