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Neue Nationalzeitung · 1908-02-21 · Heft 8 (21.2.1908) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 8. „Neue National-Zeitung" Seite 11. "Peuilleton. >k p*a$e. (Aus dem Englischen von Ida Pollak.) Die Baale-Batim kehrten; vom. Merchatz zurück, tund ihre feuchten Barte und Ohrlocken glänzten 'in •der untergehenden Sonne. Daheim war das Weibervolk geschäftig, „Sabbath m machen". In einigen Häusern waren die Tische -chon teilweise gedeckt, ■die Stühle ordentlich herumgestellt und die rote Oberfläche des Kiddusch Weines spiegelte sich in <len glänzenden Messingleuchtern wieder. Was sich sonst noch im :Hause befand, war jedoch um diese Zeit ganz Heiterkeit, Lärm und Unordnung, denn der wichtigste Bestandteil des Haushaltes, der Scholet oder Tsolet, war gerade im Werden begriffen. Drunten im Beth Hamidrasch hatten bereits ■die meisten Dinge ihr vollständiges Sabbathaussehen, per Fussboden war gekehrt und mit feinem Sand bestreut, die Kerzen (waren in die Messingkandelaber gesteckt. Auch die Hängelampen waren gefüllt und geputzt. Die wunderlichen Gemaras und andere Bände und Bücher, welche während der ganzen Woche überall verstreut .herumlagen, wurden alle zusammengelesen und in einem grossen Kasten nächst der Türe übereinandergeschichtet; die Tische waren jetzt mit einem reinen weissen Tischtuche bedeckt. Perez, der Schames, vollendet gerade die letzte seiner Arbeiten und das war die zarteste und süsseste vion allen. In seinen 'Hemd- .armem und dem 'kegelförmigen Sammtkäppchen, stand er mit verschränkten Armen und kritisch geneigtem Kopfe in der Nähe der Bundeslade Mnd summte unbewusst die ganze Zeit Melodien aus der morgigen Haphthora. Er betrachtete mit liebender Bewunderung die schonen, seidenen, über und über mit Silber und Gold bestickten Vorhänge, Idie er an dem geheiligten; Repositorium, vor welchem er stand, befestigt hatte. Ein solches Porocheth hatte man vorher noch nie gesehen. Kein Wunder. Es kam direkt aus Wilna; Hannah Simons hatte darum gesandt, als 'sie die Nachricht erhielt, dass sie zum erstenmal Grossmutter geworden sei und ihr Sohn, der in der benachbarten Stadt lebte, Vater, wenn auch nur von einem Mädchen. Aber Hahnah wurde dadurch auf jeden Fall eine Babe.j Selbsverständlich wusste maxi, dass Hannah das Porocheth jn Erwartung des glücklichen Ereignisses, eine Zeitlang in ihrem Koffer aufbewahrt hatte, denn sie konnte es doch nicht in derselben Woche herbeischaffen; damit ist iaber doch nicht gesagt, dass das Porocheth nicht direkt laus Wilna kam. Sabbath-Abende wurden sowohl im Beth Hamidrasch, als auch 4m Cheder als Halbfeiertag gerechnet. Während Perez vor der Bundeslade in seine tiefen und frommen Studien versunken war, hatten sich die „Lettner" am anderen Ende des Beth Hamidrasch zu einem Ktnauel zusammengeschart, um auf eine der Geschichten) Itzigs, des Witwers, zu hören. Nur Netoemiah, der Rebbele oder Dayan, und Leibtzig, der Bation, fuhren fort „zu Jemen". Denn Nehemiah hätte um seiner selbst ^villen niemals aufgehört i,,zu lernen", und Leibtzig hatte jedenfalls keine' Zeit etwas( davon zu verschwenden. < Leibtzig, nebbich! hatte einen „schweren" Kopf. Er hatte die ganze Zeit seines Lebens gearbeitet, um sich zum Rabbi vorzubereiten, aber so tief er auch in das Meer des Talmuds tauchen mochte, es konnte ihm niemals gelingen, soviel Material herauszufischen, um den Mantel eines Rabbi daraus zu machen. Gott war gut, und selbst wenn man mit sechzig Jahren Rabbi werden konnte, so war es noch immer wert, dafür geboren zu sein. Aber man musste arbeiten und arbeiten, und durfte nicht einen Moment erschlaffen. Itzig, der Witwer, wusste eine niemals endende Kette von Geschichten, entweder von G a o n von Wilna, oder von Napoleon dem Grossen zu erzählen. Manchesmal spann Itzig seine Fäden um beide grossen Gestalten, und dann hatte es den doppelten Wert, ihn zu hören, und auch zu sehen. Itzig war, jeder Zoll, der geborene Geschichtenerzähler. Er arbeitete mit Händen *und Füssen, und dem ganzen Körper, und wusste seinen Erzählungen Leben und Farbe zu verleihen. ,,Kinder", begann Itzig an diesem Freitag-Abend, indem er seine lange Pfeife anzündete und ein oder zwei Züge machte, „ich will Euch nun erzählen, was an einem Sabbath-Abend, drei Meilen von Wilna am änderen Ufer des Flusses Walia passierte, als Napoleon, der Grosse, mit fünf Millionen, FranaoEon hiehcr kam, um sich selber zum Kaiser von Rjussland zu krönen und unsern eigenen Kaiser nach Sibirien zu schicken. Ihr müsst wissen, mestoma, dass Napoleon sich einen Tag und eine Nacht in Wilna aufhielt. Nu, Kinderlach, lassen m's 's so sein, Tatsache ist, dass Napoleon sich nicht einen Tag und eine Nacht in unserer Stadt hätte aufhalten können, wenn er Quartier für fünf Millionen Soldaten gewünscht hätte; Wilna war gross genug dazu. Aber mei' Kaschye is ganz anders. Warum wollte Napoleon gerade nach Wilna kommen — warum ging er nicht nach Moskau? Wos noch eppes Wilna? Nu, ich will's Euch sagen. Napoleon sagte sich, dass er in der Milchomo mit den Kossaken kein Glück haben werde. Er war auch noch von etwas anderem irritiert, und das war die Kälte in unserem Lande, wo, wie wir wissen, seine Soldaten wie Fliegen "fielen, ohne dass ein 'einziger Kosak sie berührt hatte. Nu, was meint ihr, Napoleon war gar kein Narr, und er denkt bei sich, er) will zuerst einen Spaziergang nach Wilna machen, und den Gaon bitten, ihm zu prophezeihen, wie das alles ausgehen werde. Nu, und hätt' es der Gaon getan? Wartet ein Bisschen Kinderchen! Der Gaon wusste sehr gut — me dar! noch frogen! — wie es ausgehen werde, dass Napoleon mitten in der Nacht von Moskau davonlaufen und den König von Preussen bitten muss, ihn vor den Kosaken zu Verstecken. Aber der Gaon wusste, dass, wenn er dies, oder sogar nur die Hälfte davon dem Napoleon gesagt hätte, Napoleon überhaupt keine Schalos mehr gestellt, sondern ihn auf dem Flecke getötet haben würde. Und was tut also der Gaon? Er nimmt seine Gemara unter seinem Rock und geht hinaus aufs Land, um sich vor Napoleon zu verstecken. Napo-

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