Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. „Neue National-Zeitung" Nr. 8. leon aber schlief bekanntlich niemals und wartete auf den Gaon, während die Generale und Minister ihn draussen suchten. Aber sucht heute, sucht morgen, — nit kein Gaon. Am Nachmittag des nächsten Tages, es war Sabbath - Aoend, machte Napoleon mit einigen seiner Genevüe und Minister einen kleinen Spaziergang in der Nähe der Stadt. Sie waren ungefähr drei Werst gegangen, als sie aus der entgegengesetzten Richtung ein Jiddcle in der Mitte der Strasse daherkommen sahen. Wer glaubt Ihr war das Jiddele? Es war wirklich der Gaon selber, ein feines Jiddele, ha! Er kam gerade Vom Flusse herauf, wo er lekowed Schabbos sein Gebet verrichtete. Der Gaon wusstc sehr gut wer Napoleon war, aber er kümmerte sich nicht um ihn, denn er wusstc, dass Napoleon ihn hier draussen auf dem Land, nicht kennen würde. Es ärgerte Napoleon sehr, dass iclas Jiddele mitten auf der Strasse daher komme, bhne nur den Versuch zu machen, zur Seite zu treten, oder nur das kleinste Respektzeichen zu geben. Napoleon schrie den Gaon daher an, und sagte: „Du Jid räum' deine Nase aus dem Weg!" Hier zündete Itzig seine Pfeife von Neuem an. Er besass die ganze Schlauheit des Seriengeschichten-Herausgebers, der seine Fortsetzung gerade beim spannendsten Punkte des Kapitels schliesst. „Nu, was glaubt Ihr, was der Gaon antwortete?" Nicht ein Wort hat er gesprochen. Erstens konnte er nicht, denn er war gerade mitten im Schir-Haschirim und wollte sogar um eines Kaisers willen nicht maphsik sein, und zweitens, was war da zu sagen? Aber der Gaon tat folgendes —." Und Itzig drückte die Spitze seiner Nase mit der einen Hand auf die Seite, während pv mit der nnderen einer imaginären Person bedeutete vorüberzugehen, da diese Seite der Strasse jetzt frei sei. (Schluss folgt.) ^dtschriften-Rundschau. Jüdische Advokaten. In der seit jüngster Zeit erscheinenden Wiener Monatsschrift „Das Forum", die von Dr. Gustav Morgenstern; herausgegeben wird, ist ein Artikel von Hans Liebstoeckl „Advokaten als Politiker" von besonderem Interesse für jüdische Leser. Wir lesen da folgende markante Sätze: „Im ganzen und grossen herrscht, bei den jüngeren Advokaten namentlich, kein sonderlicher Enthusiasmus für den Beruf. Sie ergreifen ihn einfach. Der Staatsdienst bringt langsam vorwärts. Die richterliche Karriere ist verstopft, zum Teil übrigens vom Taufschein abhängig. Man wird gar nicht zugelassen, oder grau, wenn man an der vorgezeichneten Grenze ankommt. Ich bin kein Jude, kann es also ruhig sagen: ich -wünschte, wir hätten auch jüdische Richter. Sie besässen, glaube ich, das Gefühl der Objektivität, den hellen Kopf, den kalten Blick und die gute Witterung für alles Menschliche. Aber daran ist nun in Oesterreich nicht zu rühren. Ginge alles nach dem Gaumen der Herrschenden, schämten sie sich in unbewachten Augenblicken nicht selbst ein wenig, so würden sie die Türen aller geistigen Berufe den Juden gänzlich versperren. Die antisemitische Presse rechnet sich die Finger wund, Yerjudung der Hochschulen, des Aerztestands, der Advokatie. Täglich hört man's, liest's in den Blättern. Als ob es darauf ankäme, als ob der Ruf nach tüchtigen Professoren und Aerzten nicht genügte. Immerhin. So lange in der Schule nicht Menschlichkeit gelehrt wird, kommt kein Umschwung. Die Gerichte verschlossen. Das Notariat eine arische Angelegenheit. Was bleibt? Die Advokatur. Sie ist, habe ich! emrnal in eiüeij christlichen Betrachtung gelesen, eine jüdische Domäne. Richtig. Juden sind vortreffliche Advokaten. Ein nichtjüdischer Advokat sagte mir einmal im Vertrauen, seinen Kollegen und ihm selbst bleibe nichts übrig, als vortreffliche Juden zu werden. Er hat eis übrigens nicht fertig gebracht und verwaltet Häuser, Also noch einmal: die Domäne! In den grossen Städten wenigstens. Die Provinz macht eine Ausnahme. Dort überwiegt der nicht jüdische Advokat. Wird in Inseraten gesucht, und, wenn er eintrifft, feierlich installiert." * * * Eine Jargon-Zeitung von Assimilanten!... Die durchgefallenen Assimilanten in Warschau beginnen jetzt darüber Betrachtungen anzustellen, wie es gekommen ist, dass sie auf das Volk gar keinen Einfluss besitzen, l ud sie haben diesen Grund gefunden. Etwa, weil sie sich bisher vom Volke zurückgezogen haben, weil sie immer auf die Oberfläche hinaufgeschwommen sind und das Volk in Not und politischer Sklaverei schmachten Hessen? Aber nein! Sic hatten keine Jargon-Zeitung . . . Und die Jüdisch-Nationalen verfügen über z w ei Ja r g o n - T a g b 1 ä t t c r. Also, reifte in ihnen der Entschluss, auch selbst ein solches Tagblatt herauszugeben, um „dem schädlichen Einfluss jener Zeitungen entgegenzuarbeiten". Es sind für diesen Zweck bereits 50.000 Rubel gezeichnet. Die polnischen Herren vom mosaischen Ritus dürften mit diesem Unternehmen bei den Volksmassen schwerlich Glück haben. Ihre Pofelwarc wird kaum besser, wenn sie in hebräische Buchstaben gekleidet wird. Morris Rosenfelds Gedichte sind nunmehr auch in u ngari scher U ebersetzung erschienen, die Arnold Kiss besorgte. Der „Pester Lloyd" widmet dieser Erscheinung folgende verständnisvolle Zeilen: „Die tieftraurigen, anklagenden und seltsamen Ghettolieder Morris R o s e n f e 1 d s, die im Laufe der letzten Jahre fast in alle Kultursprachen übersetzt wurden, liegen nun auch, vollständig gesammelt, in glänzender ungarischer Nachdichtung vor uns. Es war keine leichte Aufgabe, die spezifisch jüdische Eigenart dieser Lieder, die schliesslich doch gewahrt bleiben sollte, mit dem Wesen der ungarischen Sprache in harmonischen Einklang zu bringen. Doch der Leser kann an der Hand des Originaltextes — der in diesem auch äusserlich sehr einnehmenden Bande der ungarischen Uebertragung auf jeder Seite gegenübersteht — konstatieren, dass Arnold Kiss diese Aufgabe ausserordentlich glücklich g-elöst hat. Doch mehr noch als die geradezu erfinderische Treue, mit der der Sinn des Originals wiedergegeben ist, muss man das prUc-Vitißf», Vornig-e Ungarisch und die glatte, gefällige Form bewundern, der es gar nicht anzumerken ist, dass sie die Fesseln vorgezeichneter Gedanken trägt. So ist es doppelt freudig zu begrüssen, dass die Poesie Morris Rosenfelds, die soviel humane und soziale Gärungsstoffe in sich birgt, auch bei uns in denkbar vorteilhaftestem Gewände weiteren Kreisen zugänglich gemacht wurde." * * * Unter dem Titel „Volksblatt" erscheint in Wilna seit 1. Februar eine jiddische Wochenschrift, als offizielles Organ der russischen Zionisten. Jiritfltasten de* Redaktion. L. Besten Dank für Ihre Mitteilung; wir haben die notwendigen Recherchen eingeleitet. — J. L. Sie erhalten demnächst von uns ausführlichen Brief. — K. F. Sie können es nicht verschmerzen, dass der Wiener antisemitische Moniteur dem Selbstmord des Russen, der zu allem Unglück, das ihn betroffen, noch Isaak Perez heissen muss, nicht glauben will? . . Fassen Sie Mut, Verehrtester! . . . Der einzige Vorwurf, den man gegen den Armen erhebt, ist ja schliesslich der: wenn} er schon Selbstmörder sein will, — warum lebt er noch? Und warum sind nicht alle Juden Selbstmörder?? . . . Herr Vergani begreift nicht, dass wir andere Sorgen haben . . . Eingesendet.