Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425731--0652-2426951- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 .Neue National-Zeitung" Nr. 8. In formvollendeter Rede feierten Oberrabbiner Kunststadt, Dr. B i e r e r, Nathan Harth und viele andere Redner die Verdienste Dr. Strauchers um das jüdische Volk und dessen aufreibende, hingebungsvolle und glänzende Tätigkeit im Dienste der jüdischen Sache. Der Abend verlief in gehobenster Stimmung, und man trennte sich erst gegen drei Uhr morgens. Dieser Tag wird allen Teilnehmern noch lange in Erinnerung bleiben. Es war ein schöner Tag für die Judenscbaft von Badautz; die jüdisch-nationale Bewegung greift mächtig um sich und findet allwärts begeisterte Anhänger. Ungarische Justiz. Budapest, den 15. Februar. (Orig.-Korr.) Im heutigen Zeitalter, wo die grössten Geister darin einig sind, dass die Todesstrafe eine Kulturschandc ist, berührt es immer jkmiilich und tragisch, wenn ein Mensch den Galgen besteigen muss. Denn selbst wo die Beweise einer Schuld noch so klar erscheinen, selbst dort, wo wir den Mörder verabscheuen und seine Tat verdammen, vermögen wir in der Todesstrafe höchstens eine Barbarei, aber keine ..ausgleichende Gerechtigkeit" zu erblicken. Das jüngste Opfer einer mittelalterlichen Justiz heisst Abraham Husz und ist Jude. Ja, er ist Jude! Denn thöricht wäre es, wenn wir bemänteln wollten, dass es auch jüdische Verbrecher gibt. Diese verschämte, heuchlerische Bemäntelungspolitik hat ja in Cis- und Transleithanien ihre traurigen Spuren zurückgelassen. Wer wollte leugnen, dass es ebenso jüdische wie christliche Verbrecher gibt? ... In Marmaros-Sziget wurde im Dezember 1906 ein rostwagen beraubt: zwei Personen wurden dabei ermordet. Der Mörder wurde in der Person des übelbeleumundeten ehemaligen Gendarmei iewachtmeisters Johann Mihalka eruiert. Zwei Bauern und zwei Juden erhielten wegen Mitschuld je 5 und 6, die zwei Juden 10 Jahre Kerker. Der Mörder Johann Mihalka und der angebliche Anstifter Abraham Husz wurden zum Tode durch den Strang verurteilt und der Gnade des Königs empfohlen. Während nun der Mörder zu lebenslänglichem Kerker begnadigt wurde, büsste Husz seine Schuld, die er bis zum letzten Augenblicke 1 e u g n e t e, auf dem Galgen . . . Welche Behauptungen lagen aber für seine Schuld vor? . . . Der Mörder Mihalka fungierte als Angeklagter und Kronzeuge zugleich. Der katholische Geistliche des Ortes beschwur, dass er mit Abraham Husz an dem kritischen Tage bis 12 Uhr nachts beisammen war. So konnte nur die Anklage auf Anstiftung bestehen bleiben, und diese brachte den 35jährigen Mann, den Vater von 7 Kindern im Alter von 2—12 Jahren, an den Galgen ... Das Urteil gibt zu denken. Für Husz musste vor allem in Betracht kommen: er war der ungarischen Sprache nicht mächtig und musste durch einen Dolmetsch einvernommen werden; so konnte er auch die Aussagen seiner Komplizen nicht kontrollieren, er war passiv gesetzt. Er war unbescholten, die ihn belasteten waren vorbestrafte Individuen, waren die Vollstrecker des Mordes. Und zu allen diesen schwerwiegenden juristischen Momenten tritt ein bestimmendes Gefühlsmoment : er war 'Vater von sieben kleinen Kindern! . . . In Ungarn propagiert man jetzt mit allen Mitteln den „Katholizismus der Tat". Seit dem Morde zirkulierten Ansichtskarten, antisemitische Zeitungsartikel, die Bevölkerung wurde systematisch aufgehetzt. Von dieser Stimmung mussten auch die Richter beeinflusst werden. Aber die düstere Atmosphäre warf ihre Schatten bis an die höchste Stelle und verdunkelte die schlechte Tat des Abraham Husz, der denn auch keine Gnade fand . . . Was nützen müssige Kombinationen!. Ein Jude endigte am Galgen. Seit undenklich langer Zeit einmal einer. Aber dieser eine war vielleicht nur das Opfer einer; forcierten Kraftprobe des ungarischen ,.Katholizismus der Tat" und seiner bis in die Hofkreise reichenden Anhänger . . . , Dr. S, Deutsches Reich. Der Hilfsverein der Deutschen Juden. Berlin. Am 16. Februar fand unter Vorsitz des Uerrp. James Simon eine Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereines der Deutschen Juden statt. In derselben wurde zunächst festgesetzt, welcher Tag dem Zentralkomitee für die Generalversammlung des Hilfsvereines vorgeschlagen werden soll. Unter lebhaftem Beifall der Anwesenden dankte Herr James Simon Herrn Dr. Nathan dafür, dass er durch eine mühevolle viermonatliche Studien- und Inspektionsreise nach dem Balkan, der europäischen und asiatischen Türkei das Werk des Hilfsvereines von neuem wesentlich gefördert habe. Herr Dr. Nathan hebt hervor, dass ihm sein Reisebegleiter, Herr Privatdozent Dr. Mittwoch, als Orientalist die wesentlichsten Dienste in den Ländern des Orients geleistet habe. Hierauf erstattete Herr Dr. Nathan in grossen Zügen Bericht über seine Reise. Der Vortragende ging speziell auf das gegenwärtig bereits bestehende Schulwerk des Hilfsvereines in Palästina ein und entwickelte die Aufgaben, die auf dem Gebiete des Schulwesens in Palästina noch der Lösung harren, und deren allmähliche Verwirklichung der Hilfsverein anzustreben habe. Zur allgemeinen lebhaften Befriedigung der Versammelten konnte er feststellen, dass er bei vorurteilslosester Prüfung die sämtlichen Institute des Hilfsvereines im Orient vortrefflich organisiert gefunden habe, und dass die Prinzipien, die für den Aufbau und Lehrplan derselben massgebend seien, sich in jeder Richtung bewährt haben. Die Anstalten des Hilfsvereines sind von Anfang an den Anschauungen der religiös gesiunten jüdischen Bevölkerung des Landes angepasst worden und sie haben sich auf dieser Basis gesund entwickelt. Es hat sich auch in vollem Masse bewährt, dass der hebräischen Sprache einge grundlegende Bedeutung eingeräumt wurde, und dass sie schon vom Kindergarten an gelehrt wird. Nach der Entwicklung, die die Verhältnisse insbesondere in Palästina genommen haben, ist die hebräische Sprache eine lebendige Sprache geworden, das Hauptverständigungsmittel zwischen unseren Glaubensgenossen mit verschiedener Sprache, die aus den verschiedensten Ländern stammen, aus Innerasien, aus Persien, aus Südaiabien und aus Osteuropa, oder Abkömmlinge der spanischen Emigranten sind. Herr Dr. Nathan legte des näheren dar, dass hebräisch und die Landessprache — arabisch beziehungsweise türkisch — in allen Schulen des Orients, Volksschulen wie höheren, das unentbehrliche Sprachwissen darstellen müssen, dass man eine oder die andere europäische Kultursprache, je nach den örtlichen Bedürfnissen in grösseren Handelszentren dann noch hinzufügen müsse. Der Ausschuss gab seine Zustimmung dazu, dass der Hilfsverein für eine Unterstützung der Talmud-Thora-Schulen Mittel zur Verfügung stelle. An der religiösen Unterweisung soll nicht das Geringste geändert werden. Hingegen soll der Lshrplan erweitert werden durch Anfügung hebräischen und arabischen Sprachunterrichtes. Auch die Realien sollen in hebräischer Unterrichtssprache gelehrt werden, so dass die jungen Leute besser für das praktische Leben vorbereitet die Schule verlassen. Auf diese Weise wird die künftige Generation von der Chalukah unabhängiger. Mit grossem Interesse nahm der Ausschuss Kenntnis davon, dass durch Vermittlung des Herrn Dr. Nathan der langgehegte Plan betreffend die Begründung der Dr. Salvendi Musterfarm realisiert worden ist, wodurch für die Hebung der