Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit« 6. „Neue National-Zeitung" Nr. 8. die iZerstörung durch das zweite Regime gutzumachen. Aber wo ist diese starke Persönlichkeit? ... f&ORKSSPONDSNZCN ©cskppcich»Ön§apn. OeflVntliche Sitzaug des Kultusvorstandes. Wien, den 16. Februar. (Orig.-Korr.) Die heutige öffentliche Sitzung glänzte sowohl durch Abwesenheit jedweden Publikums, wie auch durch das Fehlen fast der Hälfte unserer Gemeindeväter. Es half nichts, dass man den Beginn der für 10 Uhr anberaumten Verhandlungen möglichst hinausschob. Sonst ging es wie immer zu: recht friedlich und geräuschlos. Die Einhelligkeit des Votums gehört schon zum Mechanismus des Kultusvorstandes. Nur Dr. M. Steiner leistete sich den Spass, in einer geringfügigen Sache kontra zu stimmen . . . Der Einlauf brachte wenig bemerkenswertes. Prof. Dr. Ludwig Stein (Bern) nimmt Anlass, für eine ihm vom Vorstande gewidmete Adresse seinen Dank auszusprechen, und widmet das ihm zukommende usuelle Honorar der Gemeinde, zur Verteilung an „israelitische" Studenten. — Barort Alfons Rothschild, derselbe, der nach dem Muster seines Oheims Nathaniel keine jüdischen Beamten anstellt, teilt mit, dass auf seine Verfügung, aus dem Nachlasse des Baron Nathaniel Rothschild der Betrag von K 100.000,— dem Vorstände überwiesen wird, mit der Bestimmnug, selben für das Kaiserin Elisabeth-Heim zur Heranbildung ,, israelitischer" Krankenpflegerinnen zu verwenden. Diese Mitteilung ergänzt der Präsident durch die Bemerkung, dass er sich mit einem bezüglichen Ersuchen an den Baron Rothschild gewendet hatte. Proselytenmacherei in einem Spital. Besonderes Interesse darf eine Anfrage des Dr. B e r g e r beanspruchen. Er erzählt, dass im ,,Haus der Barmherzigkeit" wiederholt Bekehrungsversuche an jüdischen Insassen vorgenommen werden. Er will nur eines speziellen Falles erwähnen, und erkundigt sich nach dem Schicksale eines Mannes, namens K u 1 k a aus Leipnik, dem man in genannter Anstalt zur Taufe bewegen wollte. Dass dies oft durch Drohungen und mit Zwangsmitteln geschieht, beweise ein Fall, der sich erst vor wenigen Tagen ereignete, wo man einen jüdischen Patienten vor die Wahl stallte: sofortige Exmittierung oder Taufe! . . . Redner richtet schliesslich an den Präsidenten die Anfrage, was er zu tun gedenke, um arme Juden vor solchen Vorkommnissen zu schützen? Präsident Dr. Stern muss zugeben, dass die Ausführungen des Vorredners vollkommen den Tatsachen entsprechen. Er stelle aber vor allem fest, dass die genannte Anstalt mit dem Spitale der „Barmherzigen Brüder" nicht identisch sei. Dann ergeht sich der Präsident in Klagen über die Unzulänglichkeit der vorhandenen Mhtel. Wohl erhält das Siechenhaus demnächst wieder 25 neue Plätze, aber das alles reiche nicht hin; die Anforderungen sind zu gross. Herr Dr. Stern rechtfertigt das Verhalten der Gemeinde im Falle K u 1 k a und erwähnt einige ähnliche Vorkommnisse. Wie er aber die drohenden Wegtaufen zu verhindern gedenkt, sagte er nicht. Wie besorgt sonst der Herr Präsident um derlei Dinge ist, haben wir ja seinerzeit in einem Artikel „Der fromme Präsident" genügend beleuchtet. Die Subventionen au Studenten-Vereine. Wir können die Post „Gnadengaben" nicht so widerspruchslos hinnehmen, wie die Herren Kultusvorsteher. Unter diesem Titel sind die Subventionen für jüdische Studentenvereine und Verbindungen vereinigt. Es erhalten: Lese- und Redehalle jüd. Hochschüler K 600.— Kadimah.........„ 490.— Jvria . . t..... '. „ 150.— Libanonia . .....* „ 250.— Unitas....... „ 250.— Bar Giora....... „ 100.— Bar Kochba........,, 240 — Jüdische Kultur ......... 100.— Theodor Herzl..........100 — Es ist gewiss schön, wenn die Kultusgemeinde jüdischnationalen Korporationen ihre Sympathie beweist. Die Art der Verteilung aber erfordert entschieden ein offenes Wort. Aus der Aufstellung ergibt sich die merkwürdige Tatsache, dass von den jüdisch-nationalen Verbindungen die ,.schlagenden" mit den höchsten Summen bedacht sind, während die Vereine mit wissenschaftlichen und kulturellen Zwecken auf kleine Abfälle angewiesen sind. Ist es nicht geradezu widersinnig, wenn ein Verein wie „Theodor. Herzl", dessen Tätigkeit darin besteht, jüdische Studierende zu vereinigen, und gemeinschaftlich jüdisches Wissen zu erwerben und zu verbreiten, bloss K 100.— erhält! Desgleichen der Verein ..Jüdische Kultur"! . . Allerdings sind das nicht Verbindungen, die (ausgerechnet!) Samstag zur Universität auffahren, sondern Vereinigungen ernst denkender junger Menschen, die dem Studium und der Pflege jüdischer Wissenschaft und Kultur obliegen. Die Kultusgemeinde ist loyal genug, dies mit K 100.— zu bewerten. Die Herren Vorsteher wissen: da ist nichts zu fürchten! . . . Aber die anderen haben ja einen Säbel! Und das ist ein für die Herren in der Scitcnstettengasse ungewohntes! Ding. Man betrachte doch einmal, wie die sozialdemokratische oder klerikal-antisemitische Partei ihre Studcntenvcrcine fördern. Die akademischen Anhänger beider Parteien sind nichtschlagend, und was sie der Partei an Diensten leisten, liegt eigentlich nur in der geistigen Arbeit, in der Volksbildung und in der Volksaufklärung. Und der ehrliche Gegner wird zugeben müssen, dass die Studentenvereine beider Parteien für ihre Ucbcrzcugung, die ja nicht jedermann lieb sein kann, doch viel, sehr viel leisten). Und zwar —- ohne Säbel! Denn der Arbeiter fürchtet den Säbel nicht: vor dem bangt nur unseren degenerierten Grossjuden. Neue Begräbiiislaxen. Aus dem weiteren Verlaufe der Sitzung wäre noch die 25°,uigc Erhöhung der Gebühren für Beerdigungen, Leichenbegängnisse, Gruftbeistellung etc. zu melden, von welcher Erhöhung jedoch die unteren Klassen nicht berührt werden. Der betreffende Antrag wurde mit allen gegen eine Stimme angenommen. Der Verein „Sehomre Hadath." Kaiserl. Rat S i m o n richtet an den Präsidenten eine (offenbar bestellte) Interpellation wegen der in der letzten Nummer der „Neue National-Zeitung" enthaltenen Notiz über das Vorgehen des Vorstandes gegen den Verein „Sehomre Hadath", und fragt, ob die in dieser Notiz enthaltenen Vorwürfe der Wahrheit entsprechen. Der Präsident benützt ein s chon verfasst e s Referat als Antwort und beschwert sich über die die „lokalen Bedürfnisse" weit übersteigende Anzahl y\) von Minjans, die er für das Gemeindewesen schädlich und gefährlich hält. Er verbreitet sich in seiner Vorlesung des längeren und breiteren über efen Gegenstand, und erklärt, dass diese Notiz in unserem Blatte auch die Mitteilung enthält, dass der Vorstand von den in Frage kommenden Vereinen ein Memorandum erhalten werde. Dasselbe liege aber noch nicht vor. Koschere Selchwaren? Ehe der Vorstand in die vertrauliche Beratung einging, erklärte Herr Dr. S t e r n, dass der Punkt der Tagesordnung betreffend die „Ko s c Ii e r - S e 1 c h w a r e n" nicht behandelt werden könne, weil das Rabbinat sein Gutachten n och nicht abgeschlossen habe. Diese Frage wird merkwürdigerweise immer wieder v e r t u g t. Es wäre schon hoch an der Zeit, zur Erledigung zu kommen. Oder sollten etwa für diese konsequente Verschleppung besondere „Rücksichten" massgebend sein? Es scheint so. Oder wissen die Herren vom Rabbinat noch immer nicht, was in einer Wurst alles d rin ist? . . . m. sch. Oskar Marmorek als ehrlicher Makler. Lemberg, 'den 16. Februar. (Orig.-Korr.) Herr Oskar Marmorck, ehemaliges Mitglied des zionistischen Aktionskomitees, ist auf seiner Rückreise von Czernowitz für eine kurze Zeit hier eingetreten. Herr Marmorek, Wer als Zionist der alten Garde die Gegenwarts-Politik bisher verpönte, ist plötzlich zur Ueberraschung aller hiesigen Parteigenossen mit einer merkwürdigen Mission hervorgetreten: er wollte die zionistische Landespartei — hört! •- 5nit den Hausjuden Schmelke von H o r o w i t z, Dr. L öwenstein etc. versöhnen. Da möchte man wirklich sagen: "Wie sich der kleine Oskar die Politik vorstellt. Herr "Marmorck scheint keine Ahnung zu haben, welche abgrundtiefe Gegensätze die jüdischnationale Partei Von den Assimilanten trennen, wenn