Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. '8. Ich habe nicht Theorien aufgestellt, sondern Tatsachen konstatiert, die wohl jedem bekannt sind. Natürlich, wer nicht sehen kann, der wird sie auch nicht sehen. Wer da glaubt, dass der arme Jargon, den die Juden notgedrungen reden, ein Zeichen der Renaissance ist, oder der meint, dass die zusammenschrumpfende hebräische Literatur ein Symbol des Aufschwunges ist, oder der überzeugt ist, dass ein paar jüdische Abgeordnete einen nationalen Sieg bedeuten, oder dass Palästina alles ersetzen kann, was uns verloren ging — ja der kann sich leicht trösten. Ein billiger Trost . . . Manche Wohlmeinende und Wohlwollende sagten mir: „Ja, warum negieren Sie immer? Verneinen ist nicht schwer." \\ ahr — aber meine Verneinung ist aber keine abschliessende. Ich will nicht den „exitus letalis" konstatieren, sondern einfach d e Heilmethode prüfen. Meine Bejahung? Sie ist der Wille des Einzelnen. Und nicht der Wille zur Phrase — in zionistischem oder im salbungsvoll, rabbinistischem Sinne, sondern zur vollen Wahrheit. Lasst die Vergangenheit ruhen. Entweder kann es noch eine jüdische Gegenwart geben, die zukunftsschwanger wäre, dann und nur dann allein hat unsere Bewegung einen Sinn. Aus dem tatsächlich Vorhandenen müssen wir ausgehen und nicht aus chimärischen Konstruktionen. Vielleicht wird man die Arbeit aufs neue und auf eine neue Weise beginnen müssen. Aus dem Zweifel Vieler kommt die Antwort des Einen. Und die wird dann zur Richtungslinie. Der Zionismus hätte es sein können. Aber was ist ein Schatz, wenn er schlecht verwaltet wird? Was eine Idee, die zur Phrase wird? * * * Ich glaube, denjenigen, die mich der Apostasic beschuldigen, gezeigt zu haben, dass man noch nicht ein Abtrünniger ist, wenn man über die Verflachung eines liebgewonnenen Ideals missmutig wird. Man ist höchstens ein politischer Feinschmecker. Und diesen Vorwurf nehme ich auf mich gerne. Uebrigens weiss ich, dass man eingefleischte Parteimänner nicht überzeugen kann. Habeant sibi. Die bübische ^cihin^. In der ersten Nummer dieses Jahrganges, am 3. Jänner, wurde in diesem Blatte unter dem Titel „Die neueste Allianz" ein Artikel'veröffentlicht und darin der Pakt zwischen den (soi-disant Führern fcler Wiener Zionisten und Herrn Luzian Brunner besprochen. Es wurde darauf hingewiesen, dass diese Allianz auf keiner geistiger Verwandtschaft, sondern a'uf einer rein geschäftlichen Basis ruhe, dass Herr! Brunner zwar für das neugegründete Blatt seiner neuesten Parteifreunde 5000 Kronen geschenkt habe, aber dafür die Partei bald kompromittieren werde. Djieser Artikel war eine Warnung'. Er war auch eine Verwährung, dass die paar jungen Leute, (die nach Herausdrängung aller älteren, verdienten Elemente jetzt Landeskomitee spielen, durch ihre Verbindung mit politischen Sportsmen den Ernst und den volkstümlichen Charakter der jüdisch-nationalen Bewegung herabsetzen. Was hier in, Kenntnis der Verhältnisse und jder in Betracht kommenden Personen angekündigt wurde, ist in allerkürzester Zeit eingetroffen. Nach vier Wochen kam der Döblinger Skandal, dessen Details bereits bekannt sind. Nur im persönlichen Interesse des Herrn li'ninner und ohne jedes Interesse der Partei hat Herr Dr. Schalit unter 'Zuziehung politisch unreifer Studenten krawalliert und hat damit einen Entrüstungsslurmj der Wiener Presse gegen den Zionismus her .orgerufen, der ihn von seinem .Platze hinwegfegte. 1 Damit wäre für. beide Teile die Sache erledigt. Herr .Brunner wollte sich für sein, Geld Leibhusaren kaufen, aber die Sache geht wirklich nicht. Die Studenten-Partei, die sich der „Wiener Zionismus" nennt, vermag eine solche Belastung nicht auszuhalten. Bei der ersten Probe ist alles zusammengebrochen. Nlun verlangt Herr Brunner seine 5000 Kronen zurück. Dieses Geld ist aber nicht mehr da. Die Bundesgenossen des Herrn Brunner können nichts zurückzahlen, sie können höchstens neues Geld brauchen. Aber sie wollen ihre Schuld abarbeiten: in ihrer Weise. Das haben sie getan. In dem Blatte, das für das Geld des Herrn Brunner gedruckt wird, erhält er den Orden der politischen lugendrose; kein Engel ist so rein, wie der Spender von 5000 Kronen. Ein solches Lob in diesem Blatt ist noch nicht 5000 Kronen wert, i Darübeo sind sich beide Teile einig. Es kommt also noch die Staffage dazu: eine Unsumme von Beschimpfungen, Verdächtigungen. Drohungen gegen -— mich. Der Artikel, der gegen mich am 14. Februar, losgelassen wurde, istf eine ganz, nette Stilübung eines jener journalistischen Anfänger, die das Organ für die Interessen des Herrn Brunner und des Nationalfondes leiten. Diese „Arbeit" lehnt sich an jene bewährten M-uster an^ die den Mangel an sachlichen Argumenten durch einen Ueberschuss an persöniienen Insinuationen zu ersetzen suchen. Ich kenne diese Herren von der Türkenstrasse seit Jahren; sie waren immer so: seicht, bar jedes Wissens und daher zu jeder sachlichen Polemik unfähig. Sie haben eben nichts gelernt, sondern „geschlagen" und gekneipt. Daher auch in der Polemik der rüde Kneipton, die persönlichen Anzapfungen und die feigen allgemeinen Verdächtigungen ohne jede tatsächliche Anführung. Der Säbel macht eben noch keinen Ehrenmann und das „Schlagen" keinen Gentleman. Was wollen denn die Herren mit ihren Angriffen, erreichen? Wollen sie mir die jüdisch-nationale- Idee verekeln, wie es ihnen bei so vielen anderen bereits gelungen ist? Wollen Sie mich mit ihren Drohungen einschüchtern, auf dass ihr Treiben künftighin keine Kritik mehr zu fürchten hätte? Beides wird ihnen nicht gelingen. Ich habe mir während der z w a n z i g Jahre, da ich für die jüdische Volksidee tätig bin, meine Unabhängigkeit bewahrt, ich bin nie zum Soldschreiber herabgesunken; ich habe die Sache stets höher gestellt, als die Person, als jede Person. Ich habe nie vom Zionismus oder vom Judentum gelebt; ich war nie durch Bande der Versorgung an die Partei gekettet. Als aber die Parteischmarotzer die Oberhand ergriffen, als der arme Herzl von einer Prätorianergarde mit Beschlag belegt und von einem Intriguen-Netz umsponnen wurde, da zog ich mich vom Sch(auplatz zurück. Nun haben jene Personen, die von der Lebenslüge ihrer eigenen Ueberzeugung den Unterhalt einheimsen, plötzlich eine Legende geschaffen: Ich1 hätte Herzl verleumdet. Wo, wann, wie? Niemand wusste es, aber sie wiederholten es so lajnge, bis