Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-02-21 · Heft 8 (21.2.1908) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425731--0647-2426946
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 3. das Judentum lange, lange. Es war eine Weltanschauung, ein Lebensinhalt, eine Stellungnahme. Und als solche entwickelte sich das Judentum nach' seiner Weise, erzeugte aus sich heraus neue Ideen, war schöpferisch in einem gewissen Sinne, war ein wirkliches, sichtbares, mächtiges Band für die jüdischen Individuen. Es gab eine jüdische Gesellschaft, die ihre eigene Basis, einen eigenen Inhalt hatte. Inhalt heisst nicht Religion allein. Ich weiss, man wird mir Renans Wort entgegenhalten, dass der Jude ein irreligiöser Mensch sei. Vielleicht. Aber jedes Volk sucht seine Form. Die Form ist das individualisierende, absondernde Moment. Aus tausendfach verschlungenen Elementen ist sie geworden, unzertrennbar vom Volke selbst. Aber die Form wird erst dann ein Lebensfaktor, wenn sie bewusst wird, wenn sie einen Inhalt umschliesst. Der Inhalt des Judentums war seine Religion, eine Sitte, seine Anschauung, seine Erinnerungen und dunkle Hoffnungen. Aber Völker bleiben nicht stationär. Unmerklich ändert sich Hülle und Kern. Der Inhalt des jüdischen Lebens, das Substrat der jüdischen Besonderheit wurde allmählich ärmer, geringer, schemenhafter. Die alten Ideen, die Ueberlieferungen, die historische Struktur schwanden allmählich; innerhalb der äusseren Umzäunung atomisierte sich das Judentum. Nur die Form blieb — und die Phrase kam. Womit hätte zum Beispiel das deutsche, aufklärerische Judentum seine Position behaupten können? War es nicht bloss eine Negative? Hatte es noch etwas zu sagen? Die religiöse Eigenheit kam nicht mehr zu Bewustsein — die Religion — als solche, als Lebensinhalt — ist kein ausschlaggebender Faktor der mordernen Gesellschaft mehr. In vollen Strömen kam das Leben von aussen und unterwühlte alle Fundamente. Da ertönten die berühmten Phrasen von der jüdischen Mission, vom Judaismus, der das Reich der Gerechtigkeit predigen soll usw. usw. Wer kennt sie nicht — und wer glaubt an sie? Was taten aber die jüdischen Menschen? Sie fühlten sich immer unbehaglicher, empfanden die innere Leere, die Nichtigkeit ihres Lebens, ihrer Ziele, ihres spiessbürgerlichen, billigen, wässerigen Liberalismus — und wurden innerlich steril. Ja, das Judentum als Kollektivum ist steril geworden. Andere ,,Tume" werden es ja auch. Aber diese haben eine immer frische Stoffzufuhr. Wir mussten unsere neuen Werte fertigholen. Beim Prozess des Schaffens standen wir abseits. Man wird sagen, es seien zu subtile Fragen, die vielleicht einige Müssiggänger oder verschrobene Köpfe beschäftigen, dass das jüdische Volk, die Masse, von derlei nichts wisse. Das wäre wahr, wenn wir eine wirklich unbewegliche Masse hätten, die ruhig lebt, an die keine Zweifel herantreten, keine quälenden Fragen. Aber Not gebiert Zweifel. Jeder Jude, ob hoch ioder niedrig, leidet unter seinem Judentume, und fragt sich oft: warum? Und wenn dieses quälende Wrarum kommt — glaubt Ihr, die Phrase werde ihm beruhigen? Seht Euch die jüdische Intelligenz, die jüdische Jugend, die Kinder der Masse, der Proletarier an. Ihnen sagt das Judentum nichts mehr — Nichts. Gar nichts. Ihnen sagt auch die jüdische Geschichte nichts. Diese ewige Phrase von der Geschichte! Was ist eine Geschichte, wenn sie tot ist? Ein Sammelsurium von Namen! Die Herren Rabbinen meinen, Gott weiss welche Weisheit zu offenbaren, wenn sie uns — den Jungen, Zweiflern und Stürmern — ihre Qelgefässe der jüdischen Geschichte zeigen. Ja, gutt zugegeben, das jüdische Volk hat 2000 Jahre in der Diaspore gelebt und allen Stürmen standgehalten. Und was folgt daraus? Und wenn ein Mensch Methusalems Jahre gelebt hat — kann er nicht eines schönen Tages sterben? Wir kommen und zeigen Euch — den Zerfall des Juden* tums, wir klopfen an den Grundlagen und hören den dumpfen Ton. Wir sagen Euch, dass man die jüdische Geschichte gewaltsam in eine neue Bahn lenken mtiss — und Ihr antwortet uns mit der Phrase! Es erinnert mich an die altfranzösische Farce vom Hirten Patelin, der auf die leidenschaftlichste Diatribe seines Klägers mit einem einzigen ,,Be" antwortete. Wir geben uns mit solchen salbungsvollen Antworten nicht zufrieden. Aus diesen seelischen Motiven entstand die jüdische Renaissance-Bewegung. Nicht wir haben sie proklamiert, nicht „ich und meine Freunde", sie war es, die uns zwang, ihre Herolde zu sein. Es war der einzige Ausweg, wenn man überhaupt im Judentume bleiben wollte. So haben wir auch den Zionismus aufgefasst. Zionismus ist nicht das Baseler Programm allein. Die politische Plattform ist nur eine Konsequenz. Denn seien wir ehrlich, was zwingt uns, diesen letzten Schluss zu ziehen? Er hängt nicht mit unserem W ohl und Wehe als Menschen zusammen, er ist keine notwendige Folgerung aus den bestellenden Verhältnissen. Die da glauben, die jüdische Geschichte führe zum Zionismus, fuchteln mit derselben Rabbinerphrase herum, die sie verhöhnen. Die Immanenz eines Zukunftszieles anzunehmen, ist ein Unsinn, ist ein Beweis unreifen Denkens. Geschichte ist kein mechanisches System. Hier herrscht unser Wille und die mannigfaltige Verschlungenheit des Lebens. Der Zionismus ist eine Bewegung des Wollens. Und Herzl, der kein Geschichtsphilosoph war, hat es begriffen, hat es mit seinem klaren Verstände erfasst. „Wenn Ihr wollt . . ." Wie gesagt, der Zionismus ist einer der Wege. Um aber gerade d i e s e n zu wählen, muss man sich der Gründe bewusst werden. Man muss wissen, weshalb wir die Umformung des jüdischen Lebens wollen. Und ich behaupte, das wirtschaftliche Moment ist es nicht und nicht das politische. Sonst wäre der Sozialismus und der "Radikalismus eine viel richtigere Antwort, richtiger, weil sie dem Trägheitsprinzip entspricht. Anstatt auf Neues auszugehen, könnten wir warten, bis das Neue zu uns kommt. Aber wir wollen selbsttätig sein, wir wollen unser eigenes Kraftsystem schaffen. Aus. diesem Grunde proklamierten wir die Renaissance. Der Zionismus war ein Endzweck und auch ein Mittel. Wir wollten nicht neue Phrasen prägen, sondern die alten, zermürbten Steine durch neue ersetzen. Und es ist nicht gelungen. Nur eine neue Phrase ist gekommen. Wir wollten keine „religiöse Reform*' nach deutsch-jüdischem Muster; uns lag herzlich wenig daran, ob man in der Synagoge so oder so oder überhaupt nicht beten wird. Und auch nicht zu „versöhnen", „die Kultur mit dem Judentum" unter ein Dach zu bringen, war unser Ehrgeiz. Das ist Aufklärerarbeit der guten alten Mendelsohnzeit. Diese Zeit ist vorbei. Umpflügen wollten wir, aber der Boden ist steinig. Er ist wie der Boden Palästinas. Seit unzähligen Jahren liegt er brach. Vielleicht ist die Schuld an uns. Wir waren noch nicht die richtigen Pflüger. Vielleicht werden Andere kommen, die es besser treffen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.