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Neue Nationalzeitung · 1908-02-21 · Heft 8 (21.2.1908) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. „Neue National-Zeitung" Nr. 8. sehen Juden in Paris, die die Aufgabe eines Rabbiners nur in der Oberleitung religiöser Ceremonien sahen, glaubten gegen diesen Kandidaten sein zu müssen. Ueberhaupt haben auch persönliche Sympathien bei dieser Wahl eine sehr grosse Rolle gespielt. Diese persönliche Sympathie und ihre beschränkte Auffassung vom Judentum waren das Leitmotiv für die Delegierten aus der Provinz, wo eben das Judentum ohne Zufluss neuer Elemente im Niedergange begriffen ist. Es hat sich auch am letzten Donnerstag die Provinz gegen Paris verbunden. 64 Wähler, die Delegierten der Consistorien und der Gemeinden, waren anwesend. Im ersten Wahlgange erhielt Isr. Levi 24 und Alfred Levy 17 Stimmen. Im dritten Wahlgange siegte Alfred Levy mit 35 gegen 29 Stimmen, die auf Israel Levi entfallen sind. Der Kandidat der Provinz, wo Israel Levi sehr wenig bekannt ist, wurde gewählt. Allein man muss zugeben, dass Alfred Levy den meisten seiner Mittbewerber überlegen ist. In Luneville im Jahre 1840 geboren, erhielt er im Jahre 1866 das Rabbinerdiplom. Ein Jahr darauf wurde er Rabbiner in Dijon, 2 Jahre später Rabbiner in Luneville. Seit dem Jahre 1880 ist er Grossrabbiner in Lyon. Er ist der Verfasser mehrerer wissenschaftlicher Arbeiten, die er in der Revue des Etudes juives veröffentlichte. Auch wird er als vorzüglicher Redner und vornehmer Charakter gerühmt. Ein Band seiner Predigten ist erschienen unter dem Titel „Les doctrines dMsrael". Was die letzten Worte besonders kennzeichnet, ist der Eintritt der Juden aus den slavisohen Ländern als mächtiger Faktor in das Gemeinleben, ganz so wie in London. Anstatt es zu beklagen, wie es manche tun, welche voll Missgunst auf die Eingewanderten herabsehen, die nichts anderes wollen, als treue französische Bürger und gute Juden sein, sollten die elsässischen Juden erkennen, welchen grossen Vorteil dem Judentum die Heranziehung der Ghettojudenschaft bietet. Und wir zweifeln nicht, daas auch der neue Grossrabbiner, ein Mann von weitem Gesichtskreis, das Beispiel Zadoc Kahns nachahmen und allen seinen Anhängern gegenüber den Grundsatz vertreten wird, dass es im Gemeindeleben und in der Wohltätigkeit weder portugiesische noch russische, noch elsässische Juden gibt, sondern dass lediglich eine jüdische Solidarität besteht, wie sie bereits Cremieüx mit den Worten zum Ausdruck gebracht hat: Alle Juden sind Brüder! A. CORALNIK f)i*o domo.*) Ich muss leider diesmal gewissermiaissen in persönlicher Angelegenheit das Wort ergreifen. Als Publizist und politischer Schriftsteller hiaibe ich immer *) Wir können uns mit allen Ausführungen des geehrten Herrn Verfassers, der bisher in der zionistischen Partei-Presse eine führende Rolle gespielt hat, nicht solidarisch erklären. Allein treu unserer Tradition, das jüdische Problem von den Wortführern aller Richtungen behandeln zu lassen, freuen wir uns, wenn Herr Coralnik, zumal er vorige Woche vom Berliner zionistischen Partei-Organ angegriffen wurde, in unserem Blatte seinen Standpunkt in seiner geistreichen Weise verficht. Die Redaktion. am Pascalschen Asketenprinzip festgehalten: Le moi haben, ein Symbol des Tatsächlichen sein. Das war est haissable. Wer in die Oeffentlichkeit hinaustritt, wer den Leuten Wahrheiten sagen will, muss sich auf unwirsche Angriffe gefasst machen. Und auch auf unwürdige, stumpfsinnige Verdächtigungen und Insinuationen. Als ich den Artikel in der „Jüdischen Rundschau" gelesen habe, die Leichenrede, die der offizielle Berliner Zionismus mir hielt, da hat's mir weh getan. Es hat mich geschmerzt, dass Anhänger einer kulturpolitischen Partei, dass „Parteiretter" so albern, so abgeschmackt, so armselig schreiben, mit solchen Argumenten kämpfen müssen. Ich habe mich für die Partei geschämt, dass sie solche lahme Soldaten ins Feld schicken muss, da es gilt, einen Angriff abzuschlagen. Ich werde auf die Deklamationen, auf die Käseblattlpolemik der , Jüdischen Rundschau" nicht reagieren. Gegen Borniertheit, Vereihsmeiereigeist richtet die beste Dialektik nichts aus. Uebrigens, vielleicht heisst das Parteidisziplin. Mag sein. Ich glaube nicht, dass die zionistische Partei auf einem so tiefen geistigen Niveau steht, ich glaube nicht, dass Zionismus und Menschenverstand, Zionismus und Kritik im umgekehrten Verhältnis stehen, wie sehr auch die „Jüdische Rundschiau" es mir weismachen will. Die Zionisten werden sich für den ,,Wir-Ton" der „Jüdischen Rundschau" wohl sehr bedanken. Ich hätte wohl auch keinen Anlass, in dieser Frage das Wort zu ergreifen, wenn ich nicht eine ungewünschte Zustimmung von anderer Seite zurückweisen müsste. Ich meine den Artikel, der in der vorigen Nummer dieses Blattes unter demjTitel „Jungzionistische Verdrossenheit" erschienen ist. Herr Dr. Kaminka, der so geistreich uralte französische Chrestomathie-Verse zitieren kann, die er sogar auf den Zionismus anzuwenden weiss, wird verstehen, wenn ich sage, dass er am allerwenigsten ein .,bon entendeur" ist. Bevor man an Worte eines anderen anknüpft, muss man sie zuerst richtig verstanden haben! Und ich habe es in diesem Falle nicht gemerkt. Man dichtet mir eine Gegnerschaft zum Zionismus an, man will in meinem Artikel in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" eine Absage an die Partei und an das zionistische Ideal erblicken, man will mich zu einem „Apostata" stempeln. Ich bin erstaunt. Ich habe meinen Artikel noch einmal durchgelesen, ob denn etwas darin zu diesem Urteil berechtigen könnte. Ich habe mich selbst einer Kritik unterzogen und konnte doch keinen locus standi für derlei Urteile finden. Jawohl — ich habe mit gepresstem Herzen die Wahrheit — meine Wahrheit — zu sagen gewagt. Ich habe endlich das getan, was ich innerlich gezwungen war zu tun — ich habe die Phrase, die hohle, die hochtrabende, verdunkelnde Phrase im Judentum angegriffen. Die Phrase — das ist unsere Krankheit. Sie schleicht sich in unsere Hirne ein, nistet sich in unseren besten, wahrsten GedaJnken ein — und umgarnt uns. Und nicht einmal die jugendliche, vielversprechende Phrase, das Wort, dem die Tat folgt, vielleicht gemildert, gedämpft, die grossartige Geste des Starken. Es ist Senilität in ihr. Sie kommt aus einem zahnlosen Munde. Was war der Zionismus? Eine Reaktion des gesunden jüdischen Verstandes gegen die geschichtliche Phrase. Und ich will mich näher erklären. Jedes „Tum" muss ein Inhalt sein. Es muss leben, seine Wurzel in der Wirklichkeit

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