Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425730--0642-2426940- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Tlfr. 7. „Neue Natioaal-Zeitung" Seite 11. ^Peuilleton. "SAMUEL MEISELS (Charlottenburg). Jierthold Auerbach. „Berthold Auerbach verdient einen Biographen, welcher Jahre seines Lebens einsetzt, um das Bild der Nation zu überliefern. Doch ist keiner berufen, der nicht von derselben Liebe zu ihm. wie er selbst zur Menschheit, von derselben Freude an •dem Anschauen der Geschöpfe durchdrungen ist, und es wage sich niemand an ihn, der das kombinierte Wesen von Kind und Mann nicht versteht. Ein solcher aber mag ihn in voller Treue mit allen Vorzügen und mit allen Fehlern darstellen. Berthold Auerbach ist Manns genug, um eine wahrhalte Kritik zu bestehen." Also sprach Eduard L a s k e r in. dem bedeutsamen Nekrolog, den er seinem Freunde, dem Dichter der Schwarzwälder Dorfgeschichten, widmete. Diese Worte haben sich nunmehr in allen Einzelheiten erfüllt. Berthold A u e r b a c h hat lange Zeit auf seinen Biographen gewartet; niemand wagte sich an ihn. Nun hat er seinen Biographen gefunden, wie er ihn verdient, einen Biographen, der Jahre seines Lebens ■einsetzte, um das Bild des Dichters der deutschen Nation zu überliefern : Anton B e 11 e 1 h e i m. ( Berthold Auerbach. Der Mann. — Sein Werk. — . Sein Nachlass. Von Anton Bcttclhei m. Mit •einem Bikinis des Dichters. Stuttgart und Berlin 1907. J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger.) Anton B e 11 e 1 h e i m war der berufenste dazu, nicht allein weil er ein kenntnisreicher Literarhistoriker von grosser U"insicht und rühmenswerter Gründlichkeit ist, sondern auch weil er von derselben Liebe zu Berthold Auerbach durchdrungen ist, wie er selbst zur Menschheit, weil er Auerbachs kombiniertes Wesen von Kind und Mann wie kein zweiter erfasst hat. Er hat ihn in voller Treue mit allen Vorzügen und mit allen rehlern dargestellt. Das Bettelheimische Werk ist der Wahrheitsbeweis für die Worte Laskers: Berthold Auerbach ist Manns genug, um eine wahrhafte Kritik zu bestehen. Anton: B e 11 e 1 h e i m s Werk ist keine impressionistische Arbeit, keine Darstellung in Momentaufnahmen, sondern ein alle Konturen umgrenzendes, jegliches Detail erschöpfendes Lebensbild des Schwarzwälder Poeten. Das Buch entrollt vor unseren Blicken ein Lebensschicksal, das uns viel des Interessanten und Belehrenden bietet. Wir lernen Idaraus die Entwicklung eines jüdischen Dorfjungen und späteren Rabbinatskandidaten kennen, der, als er seine Hoffnungen, Rabbiner zu werden, zerschellt sieht, ein deutscher Dichter wird, ein Dichter, dessen Name in der ganzen zivilisierten Welt populär wird. Am 28. Februar 1812 in Nordstetten, einem Dorfe im Schwarzwald, als Sohn orthodox jüdischer Eltern geboren, verlässt er mit dreizehn Jahren das Elternhaus, um an der Rabbinatschule zu Hechin- -gen dem jüdisch-theologischen Studium obzuliegen. IVbn hier geht's nach Karlsruhe, dann nach Stuttgart, wo er die oberen Klassen des Gymnasiums abisolviert. Es folgen die Universitätsstudien in Tübingen, München und H .ndelberg. Diese bedeuten einen Wendepunkt im Leben A u e r b a c h s. Goethe, Herder, Schiller, Hegel, verdrängen bei ihm den Talmud: auf das besoldete Ehrenamt eines Kanzelredners in der Synagoge wird, durch mehrfache Umstände gezwungen, Ycr/icht geleistet, dafür jene moderne- Kanzel erwählt, die n;i< h dem Ausspruch Garlyles ..Zeitung" genrinnt wird. Auerbach wird Journalist und versi.-ht das mühselige, wenig erträgliche Handwerk eines Büehcr- und Theaterrezensenien für die von Lewahl herausgegebene „Europa". Bald jedoch wandelt sich der Journalist zum Schriftsteller. Auerbach lässt eine gegen Wolfgang Menzel gerichtete Schrift „Das Judentum und die neueste Literatur" erscheinen, gibt in Gemeinschaft mit F r 1 n k f u r t e r die ..( Ltlerie der ausgezeichnetsten Israeliien*' heraus, verfasst die jüdischen Romane ,,Spiivva", ein tragisches Lebensbild des Amsterdamer i'hil jsophen, und „Dichter und Kaufmann", einen Roman, der da- Leben des Epigrammdichters Ffraim M.»-e-.Kuh behandelt und in dem sich die Mendels>hns< he Epoche wiederspiegelt. Vom Jahre 1840 wendete sich Auerbach einem Gebiete zu, auf dem er bahnbrechend geworden ist, nämlich der Dorfgeschichte. Zwar hatten bereits vor ihm deutsche Schriftsteller wie Hegner, Immermann, Jeremias Gottheit", besonders aber Pestalozzi das Gebiet der Dorfgeschichte mir Erfolg betreten, aber Auerbachs Verdienst bleibt es, die Dorfgeschichte zu einer in sich gegliederten selbständigen Literaturgattung umgestaltet zu haben. Jm Jahre 1843 erschienen in den Deutschen Abenden die ersten zwölf Dorfgeschichten, die seinen Namen berühmt machten. Die Dorfgeschichten haben Berthold Auerbach in der ganzen zivilisierten Welt, ja weit übers Meer hmaus populär gemacht. Sie wurden in fast alle modernen Sprachen übersetzt. Freundliche Aufnahme und Anerkennung fanden auch die volkstümlichen Erzählungen des ,.Ge« vattermanns", womit Auerbach an den sinnigen alemannischen Dichter Johann Beter Hebel anknüpfte. Im Jahre 1847 verheiratete sich Auerbach mit Auguste geb. S c h r e i b e r, die nach kurzem Eheglück 1848 starb. Niedergeschmettert von diesem harten Schicksalsschlag, reiste Auerbach nach Wien, „um zu vergessen, um sich zu zerstreuen", durchlebte da die ( >ktotx rrevolution, deren Eindrücke er in seinem „Tagebuch aus Wien" (1849) schilderte. Im darauffolgenden Jahre ging er eine zweite Ehe ein mit Nina Landesmann, der Schwester Hieronymus Lorms. In den Jahren 1850 bis 1860 erschienen die misslungencn Dramen. „Andreas Hofer", ..Der Wahrspruch", der Roman. „Neues Leben", die stimmungsvolle Erzählung ,,Barfüssele", die später durch Ya 1: t i e r illustriert wurde; ferner die Dorfgeschichten ,Joseph im Schnee" und „Edelweiss". Von 1858 bis 1869 gab er jährlich einen Kalender heraus, der grosse Verbreitung fand. In den Jahren 1865 bis 1880 entstanden die grossen Romane: Auf der Höhe, Das Landhaus am Rhein, Waldfried, Landolin von Reutershöfen, Der Forstmeister, Brigitta. Ausserdem verdienen seine Schrift