Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. .Neue National-Zeitung" Nr. 7. töt „Wider uns", „Tausend Gedanken des Kollabbrators", sowie seine Aufsätze über Lessinir, Goethe, Fichte, Nikolaus Lenau u. a. erwähnt zu werden. Am 8. Februar 1882, wenige Wochen \\>r seinem siebzigsten Geburtstag, starb Berthold Auerbach im französischen Kurort Cannes. Sein letzter Wunsch war, dass man ihm in seinem Heimatsdorfe Nordstetten, mitten im Schwarzwalde, die letzte Ruhestätte bereite. Auf dem kleinen jüdischen Friedhof in Nordstetten, neben dem Grabe seiner Eltern, wurde Berthold Auerbach am 15. Februar 1882 zur ewigen Ruhe gebettet. Sein Freund und Vetter Jakob Auerbach setzte ihm durch die Veröffentlichung seiner Briefe das würdigste biographische, ein selbstbiographisches Denkmal. Dieses an Erfolgen so reiche Dichterleben; war auch nicht von bitteren Enttäuschungen und Schmerzen; verschont geblieben. Die grösste seiner Enttäuschungen erlebte er an seinem Lebensabend. In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sah er in Deutschland den alten Judenhass sich neu verdichten, er sah das ,.erste Aufzüngeln des Brandes". Er, der deutsche Dichter, der fürs Deutschtum so; viel gewirkt hatte, musste es mitanhören, wie man, Über „den Einbruch des Judentums in die deutsche Literatur" in der gehässigsten Weise Klage führte. Das zehrte an ihm. Die Petition gegen die Juden an Bismarc k, die zweitägige fudendebatte im Reichstag drängte im November [88o dem im Schmerz Verzweifelnden den Wehruf aar' die Lippen : ..Vergebens gelebt und gearbeitet' ' — — — — ALFRED SASSOON. ßine ©hetto^ochzeil' in Indien. (Aus d, :.i Englischen übersetzt von id; Poll .1 k. Nahezu die Hälfte der ganzen jüdischen Bevölk;. -rimg Kalkuttas hatte sich in der schönen, grossen Synagoge .,1): r Schild Davids", die nicht einmal in London ihresgleichen Ii..:, versammelt. Der Bräutigam und die Braut waren srhli'-ht:.-. einfache Leute; aber die Bewohner des Judenviertels strömten zu Hunderten zusammen, um an einer religiösen Zeremonie, sei es Hochzeit oder Begräbnis, teilzunehmen. Kostüme aus den verschiedensten Ländern, in allen Farbi»n und Formen, wogten bunt durcheinander. Ein stolzer und gewichtiger Turban aus dem türkischen Kaiserreich strebte mit der Londoner Glanzröhre um die höchste Ehre und Auszeichnung. Ein weiches Fez mit einer schwarzen (Quaste umschloss einen eisgrauen, von Erinnerungen an Shiraz strotzenden Schädel. Da und dort sah man das freundliche Glitzern bunter Gewänder und phantastischer Röcke. Das war aber nur der blosse Widerschein des prächtigen Regenbogens in der Hohe, denn die Galerie der Synagoge ist ein einziger lieblicher Aufzug >chöner Gestalten und prächtiger Kleider. Im Schatten des machtigen Portals drängt sich eine kleine Gruppe hüb-eher Brautjungfern mit süssduftenden Blumensträussen. Gerade als die Turmuhr ihr klingende-. Präludium beginnt, ehe sie die fünfte Stunde schlägt, kommt der Bräutigam in einem fürstlichen Landauer an, der für diese Gelegenheit gemiete; wurde. Ein paar Minuten später trifft die verschleierte Braut in Begleitung einiger Verwandten in einem noch prächtigeren Landauer ein. Unter einem Sanunt-Baldachin, der vor dem Altar errichtet wurde, steht das verlobte Paar. Em Talith von erlesener Weichheit bedeckt die beiden. Die Braut ist blass und zittert; das Gesicht des Bräutigams ist von fliegender Rote bedeckt und er versucht, seinen Zilinderhut — den ersten, den er je besessen - im Gleichgewichte zu erhalten. Die Zuschauer drängen um das Altargemälde, jeder bemüht, den besten Beobachtungsposten zu erlangen. Mit lauter Stimme wiederholt der Geistliche, der mit einem roten Talar bekleidet ist, die Segenssprüche. Der Bräutigam und die Braut nippten, an .dem Weine und der Becher wird auf dem Fuss- ^XKlcn zu Atomen zertrümmert. Viele reissen sich um die Glassplitter, denn es heisst, dass derjenige, der ein Stück: behält, sicher während des Jahres heiraten werde. Ein Teil der Versammlung bleibt in der Synagoge, um das ..Arbeet" zu beten, andere begeben sich an den Fest- und Belustigungsort. Einladungen zur Hochzeit werden nicht ausgegeben. Es sind auch keine nötig, denn alle sind Brüder im Hause Jakobs. 1 "nter den Klängen eines lustigen Hochzeitsmar - sches schreitet das Brautpaar über eine zerbrochene Stiege und dutch einen schmalen Gang in ein niedriges Gemach. Die Frauen empfangen sie mit derrt wunderbaren Rufe: ,,Lu—lu—lu—lu—lu—lu—lu—lu—lu—lu". Sie erzeugen dieses schrille Freudensignal durch eine eigentümliche Zungenbewegung. Dann tritt einen Augenblick Stille ein, . als das junge Paar — die Herrscher der Stunde — sich setzt. Nach einer Weile erhebt sich die errötende Königin, um den Hochzeitskuchen — eine Festung aus Pflaumen und feinem Mehl -~ zu zerschneiden. Das zitternde Messer durchdringt unter den zarten Fingern die zuckerigen Wälle und gleitet dann sanft und anmutsvoll in das Innere des wunderbaren Backwerkes. Sieh! Zur Verwunderung und zum Entzücken der Gäste wurden ein j aar luftige Gefangene aus der süssen Festung befreit. Die kleinen Vögel, die so geschickt in dem Kuchen eingeschlossen waren, fliegen fröhlich im Zimmer umher. Trinksprüche und hochfliegende Reden flackern beim' Schäumen des funkelnden Champagners auf. Der Vorrat des kostspieligen Nektars ist bald erschöpft und man gibt sich mit Alltags-Getränken zufrieden. Nelken und Kardamomen werden verteilt. Jeden Augenblick kommen neue Gäste. Die Luft ist drückend. Die Tabaksdünste hängen wie ein Wolkenbaldachin im Räume. Das Zimmer ist mit Leuten aller Menschenklassen vollgestopft. Der Ghetto-Geldwechsler steht Schulter an Schulter mit dem Koscher-Fleischhauer. Die Erbauer des babylonischen Turmes scheinen sich hier versammelt zu haben. Die Zungen vieler Länder werden gesprochen, wie Arabiens, Englands und des dunklen Hindostan. Aber noch lauter als die vereinigten Zungen der fünf Weltteile ist die unverfälschte Sprache eines Trifoliums kräftiger Wickclkinder. Das durchdringende Lu -lu—lu—lu der Frauen erschüttert die Fensterflügel. Vergebens spielen die Herren Hop, Stout und Ball auf ihren Violinen. Die Saiten drohen jeden Augenblick zi> reissen. Von dem Gebrüll des Gelages verschlungen, klingen die sanften Weisen des ..Valse bleu" und ..Home, sweet home" wie schwaches Rattengequieckc. Imnu-r weiter ziehen sich die .Herren Hop. Stout und Ball mit ihren besaiteten Instrumenten zurück. An ihrer Stelle erscheinen Zumbertooth, Zcrubbabel und Zechariah. Zumbertooth spielt die Nukara; Zerubbabel hämmert mit seiner mächtigen Faust den Dumbuk und Zechariah heult hebräische und arabische Gesänge mit einer Stimme, die das Haus erschüttert. Ein Glas Arak, reiner, brennender Arak, der in Bagdad gebraut ist, verleiht den Fäusten Zerubbabels solche Kraft, dass hunderttausend Dämonen aus seiner Dumbuk zu brüllen scheinen. Die Dinner-Stunde naht. Jemand gibt den Musikanten ein Zeichen und es tritt eine plötzliche Stille in der Lustbarkeil ein. Das Zimmer leert sich und die Gäste werden in; eine anstossende Veranda gepfercht. Man bringt eine lange, schmale Tafel und die Tischtücher werden aufgelegt. Die Braut und der Bräutigam nehmen ihre Plätze an der Spitze der Tafel ein. Die Männer sitzen an einer Seite, die Frauen an der anderen — wie es im Orient Sitte ist. Eine beträchtliche Anzähl Gäste bleibt im Hause zerstreut, denn alle können nicht mit einem Sitz an der Banquette-Tafel bedacht werden. Einen kann man in einer Fensterecke lehnen und sich an einem Geflügelbein gütlich tun sehen — Finger und Zähne ersetzen ihnen Teller und Gabel. Ein anderer diskutiert mit einem Handelskollegen über einen zarten Bissen Kabob und den Stand des Opium-Marktes. Viele laufen nach Hause, stürzen hastig ein Mahl hinunter und kehren zurück, um an Tanz und Gesang, die nach dem Dinner wieder aufgenommen werden, teilzunehmen. Gegen Morgen bricht die Hochzeitsgesellschaft auf. Jiüchereinlauf. Davis Trietsch: Palästina-Handbuch I. Berlin, 1907, bei Louis Lamm: Dr. Heinrich Leo Reich: Modernismus und Judentum. Wien und Leipzig 1908, bei Wilhelm Braumüller; Camilla Theimer: Antisemitismus und Nationaljudentum. Wien 1907. Im Selbstverlag.