Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. „Neue National-Zeitung" Nr; -7. mit den Polen und Deutschen unserer Provinz in Rulle und Frieden, bis die Hakatistenvereine auftraten, und die allzu scharfen (iernianisierungsver.su« he der preussischen Regierung ein Beamtentum nach dem Osten brachten, das seinen ..preußischen Schneid" am ehesten durch die Propagierung" des Antisemitismus zu beweisen wähnte. An allen Ec ken und Enden züngelten nun die Flammen des Hasses auf, christliche Familien, die sonst in jahrelangem freundschaftlichen Verkehr mit jüdischen gestanden, rückten plötzlich von den luden wie von Pestbehafteten und Seuchen verbreitern ab; christlichen Kindern wurde von ihren Kitern fortan verboten, mit den jüdischen Altersgenossen zu spielen 'lebhaftes Sehr richtig! : die ganze Atmosphäre war gleichsam von Verleumdungen, di ■ überall in der Luft schwirrten, erfüllt, und wenn sich zwei frühere gute Bekannte christlicher und jüdischer Religion auf der Strasse sahen, strebte der Christ dem andern Trottoir zu. um der peinlichen Situation zu entgehen, einen Juden, mit dem er vor noch nicht langer Zeit verkehrt hatte, gTÜs.-en zu müssen. So masslos waren die Hetzereien, so unerhört die Wühlarbeiten jener Maulwurfsnaturen, dass die Bekenner des Judentums in den Augen ihrer Mitbürger an Ansehen und Achtung dem Range der Verbrecher fast gleich kamen. fStür misches Sehr wahr!; Was Wunder also, wenn sich bald die Bande alter Scheu und Anerkennung lösten und mittelalterliche Anschauungen über die Juden in der Ostmark wieder wach wurden; beglückwünschen wir uns nur zu der Tatsache, dass der alte Vorwurf der Brunnenvergiftung durch unsere Glaubensgenossen wenigstens öffentlich bisher noch nicht laut wurde! ''Jemand ruft: Kann noch kommen! Allgemeine Erregung.1) Alle Verhältnisse kamen nun ins Wanken; die gesellschaftliche Stellung in ihrem Dienste ergrauter bewährter .jüdischer Aerzte und Anwälte war längst daliin. der kleine jüdische Kaufmann wurde von seinen andersgläubigen Mitgliedern boykottiert; die Juden wurden aus der Stadtverwaltung gedrängt: auf der Strasse, in der Familie, im öffentlichen wie im privaten Leben: überall wurde der Tude geächtet, beschmutzt. Der Erfolg einer solchen Politik war eine ausserordentlich starke Ab w a n d e r u n g d e r J u d e n a u s de m Osten, die in einzelnen Gegenden 50 r>o".> betrug. An die Stelle der Juden rückten aber sofort Polen ein, an die Stelle der Juden, die das Deutschtum am hartnäckigsten und heldenhaftesten lange Zeit gegen die PoEnübermacht verteidigten, und so hat die Regierung durch die Entsendung eines schneidigen Beamtentums gerade das Gegenteil ihrer Absichten erreicht: sie hat den Osten nicht germanisiert, sondern po- Ionisiert. Was hat denn nun der Zentralverein in dieser Beziehung geleistet? Nichts, gar nichts! .'Zuruf: traurig!. Sie haben recht, es ist traurig, .wenn eine Organisation fortwährend von der Pflicht der Abwehr redet, und ..sich wehren bringt Ehren", und ,,nichtswürdig die Nation, die nicht ihr alles an ihre Ehre setzt'' und ähnliche Phrasen mehr, und wenn es dann einmal heisst: nun zeige, was du kannst. rede jetzt nicht, sondern handle, dann auf einmal verstummt alles! Für im-» im Osten aber musste gerade bei dieser Polenvorlagc dem Zentralverein gegenüber die Parole lauten: ..Der Worte sind genug gewechselt-. Nun lasst uns endlich Taten sehn!" Lebhaftes Bravo' M. IT.! Verschlicssen wir uns nicht der Erkenntnis, dass es sich bei dieser Ostmarkenvorlage auch um den Lebens nerv, um das Wohl und Wehe, um Sein oder Nichtsein von Hunderten, ja Tausenden von j ü d i s c h e n E x i s t e n z e n handelt. .'Stürmischer BcifalH Angesichts einer solchen Gefahr durfte der Zentralverein nicht die Hände in den Schoss legen (sehr richtig», wir sind es müde, uns fortwährend mit alljährlich wiederkehrenden Phrasen absleisen zu lassen!! Oder hat Ihnen die Rücksichtnahme auf den Block, die sie neuerdings predigen 'Gelächter 1. auf einmal ihren phrasenreichen Mund geschlossen r Dass unsere jüdischen Abgeordneten im preussischen Landtag, jene berühmten 7 Schweiger, die Cassel. Peltasohn. Aronsohn. W<>]ff, Münsterberg und Rosenow bei der Beratung der Ostmarkenvorlage entschuldigen Sie den kräftigen Ausdruck - das Maul picht aufmachen würden, das dürfte doc h auch den Herren vom Zentralverein im voraus klar geworden sein. Und richtig! Sie haben ja gesehen. wie die Dinge sich abspielten. Sie wissen auch, dass der jüdische Abgeordnete Wolff Lissa bei der Beratung dieser Vorlage zu wiederholten Malen das Wort ergriffen — aber auch einmal von der traurigen Lage der eigenen Glaubensgenossen zu sprec hen, zu schildern, wie eine Politik, die sich gegen die fuden in der Ostmark richtet, in erster Reihe den Polen zugute kommt (sehr richtig! von allen Seiten), das konnte man natürlich von den jüdischen Abgeordneten nach ihrem sonstigen Verhalten im Landtag jüdischen Dingen gegenüber nicht verlangen. Ja, meine Herren, in jüdische Volksversammlungen oder in Paradie^o^ Stellungen, wie sie jüngst in Frankfurt a. M. vom Verband der deutschen Juden veranstaltet wurden (Landtagsabgeord - neter Dr. Cohn ruft dazwischen: Na, na!), ja verehrter Herr Doktor, bei aller Freude, die ich über die Reden in Frankfurt a. M. empfunden habe, besonders bei der des Dr. Loeb in Mainz, muss ich doch sagen, dass ich es hier zwecklos halte, wenn einige Hundert Delegierte aus allen Teilen Deutschlands nach Frankfurt eilen, nur um drei schöne Reden zu hören, die man ebensogut auch gedruckt lesen kann, ohne dass diesen Delegierten Gelegenheit geboten ist, auch ihrerseits ein kräftig Wörtlein über die jüdische Politik zu reden ja. meine Herren, in jüdischen Versammlungen können die Herren Cassel. Wolff-Lissa und Genossen manch kräftig Wörtleiu gegen die Regierung loslassen, wenn man aber Geheimra! geworden ist. der Blockpolitik sich mit Haut und Ilaaren verschrieben hat, dann ist man vielleicht auch verpflichtet, auf den Blockgenossen Liebermann v. Sonnenberg Rücksicht zu nehmen, um diesen nicht vor den Kopf zu stossen; ich sage, meine Herren, der Zentralverein musste diesen jüdischen Abgeordneten gerade bei der Polenvorlage das Rückgrat stärken, er musste. um mich vulgär auszudrücken, einheizen bei diesen jüdischen Abgeordneten. Der Zentralverein, respektive der Verband der Deutschen Juden hatte Zeit genug zur Ausarbeitung einer umfangreichen Denkschrift über die Lage der Juden in den östlichen Provinzen, und auch die materiellen Mittel standen ihm zu Gebote, denn schliesslich können doch die Antisemitcnprozessc. die Zeitschrift und die Propaganda allein die 50.000 bis 60.000 Mark jährliche Einnahmen, die der Zentralverein hat, nicht verschlingen. Und wie man sich bei Beratung des Volksschulgesetzentwurfos mit den Männern des Zentrums und der Rechten in Verbindung gesetzt, so durfte man auch bei dieser für die Juden des, Ostens viel schwerwiegender Vorlage nichts versäumen und musste aus wahrem Patriotismus auf die Schädigungen des Deutschtums durch das antijüdische Verhalten des Beamtentums in der Ostmark hinweisen. (Sehr richtig.) Es will mir wirklich scheinen, als ob der Zentralverein schon so tief im Block steckt, dass er aus lauter Rücksicht für den Block und] den Fürsten Bülow die staatsmännische Haltung der jüdischen Abgeordneten bei dieser Vorlage sogar noch mit Freuden begrüsst. Wir aber im Zentralvercin haben keine Blockpolitik, sondern jüdische Politik zu treiben, alles zu tun, was dem Judentum dienlich, nichts zu unterlassen, was ihm schädlich sein könnte. (Sehr richtig!) Wohin eine solche staatsmännische Haltung unserer jüdischen Abgeordneten führt, das sehen Sie wiederum aus der Beratung des JustizfÄtts vor wenigen Tagen. Da hatte der konservativ-antisemitische Abgeordnete Böhmer alles im Zeichen der Blockpolitik — es für nötig erachtet, zu wünschen, dass das Glaubensbekenntnis der Richter mit dem der Mehrheit seines Bezirkes übereinstimme. Es sei das erste Erfordernis, dass unsere Rechtspflege deutsch bleibe und au'~h von deutsch-nationalen Männern ausgeübt würde. Der Abgeordnete Cassel, jetzt Geh. Justizrat von Blocks- Gnaden. der in derselben Sitzung wiederholt das Wort ergriffen, hat sich auch hier wieder als treffsicherer Wortführer der 7 Schweiger bewiesen. Hört, hört! 1 Meine Herren, wie hoch stehen solchen Rettern des Judentums die Riesser, Kosch. Lasker. Loewe. Bamberger usw. gegenüber! M. H., ich konnte noch Dutzende von Beispielen anführen, ich will aber schliessen und meine: Wenn unsere jüdischen Abgeordneten, die eine so grosse Rolle im Zentralverein und im Verband der deutschen Juden spielen, in jüdischen Fragen gerade dort, wo ihre Stimme gehört wird, im Parlament, sich als solche Jammerlappejü erweisen, wenn ein Wolff Lissa, ein Aronsohn, ein Peltasohn, die die Dinge in unserer Ostmark genau kennen, nicht den Mut finden, auch, einmal für ihre Glaubensgenossen in der Ostmark eine Lanze zu brechen, dann haben wir, meine Herren, gar kein Interesse an der Wahl solcher jüdischen Abgeordneten. Stürmischer Beifall.) End wenn ein Zentralverein und ein Verband der Deutschen Juden die vitalsten Lebensinteressen unserer jüdischen Bewohner des Ostens mit Füssen treten, dann haben auch wir ein Recht, solchen jüdischen Institutionen ihre Lebensberechtigung abzusprechen und sie nicht nach ihren Worten, sondern nach ihren Taten zu beurteilen. Ich aber glaube, durc h solche offene Rede diesen Institutionen einen grösseren Dienst zu erweisen, als immer nur in die Hurrapolitik der Führer miteinzustimmen, getreu einem Ausspruche Kaiser Wilhelms I.: ..Diejenigen will ich für nieine wahren Freunde halten, die mir die Wahrheit sagen da. wo sie mir missfallen könnte," (Lebhafter allseitiger Beifall.)