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Neue Nationalzeitung · 1908-02-14 · Heft 7 (14.2.1908) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 7. druck gegeben, im der antizionistischen Berliner „Allgemeinen-Zeitung des Judentunis" sein Herz aus, .indem er Tränen über dir Renaissance weint, die nur zehn bis fünfzehn Jahre gedauert habe. Man kann darauf nur jenen schönen Nachruf des französischen Dichters sprechen: „Et rose, eile a vecu, ce que vivent les roses, L'espace d'un matin."' Das Judentum halte nicht Jahrtausende gewartet, um jene Wiederauferstehung zu feiern, welche erst vor zehn bis fünfzehn , Jahren von Herrn Coralnik und seinen, gewiss wohlmeinenden, aber doch mit der jüdischen (beschichte viel zu wenig vertrauten Freund -n, proklamiert wurde. Man könnte vielleicht von einem Wiedererwachen und einem langsamen Erstarken des jüdischen Bewusstseins seit hundert Jahren sprechen, indem man auf die gesamte Entwicklung der jüdischen Wissenschaft und der hebräischen Literatur, ferner auf das Entstehen der grossen, für die Hebung der Judenheit wirkenden Organisationen, der jüdischen Hochschulen, der mächtigen Grossgemeinden hinweisen würde. End auch dann müsste man in* Anbetracht der 'grossen Zeiträume, mit denen die jüdische Geschichte rechnet, sehr bescheiden sein, und alle diese Anzeichen tatsächlichen und wahrhaftigen, neuen Lebens während eines ganzen Jahrhunderts erst als Anfang einer Renaissance bezeichnen. Aber ist es nicht komisch, eine Episode von zehn bis fünfzehn Jahren als Kriterium für Blüte und Verfall, in Bezug auf ein Volk zu betrachten, das schon im Jahre der Gründung Roms '.inen Je saias aus seiner Mitte hervorbrachte? . . . Schlimmer sind aber noch und eine schärfere Widerlegung verdienen die resignierten Bekenntnisse, welche Jakob R a b b i n o w i c z, im ,,H e d Hasman"*) in seiner Besprechung der Zivilisten und Bundisten, niederlegt: „Noch vor drei bis vier Jahren stritten wir Tage, lind Nachte hindurch miteinander. Wir waren berauscht von den Kongressreden, von den schwungvollen, nationalen Liedern. Wir hielten die Erlösung für nahe bevorstehend. Ebenso berauscht waren jene, durch ihren Glauben an die allgemeine, baldige Befreiung in Russland! Wir schimpfen uns gegenseitig Knechte, und hatten beiderseitig Recht. Denn jene waren sklavisch, die sich russischen, revolu - tionären Idealen ergaben, und wir haben unserseits auf den Bürgerstolz verzichtet, i,ndem wir uns das Ideal einer «nationalen Freiheit in einem erst zu erwerbenden, eigenen Heimatslande konstruierten. Nun ist alles vorüber. Was ist von jener Partei, und was ist von unserer Partei geblieben? . . . Wo sind ihre Myriaden, und wo sind unsere Tausende? . . . Wer (nimmt bei uns jetzt die nationalen Hoffnungen und iZibnslicdcr ernst, und wer singt bei ihnen noch die Marseillaise? Wir haben alle bereits alles vergessen, und sind unseren Göttern untreu geworden. Jetzt lesen wir alle Nächte hindurch Sani n**) und interessieren uns für blöde Lustspiele. Alle Ideale sind in die Rumpelkammer geworfen, nur (nach zwei Dingen strebt die Jugend: nach Wohlstand und nach Vergnügen! Die Bundisten haben aufgehört, sich als .nationaljüdisch zu bc- *; Das zionistische Tagblatt in hebräischer Sprache. Die Red. **} Schlüpfrige Erzählungen der neuesten russischen Literatur. zeichneu; das taten sie nur, so lange der Zionismus eine gangbare Münze im Volke war und ihnen gefährlich schien. Jetzt fürchten sie die Konkurrenz nicht mehr, und erklären ölten, dass sie die Assimilation anstreben, durch die jeder einzelne vorwärts komme, und sein Ziel im Leben erreichen kann. Wir Zionisten haben anderseits früher der Demokratie unsere Reverenz gemacht, da sie in Mode war. Jetzt nahmen wir die Maske herunter, und zeigen uns wie wir sind. Die demokratischen ,,Poale-Zionisten" verlassen uns allmählich, und die uns treugebliebene, zionistische Presse ist wieder ganz reaktionär. Wir sind auch wieder zu den Märchen über geheimnisvolle, diplomatische Missionen gelangt.*) Nur dass kein Mensch mehr daran glaubt! Wieder versammeln sich unsere Parteileute und reden und schreiben, aber niemand hört und »niemand liest. Es sind nur noch tote Gebilde, l'eberreste einei verklungenen Zeit. Worte, inhaltslos für uns, und nicht mehr von Wirkung. Es ist alles nur eine Koteric, ohne Zweck und Ziel. Die letzten Mohikaner, einsame, trauernde, sitzen noch auf den Ruinen, und bemühen sich zu retten, was noch zu retten ist." , < Die „Partei" hat nic'ns getan, um feste Wurzel in der Judenheit zu fassen. Sie hat sich die religiösen Juden durch gänzliche Irreligiosität, die hebräischkulturell Gesinnten durch offenkundige Verachtung aller geistigen Güter; die westeuropäischen, modernen Juden, durch Propagierung der nationalen Absonderung und durch übertriebenen Personenkultus entfremdet. Sie hat von der ersten Stunde ihre Mitarbeiter und Förderer, die als bedeutende Männer einerseits, und dann durch ihre Stellung im Judentum berufen erschienen, ihr eine reale Basis zu schaffen, teils durch Intrigen ausgeschaltet", teils sich zu Feinden gemacht. Nun wundern sich die ernster Denkenden, die sich nicht mit dem ephemeren Applaus, der gegenseitigen Beräucherung begnügen, dass die Bewegung noch mehr zusammenschrumpft, 'und dass ihr das Lebenslicht ausgeht. Die Sache selbst aber, ist der gesamten Judenheit zu heilig und hoch, als dass sie durch die Schlappen leiden könnte. Die Liebe zu Zion und das Streben nach einer Regeneration des jüdischen Stammes werden vielleicht gerade auf den Trümmern der unhaltbaren Gebilde, von Seiten der auf historischem Boden stehenden, jüdischen Organisationen u;\so mächtigere Förderung finden. Lind die Sehnsucht des Volkes wird, sobald die richtigen Führer sich finden, ohne innere Spaltung und Parteibildungen der Verwirklichung zugeführt werden. Dr. KUBEN BIEBER: %w Kadiniah^eiet*. (Bin Nachwort). Gestatten Sie auch mir, als dem Gründer der ,,Kadimah" zur viel bestrittenen Frage das Wort zu ergreifen. Als jener Mann, welcher das Werdewort der ,,Kadimah" gesprochen hat, kann ich es beanspruchen, gehört zu werden. Die zwei Artikel Ihres Blattes über diesen Gegenstand haben sehr v i e 1 für sie h, und ver - dienen von den Kadimahnern beherzigt zu werden. Zunächst im Punkte des Schlagens und dann be- *) Offenbar eine Anspielung auf die jüngste Enunziation Wolfsohns,

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