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Neue Nationalzeitung · 1908-02-14 · Heft 7 (14.2.1908) · p. Seite 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite b. „Liebe Blanka! W ie konntest du wissen, dass ich gerade 3 Meter Stoff für das Kindskleid angeben werde? Ich hab' es ja nicht einmal ausgesprochen (und du hast mich unterbrochen mit der fertigen Antwort?" Die kluge Blanka antwortete aber ganz siegesbewusst: Bitte, Fräulein! Haben Sie nicht gestern bei der Zahl 14 dasselbe Beispiel aufgegeben? Die Mutter brauchte für ihr Kleid 12 Meter Stoff und die Tochter nur 2 Meter; das sind 14 Meter. Heute lernen wir aber die Zahl 15. Wenn die Mutter ebenfalls jetzt 12 Meter benötigt, so wird die Tochter (nun 3 Meter benötigen, damit/ 15 herauskommt!" Wenn man zu ihrer hohen geistigen Veranlagung noch ihren sprichwörtlichen Fleiss und ihre Rührigkeit dazurechnet, so ist es dann ganz verständlich, dass sie auch einen grossen Erwerbssinn in jeder Branche besitzen, wodurch auch ihre materielle Selbständigkeit bedingt ist. Obwohl sie sich meistens mit Handel befassen, so findet man auch sehr viele im Gewerbestande und seit kürzerer Zeit auch als Beamte in Staats und Privatdiensten. Es gibt Grosshändler und Unternehmer, die Millionäre sind; aber auch der kleinste Flickschuster und Gemüsehändler verdient so viel, dass er seine Familie mit allem versehen und in , geordneten Verhältnissen leben kann. Die Moral ist vielleicht die allerhöchste Tugend bei 'unseren Spaniolen. Während diese bei den Chqsten und auch bei den frommen Türken schon tief gestunken ist und man bei diesen sehr viele öffentliche ,um<l geheime Dirnen finden kann, sind solche unmoralische Auswüchse bei den Spaniohnnen niemals vorhanden. Dam soll ausser der strengen Religionsvorschrift, dem tugendhaften Eheleben, den erblichen Sitten und Gebräuchen auch viel der Finstand beitragen, dass die jüdischen Kultusgemeinden, eine sehr grosse Sorgfalt den armen und elternlosen Kindern' angedeihen lassen, für sie;sofort ehrlichen Unterstand finden, ihnen Unterstützungen und Lehrstipendienjgeben, so dass kein Proletariat auswaehsen kann. Ihre Liebe zur Musik ist da sprichwörtlich und man kann es buchstäblich behaupten, dass es das singende Volk «ist. Ob sie auch einst in Spanien gesungen haben, ist schwer zu erraten. Alle Melodien, die sie heute noch mit dem spanischen Text singen, sind türkisch-orientalischer, sowie südslavischer Abstammung. Sie haben nämlich die .schönsten türkischen und serbischen ."Weisen sich zu eigen gemacht und dazu den spanischen Text unterschoben. So ist z. B. das wunderlich schöne Lied ,,Pascharifko" eine alte serbische Melodie (,,Kosutice, gdje si bila?"); die wehmütige: „Go 1 u b i ka de c o 1 o r" eine echte Turkestan-türkische und sehr verwandt mit einigen urrnagyarischen Weisen; die Romanze: „Una noc di luna" aber ein Gemisch der orientalischen und serbischen Art. In neuester Zeit gründen sie auch Gesajngsvereine (z. B. „Lyra" in Sarajevo) und geben selbst sehr gute Dilettantcnvor- Stellungen in ihrer Muttersprache. Auch eine Zeitung erscheint in Sarajevo in spanischer Sprache. Sie akkomodieren sich sehr leicht und willig dem modernen Kulturleben und den Bedürfnissen; der frühere Antagonismus gegen österreichische Juden jst jetzt fast ganz verschwunden, so dass bereits auch wechselseitige Eheverbindungen und gesellschaftliche Beziehungen stattfinden. Ihre Nächstenliebe auch den Christen und den Muslims gegenüber ist auch heute stark, wie früher, und es sind recht viele Beispiele einer rührenden Mildherzigkeit unserer Spaniolen für die armen Christen und Türken bekannt, während; sie selbst im Gegenteile von beiden stets missachtet und sogar verfolgt waren. Sie sind auch höchst milden Temperaments, besonders beim Umgang mit anderen Konfessionen. Einmal erhielt ein reicher spaniolischer Kaufmann von seinem türkischen Konkurrenten und Nachbarn eine Ohrfeige nur deshalb, weil er sich unterstanden hatte, während eines Ramazantages (Fasttage der Türken, an denen sie weder essen, trinken noch rauchen dürfen) eine Zigarette anzuzünden und quasi so den Türken zu provozieren. Der geohrfeigte Jude klagte den Attentäter gar nicht. Nachdem die Fasttage vorübergegangen vw-ren, entschuldigte sich der Türke selbst mit dem Bemerken, dass er jene Provokation nicht ruhig aushalten konnte, um auch nur zuschauen zu können, wie jener raucht, während es ihm nicht gestattet ist. Es Hesse sich noch viel sagen über dieses fast unbekannte Volk, welches nur seiner Arbeit, seinem Fach und Unternehmen huldigt, keine Politik treibt, oder gar der Landesregierung unruhige Minuten bereitet, wie es andere Konfessionen im Lande jahraus, jahrein machen (besonders die Griechisch-orientalischen und die Moslimanen). Und eben deshalb, weil es ein fried- und ordnungsliebendes Volk ist, ehrlich, fleissig und hochintelligent, verdient es auch, eine besondere Aufmerksamkeit und Gunst unserer Landcsverwaltung, (die immer auf eine bessere und.1 sicherere l'ntcrstüizung seitens der Spaniolen rechnen darf als seitens anderer, turbulenter Elemente, die, weil sie seit tausend Jahren in diesem Boden wurzeln, die Landesverwaltung als Rabenmutter be^ trachten und alle ihre Beamten als lästige Eindringlinge bezeichnen. Dr. A. KAMINKA. UungS s zionistische ^erdFOsseti» heit. In einem merkwürdigen Gegensatz zu den grossen Worten und den schwungvollen Siegeshymnen, die aus Parteikreisen immer wieder erschallen, stehen die sich :n letzter Zeit immer mehr häufenden Verzweiflungsrufe aufrichtiger und ernst denkender zionistischer Schriftsteller über den Zusammenbruch aller'Hoffnungen, welche sie noch vor wenigen Jahren gehegt hatten. „Freudlos in der Freude Fülle, (ungesellig und allein", klagen sie in so eindringlicher (Weise über den Untergang der von ihnen geträumten „Renaissance'', dass diejenigen, welche ohne zur „Partei" zu gehören, als gute Juden, mit ungebrochenem Mute und mit mchtversiegender Begeisterung für eine Wiedergeburt, eine Erstarkung ,und Zusammenfassung anserer besten Kräfte nach wie vor zu wirken bereit sind, gegen diese Jeremiaden Einspruch erheben (müssen. Es kommt diesen seufzenden und wehklagenden Herren nicht zu Bewusstseiln, dass etwas zusammengestürzt ist, was niemals fest bestlinden hat. Herr R, A .Coralnik, bis vor kurzem W ortführer , in der zionistischen Partei- Presse, schüttet, .nachdem er bereits i/n der diesjährigen Cha'tiukanummer der „Welt" in einer Art von „Absagebrief" an die Partei seinem Pessimismus Aus-

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