Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6. „Neue Katioiial-Zeitung" Seite 11. Feuilleton. J. K. (Jerusalem). Bas föaunifest ii) Palästina« (Chamlsehah-Assar-Bischwat*). Erinnerst du dich, lieber Freund, unserer Jugendtage, jener Tage, wo wir noch in der Talmud- Thora gelernt haben, dort auf der Chur\va**i des Rabbi Je'huda Hacha-ssid? Erinnerst du dich noch, wie wir als kleine Kinder, die nur die Churwa, die jüdische Gasse und unsere kleine Kolonie kannten, unbewusst, ohne noch irgendwelchen Dingen nachzugrübeln, fröhlich in der Kolonie herumliefen und verschiedene Spiele erfanden? „Wenn man will", sagten wir uns einmal, als wir einmal in der Nacht beim hellen Vollmondlichte auf der Jaffaer Strasse als zum Bewusstsein gelangte Jünglinge spazierten, „wenn jnan will, waren jene Tage die glücklichsten, und überhaupt die poesievollsten". Du warst aber damalsvon der Sehnsucht so ergriffen, dass du ausriefst: „Und sie sind es noch immer!" Ich bemerkte aber: die glücklichsten, wenn wir fern von ihnen sind, die poesievollstcn bei jetziger Betrachtung." Du lachtest laut auf und rietst: „Ach, gäbe Gott, sie kommen wieder!" Ja, solche Erinnerungen tun meinen Gefühlen wohl und erwecken ki meinem Herzen ein Sehnen nach etwas, das ich selbst nicht kenne. Du schautest mich wie ein Sieger an und meintest, das Sehnen sei ja doch das Wollen, das Wünschen, jene Tage mögen wiederkommen. Um aber mit dir nicht zu streiten, da du nach einigen Tagen in die Fremde reisen solltest, bemühte ich mich, unserer Unterhaltung eine andere Wendung zu geben; ich wollte die letzten Stunden ohne Diskussionen mit dir verbringen. Jetzt aber bei der Erinnerung an jenen Tag, welchen wir gemeinsam in verschiedenen Perioden unserer Jugendzeit verbracht haben, will ich dir zeigen, dass jene Tage nicht vom Glücke ausgefüllt waren; nur jetzt, wenn sie uns in der Erinnerung vorschweben, erscheinen sie uns glücklich und poesicvoll. Waren wir denn nicht elende, arme Kinder im Cheder, und unglückliche Jünglinge in der Jeschibah?***) Ich schreibe diese Sätze jetzt im Winter, im Monate Schebat. In dieser Zeit, wenn draussen finstere Nacht herrscht, ohne dass sie die vielen kleinen .Sternlein zu beleuchten imstande sind, oder wenn draussen der Wind saust, der Regen strömt und die ganze Gegend in Finsternis und Trauer versunken ist, in solcher Zeit liebe ich es über die verflossenen Tage nachzudenken. Da ziehen in meinen Träumen verschiedene Chamischa-Assar- Bischwat in mannigfaltigen Bildern vor meinen Augen vorbei. Ich will vorläufig von zweien er - zählen. *) Dieses Feuilleton, welches der Verfasser Herrn J. E. gewidmet hat, behandelt die Bedeutung des Baumfestes, das auf den 15. Schewat fällt. Durch Verspätung der Post musste leider eine kleine Verzögerung in der Veröffentlichung eintreten. Die Red. **) Ruine. Die Red. '■'**) Eine Lehrstätte für talmudische Fächer für Knaben, •die bereits dem Cheder entwachsen sind. Die Red. Kleine, unbewusste Kinder, ungefähr zwanzig an der Zahl, sassen wir im Cheder; wir schauten auf den alten, zarten Rabbi und lauschten. Der Rabbi sah sehr begeistert aus; er sprach und Avir horchten mit grossem Interesse. Vor ihm auf dem Tische lagen Aepfel, Birnen, Orangen, Kastanien, Nüsse und noch einige Früchte, auf welche wir unsere Blicke verstohlen warfen. Er erzählte uns merkwürdige Geschichten. Aber auch die schönen Früchte hielten unsere Aufmerksamkeit im Banne. Feberhaupt die rotbackigen Aepfel und die goldenen Orangen haben es ui-s angetan; ein jeder von uns war neugierig zu wissen, für wen doch die rotbackigen Aepfel und für wen die goldenen Orangen bestimmt wären. Wie kamen diese schönen Früchte auf den Tisch des Rabbi? Es war dies ganz einfach. Jeden Chamischah-Assar-Bischwat pflegte der Vorsteher der Talmud-Thora einige Säcke Früchte zu kaufen, um sie unter den Kindern der Chederim zu verteilen. ,,Mögen diese kleinen Kinder auch wissen, was Chamischah-Assar-Bischwat bedeutet!" pflegte der Vorsteher mit einem gutmütigen Lächeln zu sagen. Ich liebte sehr diese Gabe, aber noch mehr seine Früchte. Wir sassen damals ruhig und schauten auf den Rabbi, der mit den Früchten spielte. Endlich verteilte er sie unter uns und nach einem gemeinsamen, lauten Segenispruch, begannen wir sie langsam zu verzehren. Lange bemühten wir uns, das Johannisbrot zu zerkauen, doch deren Körner dienten uns zu manch schönem Spiel. Jeder von uns sammelte diese Körner in seine Tasche, um sie dann den Spielgenossen ins Gesicht zu schleudern. Heute aber fing dieses Spiel der Rabbi selbst an, indem er jedem von uns die Körnlein zuwarf. Dies belustigte uns sehr und wir bemühten uns. die Körnenmit den Händen zu fangen.' ' ' „Kennt ihr, Kinder, die Erzählung von Choni, ILimaagal und dem Johannisbrotbaume?" fragte der Rabbi mit froher Laune. „Nein!" riefen wir laut und drangen in ihn, er möge uns diese tieschichte erzählen. Der Rabbi nickte mit seinem greisen Haupte, dass er unsere Bitte erfüllen werde, und wir drängten uns zusammen, beugten unsere Köpfe über den Tisch und lauschten. „In alten Zeiten lebte in Jerusalem ein sehr frommer Mann, den man Choni. Hamaagal nannte. Dieser zweite Name war ihm von seinen Zeitgenossen darum beigesetzt worden, weil er, wenn die Stadt Mangel an Wasser litt, um sich einen Kreis (zu Hebräisch Maagal) gemacht hat, wo er so lange betend dastand, bis der Ewige sein. Gebet erhörte und bis die Himmel sich mit Wolken umhüllten und der Regen in grossen Strömen niederging. Einst ging er ins Feld hinaus, wo er einen alten Mann einen Johannisbrotbaum pflanzen sah. Choni fragte den Alten, nach wieviel Jahren der Baum Früchte tragen wird. „Nach siebzig Jahren", antwortete der Alte. Choni sah ihn verwundert an und fragte wieder: „Wer wird also dessen Früchte gemessen?"