Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. „Neue National-Zeitung" Nr. 6. „Meine Enkel." antwortete der Alte kurz und Hess sich nicht in seiner Arbeit stören. Choni lachte laut auf, trat in die nahe gelegene im Felsen gebaute Höhle und da er vom Gehen sehr müde war, schlief er gleich darauf ein. Engel stiegen vom Himmel herunter und umwoben die Oeffnung der Höhle mit feinem} goldenem Gewebe. ..." Wir waren in Träumen versunken; unsere Phantasie zeigte uns diesen grossen Gottesmann, wie er in seinem Kreise stand inbrünstig betend, wie sich der Himmel mit schwarzen Wolken bedeckte, und, der Regen in Strömem niedergoss. Dann sahen wir vor uns klar die Höhle, w^> Choni sass; die Engel schleppten goldene Fäden mit sich und sie webten und webten. Als aber der Rabbi plötzlich innehielt, erwachten wir und baten ihn, er möge uns das Ende der Geschichte erzählen. Und der Rabbi! setzte fort: „Eines Morgens erwachte Choni und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Die Engel, das goldene Gewebe, alles war verschwunden. Er trat aus der Höhle und sah, wie derselbe alte Mann auf den Baum hinaufkletterte und seine Früchte pflückte. „Nun", sagte Choni, „da hast du doch schon reife Früchte und du sagtest, sie erscheinen erst nach siebzig Jahren." Der Mann sah jhn verwundert an und fragte Choni, was er mit diesen Worten meine: „Wer hat diesen Baum gepflanzt?" fragte Choni. „Mein Grossvater!" antwortete der Mann. „Oh, ich habe also siebzig Jahre geschlafen!" rief Choni verwundert aus. . . . So erzählte der Rabbi und bemerkte gedankenvoll: Ja, was der Grossvater pflanzt, das geniesst der Enkel. Immer wiederholt sich dieses Schauspiel: Der Grossvater pflanzt, der Sohn hütet und der Enkel geniesst. . . . Jetzt, Künde, geniesst die Thora, die euere Grossväter gepflanzt haben ujnd mit' einem gemeinsamen Tonfall fingen wir wieder an, den Talmud zu lernen. . . . Und die Früchte, die rotbackigen Aepfel und die goldenen Orangen, wer hat sie gepflanzt, wer wird sie geniessen? Um diese Fragen zu beantworten, war ich noch zu jung und musste derweil den Talmud geniessen. . . . II. Es war ein kalter Wintertag, der Regen ergoss sich in Strömen, die Scheiben der Jeschibahfenster schienen zu weinen und manchmal drang durch die Türspalten das Aechzen des Windes, welches sich mit unserem monoton traurig klingendem Singsang des „Amar Abaye" zu einem Chor gereinigte. Und wir sangen damals so monoton und unsere Melodie klang so traurig, als ob wir zusammen mit der Natur nach dem Frühling trauerten. Als ob? Wir trauerten wirklich, aber wir waren uns selbst dieser Trauer noch nicht ganz bewusst; sie war für uns halb unverständlich. Wir trauerten nach dem Frühling unserer Jugend, der so schnell, so schnell dahineilt, ohne dass wir seine Früchte genossen hätten. Wir sassen da tage-, wochen-, jahrelang und vergeudeten unsere Zeit, ohne über unsere Vergangenheit einmal nachzudenken. WTie hätten wir erst über die Zukunft nachdenken sollen! Für uns gab es ja keine Vergangenheit und, keine Zukunft, sondern bloss eine lange, traurige, nicht enden wollende Gegenwart. Und doch haben wir es nicht so weit empfunden. Wir waren ja manchmal auch glücklich. Haben wir es herausgefunden, wie die Frage des Macharschah zu beantworten sei; ist es uns gelungen, irgend einen verwickelten Tosscfoi oder gar einen Satz des Talmud zu erklären, dann waren wir ja glücklich.. Ueberhaupt die Agadath erquickten uns; sie lehrten uns phantasieren und träumen. Und wir träumten und phantasierten. Durch diese Träume verlernten wir, über unsere Lage nachzudenken. Und \vozu denn nachdenken? Leben wir denn nicht, verstehen wir den Talmud nicht, entlässt man uns aus der Jeschibah? . . . Jener Tag war Chamischah-Assar-Bischwat. Die Bedeutung dieses Festes kannte ich ganz genau: In alten Zeiten, als wir noch ein selbständiges Volk jund Herren im eigenen Lande waren, da feierten wir verschiedene Festtage. Manche gehörten zur Geschichte und manche zur Natur; zu dem letzteren gehörte Chamischah-Assar-Bischwat. Der jüdische Bauer pflückte, säte und pflanzte; im Herbste,, die Regen gössen regelmässig; die Felder fingen an zu grünen, die Bäume zu blühen; der Eigentümer, der die ganze Zeit so schwer im Schweisse seines Angesichtes gearbeitet, sieht, dass seine Mühe nicht umsonst sei und er freut sich, und er ist glücklich. An diesem Tage fühlt er sich verpflichtet, dem Gott seiner Väter für seine Güte zu danken und er spricht begeistert: „Gesegnet seist du Herr unser Gott, Herrscher der Welt, dass du in deiner Welt gute Geschöpfe und gute Bäume schufst,, um durch sie die Menschensöhne zu ernähren." Das alles war irr jenen alten Zeiten, da wir ein Volk waren und ein eigenes Land hatten; jetzt aber erinnern uns in der Jeschibah nur die Früchte,, die der Schames gebracht hat, daran, dass heute ein Festtag ist. Wie hat es uns belustigt, dem Schames entgegenzulaufen und ihm die Früchte abzunehmen. Chamischah-Assar-Bischwat! Welche Gefühle konnte uns dieser Tag einflössen, da wir nicht fühlen konnten! Was für Gedanken konnte dieser Tag in uns erregen, da wir nicht zu denken vermochten! Wir waren elend, ein elend js Leben hat uns ^erwartet. Jeder von uns verdiente nicht mehr als 20 Francs monatlich Jeschibahgeld, wovon er auch eine Frau und vielleicht noch einige Kinder ernähren musste. Man suchte das Elend durch das Talmud-Studium zu vergessen. Aber nicht immer gelang dieser Versuch. Und wenn es auch Chamischah-Assar- Bischwat ist und wenn auch die Bäume blühen, da sagt man den dafür bestimmten Spruch mechanisch her und nichts kann das Herz erfreuen. Die Jeschibah-Leute sind schon verblüht, ihre schönste Zeit ist verwelkt Und traurige, elende Morgen erstrecken sich vor dem grübelnden Gehirne. Ich war damals noch jung, der jüngste unter meinen Kameraden und daher auch der einzige Junggeselle. Das Elend hatte ich noch nicht ganz kennen gelernt. Der Wind sauste, der Regen strömte, wir sangen immer weiter, immer lauter das monotone „Amar Abaye". Von den Früchten war bereits keine Spur und so vergassen wir, dass jener Tag Chamischahr Assar-Bischwat war