Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425729--0626-2426923- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 Nr. 6, der Redner von einigen besonderen "Werken des Dichters, von seinen Lebensschicksalen. ,,Der Dichter ist gestorben, aber unserer Jugend soll er erhalten bleiben, und das Andenken an ihn möge fortleben, wie seine (»einige fortleben werden.*' In seiner Rede wendet" sich Herr Geyer in entschiedener "WYisr gegen das vorerwähnte Feuilleton in der ,,Jüd. Zeitung", deren ignoranter Feuilletonist die unglaubliche Kühnheit hatte, von einem ,,Hanswurst" zu sprechen. Das fordert Fmpörung und Entrüstung heraus. . . ." Der glänzende und mit köstlichen Episoden gewürzte Vortrag wurde mit stünnisrhem Beifall aufgenommen. Herr Kantor J. (imb und k. k. Ilofopernsänger l'rich sangen hierauf einige Lieder G o 1 df a d e n s. und besonders Herr Grob ausste das Publikum durch die Innigkeit seines Vortrages zu rühren. Herr II e 1 1 m a n n brachte ein längeres Gedieht Goldfadens in meisterhafter I'ointierung zum Vortrage, und ein Violiiisolo bildete den Abschluss des genussreichen Abends, der wieder einmal bewies, dass sich unsere vahrhaft jüdisehnationalcn Studenten kultureller Ziehbefleissen. Zu -diesen akademischen Vereinigungen zählt vor allem der Verein „Jüdische Kultur" . Schliesslich sei noch auf eine Anregung des Herrn M. Geyer zurückgekommen, der in seinem Vortrage den Wunsch ansprach, es möge durch Sammlungen ein .,G o 1 d f a d e n - P r e i s" gestiftet werden, zur Zuwendung an jüdische Volksdichter. Hoffentlich schläft der gute Gedanke nicht ein. . sch. Deutsches Reich. Zwei Vppstosswie. Frankfurt. <l n 2 Tanner. YM-ig.-Korr. Kimaufsehenerregende, ers. 'hütteredc Geschichte von drin Schicksale einer jüdischen Familie, die vor etwa 14 fahren von Warschau nach Kngland auswanderte, erzählt I)]-. Kurt A b c 1 in der ,,Frankfurter Zeitung'. F.- i-t kein alltägliches Drama, das der Verfasser vor unseren Augen entrollt, es ist tiefer gesehen, (las traurige Los von G .liisjuden. Die Familie des jüdishen Handels mannes Benjamin Goldstein siedelte sich im Londoner East-End an. her Vater be-ann einen Handel, der leidlichen Gewinn abwarf. Aber vr war ein geborene,- Verbrecher. Und so trieb, er denn auch seine Kinder auf diese abschüssige Balm. Die Kinder entwickelten eine nicht ungewöhnliche Intelhgenz. und der \e,rohfe Vater erkannte, dass «lies gut auszunützen wäre. Dickens ..Oliver Twist'" müsseman zur C.änze zitieren, um zu erzählen, wie der Vater seine Kinder ausnützte, wie er sie zum Stehlen anhielt, sie in alle Finessen des sauberen Handwerkes einweihte. Wohl sehnten sich die Kinder, der Gewalt des unmenschlichen Vaters zu entfliehen; aber sie fürchteten - ine (Grausamkeit. Der eine entfloh wirklich, aber der Vater brachte ihn wieder zurück. So gerieten die zwei Tungen immer tp-f. r ins Verderben. Der Vater unternahm, nachdem die Frau entflohen, längere Gastspielreisen nach verschiedener Herren Länder, bis er samt den zwei Söhnen in Frankfurt a. AT. auf frischer Tat ertappt und vor Gericht gestellt wurde. Fs kam zur Verurteilung. Der Vater erhielt sechs Jahre Zuchthaus. Der ältere Solin Moritz, erst 14 Tahre alt, bekam drei Jahre Oefängn:s. der jüngere. Max. M fahre alt, wurde mit iS Monaten Gefängnis bedacht. Der Fall erregte damals einiges Aufsehen, aber die Sache war bald vergessen. Nun hat Dr. Kurt Abel, der im Auftrage einer englischen Universität momentan die Methoden der Bestrafung Jugendlicher studiert, das Gefängnis zu P r u n g e slici 111 besucht, und daselbst die beiden Knaben gesehen und gesprochen. Ihm verdanken wir auch ihre Lebensgeschichte. Was er über die eingekerkerten Kinder erzählt, ist von erschütternder Tragik. ..Die Schlüssel rasselten und die- Türe tat sich auf. Vor mir eine Zelle mit hoch angebrachtem Fenster und steinernen Wänden. In der einen Ecke eine aufgeschlagene eiserne Bettstelle mit notdürftigen Decken: in der anderen ein Klosett. Au der Wand ein Tisch mit Schneiderei-Gerätschaften. Und mitten in der Zelle in geflickter blauer Gefängnistracht ein aufgeschossener, bleicher Knabe, der in militärischer Haltung meldet: ,,Strafgefangener Moritz Goldstein, 14 Jahre alt, 3 Jahre Gefängnis wegen Diebstahl". Fnd während er die Worte ausspricht, bebt die blutlose dicke Unterlippe. Die grossen braunen Augen öffnen sich weit. ,AVas will der Fremde?" fragen sie. ..Kommt er, um vielleicht einen bisher unentdeckten Diebstahl auszuforschen? Ist es ihm nicht genug mit den drei Jahren, die mir der Richter von meinem Leben abgestrichen hat?" Und was ihm der Knabe in kurzen, abgerissenen Worten erzählt: ,,ITab* nicht gewollt stehlen. Aber Vater hat mich gemacht stehlen. Und hat mich geschlagen, bis ich hab gestohlen." Der ganze Jammer einer leidvollen Jugend liegt in diesen knappen Sätzen. In der benachbarten Zelle des zwölfjährigen Bruders dasselbe- Bild, derselbe Jammer. Der Kleine erzählt so wie der ältere Bruder: „Ich habe müssen stehlen." Dr. Kurt Abel sagt: ,,I)ie beiden Kinder sind unschuldig!" Gewiss, sie sind es. Aber das Gesetz? Sie wurden doch ihrer Tat überführt!? Der menschenfreundliche Pädagoge erstrebt nun eine Revision oder die Begnadigung. In einfachen, schönen Worten entwirft er die Psychologie dieser traurigen Jugend. Fr will die beiden Kinder einem besseren Leben wiedergeben, und er rechnet hiebei auf die Unterstützung aller Menschenfreunde. Es besteht ja auch die Gefahr, dass die beiden Kiiulcr. da sie jüdisch russische Untertanen sind, nach verbüsster Strafe an die russische Grenze abgeschoben werden, wo der russische Gendarm lauert, um die elenden Tudenkindcr in Empfang zu nehmen. Das soll nicht geschehen I Grossbritanien. Der Kriegsmitiister bei der „Jüdischen Knabenbrigrade". London, den 27. Jänner. eOrig.-Korr.'i Am letzten Sonntag ist unserer ..jüdischen Knabenbrigad<-" dieser schönen, nach militärischem Muster geschaffenen Knaben-Organisation, zu deren Gründern in erster Linie der unvcrgessh'che Oberst Albert Goldsmid gehört, eine besondere Ehre zuteil geworden Kriegsminister FT a 1 d a n e hat ihren neuen Schiessplatz eröffnet. Eine grosse Menschenmenge versammelte sich in Middlesex Street, so dass ein starkes Wacheaufgebot nötig war. Unter den zahlreichen Anwesenden, welche der Zeremonie beiwohnten, befanden sich Militärs und Zivils aus den höchsten Kreisen. Beim Eingange war eine Ehrengarde der Berner Street Company aufgestellt, während die Brigade l~o2 Mann aller Rangstufen! sich auf dem Spielplatze aufhielt, wo der erste Teil der Produktionen stattfinden sollte Bei der Ankunft Mr Haid a n e's gab das Bataillon den Generalsalut ab. Nachdem Mr. IIa Ida ne die Knaben inspiziert hatte, richtete er ein par Worte an sie, in welchen er besonders die Notwendigkeit des Korpsgeistes hervorhob. Die Brigade marschierte dann auf den Spielplatz ab und die Kompagnie der freien Schule unter Col.-Sergt. Michaels gab eineglänzende Vorstellung körperlicher Uebungen. Dil- Deal Street Companv. unter Sergt. Major Toff, folgte mit einigen körperlichen Exerzitien ohne Waffen. Beide Vorführungen wurden von Mr. Haid anc als ausgezeichnet befunden. Während die Gäste sich in den grossen Saal zurückzogen, begab sich der Krieysministcr in Gesellschaft einiger Besucher und der Brigade-Offiziere auf den neuen Schiessplatz, wo Leutnant A. Harris, der Platzoffizier, den Dienst versah. Mr. Haida 11c feuerte den ersten Schuss ab. welcher ins Schwarze traf, obwohl er vorher seine humoristischen Zweifel über diesen Punkt ausgedrückt hatte. Nachdem alle in den Saal zurückgekehrt waren, teilte Sir Frederick Nathan, Kommandant der Brigade. Mr. TTaldaie-'s erfolgreichen Schuss den Versammelten mit Er snrach dann von den Zielen der Brigade, welche Colonel Goldsmid. seine Nachfolger und die Offiziere der Brigade seit der Gründung zu erreichen bestrebt waren. Er benütze diese Gelegenheit, um zu sagen, mit welchem Fifer und mit welcher rastlo er ICnergie die Kompagnie-Offiziere sich dieser Aufgabe gewidmet hatten. Die Brigade hatte gefühlt, dass sie nicht hinter der allgemeinen Schützenbewegung des Landes zurückbleiben könne, aber sie war zuerst in einer gewissen Verlegenheit gewesen. da sie keinen passenden Uebungsplatz hatte. Fr sei in der glücklichen Lage, zu sagen, dass Lord Rothschild und das Komitee der jüdischen freien Schule ihnen zu Hilfe gekommen seien und erlaubt haben, einen grossen Platz im Erdgeschosse dieses Gebäudes zu benützen, welcher für ihren Zweck grossartig geeignet war, und welchen sie, dank der Generosität des Herrn und der Frau Karl Stettauer ('Hochrufe) stilgerecht ausstatten konnten.