Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425729--0625-2426922
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 6. „Neue National Zeitung" Seite 7. B'runner für sein Geld gleich eine ganze Partei an sich zu ketten verstand, war von seinem Standpunkte aus, jedesfalls ein Akt politischer Spekulation. Dass sich aber Zionistcn gefunden haben, die in kindischem Unverstände und ohne, jede Scham für Herrn Brunner die Kastanien aus dem Feuer holen wollten, ist ein Beweis, wie wenig die Herren, welche gegenwärtig an der Spitze der zionistischen] Partei in Wien stehen, ihrer Aufgabe gewachsen sind. Man mag über den „Deutsch-Demokratischen Verein", der auch uns wegen seiner unaufrichtigen Haltung in der Judenfrage nicht sympathisch ist, wie immer denken. Tatsache ist es, dass in einer Versammlung des „Deutsch-Demokratischen Vcr - eines", die in dem reichen Villenviertel Döbling stattfindet, die Zionisten nichts zu suchen haben. Wenn nun der Obmann des zionistischen Landeskomitees in Wien, Herr Dr. Isidor Schalit, mit einer Handvoll Studenten am letzten Mittwoch hingezogen ist, so hatte das keinen anderen Zweck, als, {dem in diesem Bezirke ansässigen Herrn Brunner persönliche Dienste zu erweisen. Wäre Doktor Schalit wenigstens für die jüdische Volkssache in dieser Versammlung eingetreten! Kr begann seine Rede mit einer schweren Beleidigung aller Versammelten, indem er sagte: „Es kann nichts schaden, wenn in Ihrer Versammlung auch einmal anständige Leute sind!" Das ist doch eine schwere Provokation seitens eines politisch ganz unreifen Menschen. Man kann über die Herren Baron H o c k, Dr. Max v. Tayenthal etc. etc., politisch wie immer denken, aber man kann ihnen die persönliche Achtbarkeit nicht nehmen. Diese Herren und ihren Anhang sofort zu Beginn einer Rede als unanständig hinzustellen, wenn man als Gast spricht, beweist einen Mangel an politischer Bildung, ja sogar an notwendigem Takt. Wer so spricht, hat nicht die Absicht den Gegner zu überzeugen, oder wenigstens sein Interesse zu erregen, er will einfach provozieren, um die Versammlung zu sprengen. Lud dazu hat sich ein Mann hergegeben, der als Führer einer ernsten Bewegung, wie es die zionistische ist, gilt, um dem Herrn Brunner für sein Geld einen Gefallen zu erweisen. Es ist aus den Tagesblättern genügend bekannt, dass die Aeusserung des Dr. Schalit zu einem riesigen Tumult, ja sogar zu einem Handle m e n g e geführt hat, welches damit schloss, dass Dr. Schalit und seine Freunde unter I n t e r v e n t i o n d e r Poliz ei, und unter dem Zurufe: „Geht nach Zum!" den Saal verlassen mussten. Es war eine sehr merkwürdige „Abschlagszahlung", die die Herren an Brunner geleistet haben. . . . Was Wunder, wenn der peinliche Findruck, den derartige Vorgänge auf die öffentliche Meinung ausüben, den hirnverbrannten Assimilanten aus antidiluvianischer Zeit den traurigen Mut gibt, über den Zionismus, vion dem sie keine blasse Ahnung haben, herzufallen, und ihn, man höre! 'gleich' dem Antisemitismus als „Schande unseres Jahrhunderts", hinzustellen, welche „Unglück und Niedergang einer ganzen Klasse von Menschen mit sich bringen muss". Gegen den Stumpfsinn des Mannes, der diese Zeilen in der „S^nn- und Montags-Xeitung" niedergeschrieben hat, wäre jede Polemik fruchtlos. Der berufsmässige Kampf gegen Vergani uncli Schneider dürfte den geistigen Horizont dieses Herrn sehr bedenklich eingeengt haben. Jedesfalls scheint ihm aber die allgemeine Misstimmung, welche das Döblinger Debüt der Schalit und Konsorten hervorgerufen hat, als der geeignete Boden erschienen sein, um eine volkstümliche, jüdische Bewegung, deren Ideale er wahrscheinlich nicht zu erfassen vermag, mit den Waffen antiverganischer Polemik anzugreifen. Dr. Schalit selbst, dürfte bei nüchterner Betrachtung bald eingesehen haben, dass er aus dem Sumpfe der Allianz mit Herrn Brunner keinen anderen Ausweg hat, als ein Ilarikiri. Kr hat seine Demission als Obmann des Landcs-Komitecs gegeben. Dieselbe dürfte auch angenommen werden. Der nächste Obmann wird vielleicht über weniger Muskel- und Lungenkraft, dafür aber über mehr politische Klugheit und Bescheidenheit verfügen. S$DRReSPONDeNWN ©«stcPFcich-Ön^apti. Trauerfeier für Abraham Goldfaden. Wien, den 2. Februar. fOrig.-Korr.) Der akademische Verein „J ü d i s <: h e Kult u r" veranstaltete Samstag, den 1. Februar 1. J. im Saale des Hotels „Zum goldenen Widder" eine Trauerfeier für den Volksdichter und Schöpfer der jüdischen Volksbühne Abraham G o 1 d f a (. e n. Der genannte Verein, dem wir schon viele nennenswerte, literarische Abende verdanken, hat es auch diesmal verstanden, ein zahlreiches, illustres Publikum für einen jüdischen Dichter zu intere^-ieren, für einen Dichter, von dem man in vielen jüdischen Kreisen so gut wie nichts weiss. Das Verständnis für Abraham G o 1 d f a d e n s Bedeutung sollten zwei Verträge vermitteln. Herr Dr. Berkowitz hielt den seinigen in deutscher Sprache, und beschrankte sich wesentlich darauf, zu schildern, was Goldfaden für den Zionismus getan, wie er den Inhalt der Bewegung erfasste, und in rührenden oder satyrischen Liedern dem Volke vermittelte. Er wendet sich auch ,mit scharfen Worten gegen die „Kritiker", die sich unterfangen, in goldener Unkenntnis des Schaffens und Lebens von Abraham Goldfaden über ihn zu fcuilletunisieren, wie es in einem Wiener, dem Referenten nahestehenden, jüdischen BlaUe geschehen Man müsse seiner Kmpörung Ausdruck geben, dass derartiges überhaupt geschrieben werde 1 konnte. In jiddischer Rede gab Herr M. G<-yer eine vortreffliche Analyse des Schaffens :id Wirkens von Abraham (Goldfaden. Dieser Vortrag zeich netc sich sowohl durch Inhalt als V Min gleich aus. Herr Geyer zitierte manches drastische Wort Goldfadens, das mehr als manche kritische Untersuchungen, Gesinnungen und Ansichten des Dichters illustrierte. Der Vortragende brachte Reminiszenzen, die er vor Jahren, als Goldfaden in Lemberg .wohnte, mit ihm erlebt, und schildert das innige Gefühl, welches der Dichter dem Volke, insbesondere dem ärmsten Proletariats entgegen - brachte. Für dieses habe er auch seine jüdische, oder richtiger: jiddische Bühne geschaffen, und wie Josef Kainz auf sein Galeriepublikuni schwört, so sagte Goldfaden: „Ich schreibe für Moische, nicht für Moses und Siegfried! . . ." Mit Worten ehrlichen Empfindens und mit tiefem Verständnis sprach dann

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.