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Neue Nationalzeitung · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Hr. 6. nahem sinnlosen Lesung bei Frankl — und man wird den Wert clor Wachsteinschen Arbeit abzuschätzen vermögen. Der Sohn des vorigen, Juda Löh Maor-Katon (Nr. 4.1 übertrat noch den Vater an Ruhm. Das ein bestimmtes Metrum aufweisende Epitaph rühmt ihn als den ,,Meister (abir) der Hirten (Rabbiner) und Aerztc". Er war Doktor dreier Fakultäten (der Medizin, Physik und Philosophie) und gleich seinem Vater ein vielgesuchter Arzt, bekannt unter dem Namen Leo Lucerna. Trotz seiner ausgebreiteten ärztlichen Praxis verwaltete er nach Lipman Hellers Abgang in hingebungsvoller Treue das Wiener Rabbinat und fand noch Müsse, durch selbständige Werke, die er aus Bescheidenheit nicht drucken Hess, die jüdische Wissenschaft zu fördern. Voll inniger Teilnahme für seine verfolgten Brüder, war er ihr warmer ,,Fürsprecher vor König und Fürsten" und schlichtete mit unbeugsamem Rechtssinn ihre Streitigkeiten. Die gefeiertsten Gelehrten bewunderten seine rabbinischen Kenntnisse, während der schlichte Mann aus dem Volke in ihm das Ideal eines der sozialen Fürsorge sich widmenden ..Seelsorgers"' verehren durfte. Durch den frühen Tod seines einzigen Sohnes Zwi wurde seine tiefe Frömmigkeit auf eine harte Probe gestellt. Dem am 10. November 1619 Verstorbenen hat der grosse Vater durch eine klassische Grabschrift ein unvergängliches Denkmal gesetzt. Wachstein hat durch die nur mit grosser Mühe gelungene Entzifferung dieses von Frankl arg vernachlässigten Epitaphs, sowie durch die Rekonstruktion des kunstvollen Metrums seine Meisterschaft bewiesen. Freilich ist noch Einiges im Texte dunkel geblieben. „Dieser Ort ist ein heiliges Erdreich", ruft der tiefgebeugte Vater aus und nennt die Grabstätte anspielend auf des Sohnes Namen : „erez zwi"! Am 17. März 1651 wurde die Jüdin Lena, als sie in die Stadt gehen wollte „vor dem rothen Thor bei der Aufzugbrücke" von einem unbekannten Reiter mit 2 Kugeln totgeschossen. Obwohl das Opfer eine Jüdin war, wurden doch die Juden der Anstiftung zum Morde verdächtigt. 500 Dukaten wurden dem Entdecker 1000 Dukaten und Straflosigkeit dem Täter versprochen, wenn er sich selber stellte „darumb dass man diese Tat für eine Anstiftung von den Juden selber gehalten." Diese ungeheuerliche Beschuldigung war für die damalige Judengemeinde von verhängnisvoller Wirkung, worüber bereits Kaufmann (Letzte Vertreibung der Juden aus Wien, S. 48 ff.) ausführlich berichtet. Wachstein ist es nun gelungen, das auf diese traurige Affaire bezügliche Epitaph wieder aufzufinden und Kaufmanns Vermutung zu berichtigen. Die ^vornehme und jedermann w o h 1 b e k a n n t c Jüdin Leonora" die nach zeitgenössischen Berichten eines so tragischen Todes starb, war die Tochter des Rabbi Jechiel Michl, deren Grabschrift (Nr. ro) Wachstein jetzt zum ersten Male publiziert. Durch die überaus glückliche Auflösung der Abbreviaturzeichen hat W. das Jahresdatum (10511, welches mit dem von anderen Quellen angegebenen übereinstimmt, eruiert und in überzeugender Weise die Identität der L e o n o r u mit der auf dem Epitaph in überaus kunstvollem Reim und Metrum gefeierten Lena nachgewiesen. - Der gelehrte und fromme Vorsteher der Wiener Gemeinde Flieser Chalfan, Vater des berühmten Rabbiners und Verfassers der Res|jonsensammlung „dath esch", Phöbus Chalfan starb (Nr. 11) am 9. Juni 1670. Er und seine Gattin Jütl dürften wohl die letzten gewesen sein, welche vor der bald darauf erfolgten Vertreibung der Juden aus Wien auf dem Rossauer Friedhofe beerdigt wurden. — Aus späterer Zeit stammen die Inschriften der Nummern 12 und 13. Der ..grosse Prediger" Josef Kobler aus Polen starb plötzlich am Kolnidre-Abend des Jahres 1721, als er in tiefer Andacht am Vorbeterpulte stand und das Abendgebet zu verrichten sich anschickte. Das Wort „mochiach"" möchten wir nicht mit Wachstem als Straf Prediger kat exoehen" fassen, es bedeutet wohl „Prediger" schlechtweg (Vgl. Eckstein, Gesch. d. Juden in Bamberg S. 16.3; Grätz, Gesch. d. Juden X, S. 456). Die Eulogie „sein Verdienst schirme uns!" dürfte kaum nur für den Chassidim-Zadik gelten, da sie sich auch sonst auf Grabschriften findet (vgl. Eckstein, ibid. S. 170, 179; Frankl-Grün, Gesch. d. Juden in Krcmsier III, S. 139). Im Jahre 1746 starb Josef Mordechai Gumpl aus der berühmten Familie Emerich-Gompcrz im 64. Lebensjahre, nachdem er 3 Wochen vorher seine kluge und fromme Tochter Dina Sara Emmerich, die im zarten Alter gestorben war, zu Grabe geleitet hatte. Das lange Doppelepitaph (Nr. 13), welches die trefflichen Eigenschaften von Vater und Tochter in beredter Form schildert, ist von ergreifender Wirkung. Das Epitaph des um 1635 im 8°- Jahre verstorbenen; Simcha ben Gerson Cohen Rapa — von Frankl ausgelassen ~ feiert den Verfasser des in Prossnitz, wo er früher gelebt hatte, gedruckten Werkes „Kol Simcha". wie Wachstein richtig annimmt. Interessant ist das Wappenschild, das auf dem Steine und auf der photographischen Reproduktion (Tafel I) sich recht hübsch ausnimmt. In Zeile 10 hat das Wort ,,ssires" mit einem etwaigen typographischen Beruf nichts zu tun, es bedeutet „entscheiden" und bezieht sich auf die haarspaltenden halachischen Diskussionen (Pilpul); vgl. Genesis rabba Abschnitt 70: ..Der graduierte Richter schneidet die Frage an und löst sie" nvessares halacha). Die wertvollsten Inschriften dieser Sammlung sind ohne Zweifel die beiden ersten (Nr. I und 2), die -— von Frankl übergangen — 2 der hervorragendsten Kabbai isten betreffen, die in der Mitte des 17. Jahrhunderts in Wien eine rege Tätigkeit entfaltet haben. Im Wiener Ghetto wurde damals die phantasievolle, einen wonnigen Gefühlsrausch erzeugende Kabbalah eifrig gepflegt, worauf schon Kaufmann, hingewiesen (a. a. U. S 81 ffj. Hier sammelten sich begeisterte Adepten um die berühmten Meister der Geheimlehre, die durch den Zauber ihrer intellektuellen und sittlichen Grösse Kundige und Laien in ihren Bannkreis zogen. Entzückt von den ahnungsvollen Geheimnissen und köstlichen Verheissungen, die in, einer sinnreichen Zahlen- und Buchstabensymbolik, in tiefgründigen Erklärungen des Bibelwortes u. dgl. m. lagen, wetteiferten Jung und Alt um den Besitz kabbalistischer Kunde, dieser „blauen Wunderblume", nach der die Herzen vieler Juden in Wien schmachteten. Hier lebte der weltberühmte R. Elchanan, dieser Meister der Kabbala, dessen Epitaph (Nr. 2) wiedergefunden und entziffert zu haben, Wachsteins unbestrittenes Verdienst bleibt. Durch seine gründliche Untersuchung über die Nachkommen des in noch jugendlichem Alter 1651 verstorbenen R. Elchanan ben Zwi hat der Verfasser einige neue Anhaltspunkte für das in Dunkel gehüllte Leben des „grossen und gewaltigen Kabbalisten", wie ihn einer seiner Nachkomme;^ nennt, gewonnen. 15 Jahre später — am 11. April 1666 — starb wieder ein hervorragender Kabbaiist: Jakob ben Elieser Temerls, dessen Grabstein Kaufmann für verloren hielt. Durch die lückenlose; Entzifferung des jetzt gefundenen Epitaphs und durch die Vergleichung seines Inhalts mit der Charakteristik dieses Mannes anderwärts hat Wachstein die Identität des Verstorbenen « N'r. 4 der Sammlung j mit dem aus Worms stammenden R. Jakob Temerls unwiderleglich nachgewiesen. Auffallend ist allerdings, wie auch der Verfasser hervorhebt, dass die Inschrift im Vergleiche zu der von den gefeiertesten Rabbinern) bewunderten Grösse dieses tiefsinnigen Mystikers sehr massig gehalten ist. War er doch der „Meister in der Merkaba", der erhabensten und heiligsten der Wissenschaften, welche die Vision vom göttlichen Thronwagen zum Gegenstande hat, buhlte doch eine Leuchte vom Range eines R. Gerson Aschkenasi, des späteren Rabbiners von Wien, um seine Freundschaft, während nachmals berühmt gewordene Lehrer in Israel aus weiter Ferne zu ihm eilten, um unter seiner Leitung aus dem Quell der Geheimlehre ihren Durst zu löschen! Und ein solcher Mann hätte kein grösseres Lob verdient, als es ihm der Verfasser dieses Epitaphs spendet? Allein wir dürfen nicht vergessen, dass gerade damals durch die Entlarvung des sabbatianischen Schwindels auch das Ansehen der orthodoxen Kabbala Schadet! gelitten haben mochte. Auf den mystischen Begeisterungsrausch folgten Jahre der Ernüchterung. Auch entsprach das bescheidene Lob ganz der Gesinnung des in grosser Demut lebenden Kabbalisten, von dem das Wort unserer Alten gilt : „Man braucht für den Edelsten und Frömmsten kein Denkmal mit prunkender Inschrift zu errichten, seine Worte sind sein Andenken und was er geleistet, das ist die strahlende Erinnerung an ihn." (Schekalien 4 b.) Wir sind zu Ende. Hoffentlich wird die musterhaft genaue, von dilettantischen Irrgängen sich fernhaltende, eine grosse Belcsenheit in der einschlägigen Literatur bekundende Bearbeitung der Inschriften, die Beachtung weiterer Kreise finden. BEN ACHER: $\us dem Sumpfe der neuesten Allianz. Früher, als wir es erwartet haben, ist die in unserem Artikel über „Die neueste Allianz" zwischen der Wiener zionistischen Partei und Herrn Luzian Brunner angekündigte politische Situation eingetreten. Die Zionisten, die sich Herrn Luzian Brunner um den Betrag von K 5000.— auslieferten, haben nicht nur sich, sondern, was das betrübendste an der ganzen Sache ist, die zionistische Bewegung in den Augen selbst der unparteiischen, öffentlichen Meinung schwer kompromittiert. Dass Herr Luzian

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