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Neue Nationalzeitung · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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.Neue National-Zeitung" Seite 5. ein solcher Verein sollte die Einheitlichkeit des so humanen und erfolgreich wirkenden Fürsorgevereines nicht stören. Dagegen wäre eine Verständigung mit jüdischen Arbeitgebern wünschenswert, die behilflich sein könnten, jüdische Haftentlassene zu versorgen. Ich habe keine bestimmte Korporation, im Auge, die das vollführen sollte, aber es müsste eine Organisation sein, die mit sämtlichen Kultusgemeinden der Monarchie Fühlung hat. Denn wie gesagt, es wäre von unserer, so stark in Anspruch genommenen Kultusgemeinde zu viel verlangt, wenn sie für die Sträflinge aller anderen Städte der Monarchie auf die Dauer ihre Mittel hergeben sollte, umsomehr, als sie ja auch dem Fürsorgeverein behilflich ist." — Ich glaube, Herr Doktor, unserem Gespräche folgendes als feststehende Ansicht Ihrerseits entnehmen zu können: Sie sind unter Berücksichtigung der erwähnten Nebenfragen im Prinzipe für die Gründung einer jüdischen Organisation und sie versprechen sich bestimmte Erfolge von ihrer Existenz? — „Vollkommen richtig. Nur will ich nochmals erwähnen, dass ich gegen jede offizielle Dezentralisierung im Fürsorgewesen bin. Aber im angedeuteten Sinne wäre eine solche Gründung freudig zu begrüssen, und ich danke Ihnen, dass mir Gelegenheit gegeben wurde, diese Frage, die mich ja seit Jahren theoretisch und praktisch fortgesetzt beschäftigt, in einem , jüdischen Blatte zu beleuchten." Damit schloss die Unterredung, welche mir Gelegenheit bot, einen tiefen Einblick in das Fürsorgewesen zu gewinnen. Beide Unterredungen aber haben mich erst so recht belehrt, dass die jüdischen Sträflinge einer jüdischen Fürsorge bedürfen. Darin sind der katholische und der jüdische Seelsorger einig. Mögen sich auch andere darüber einig werden! ... m. sch. Dr. LUDWIG LAZARUS : $eues vteiti alten SfQ'wnw Huden friedhof. Wenn einmal ejn geistreicher, jüdischer Forscher die Literaturgeschichte den ^Friedhof der menschlichen Gedanken" genannt hat, so dürfen vielleicht mit noch grösserem Rechte die Friedhöfe mit ihren oft bis zur Unleserlichkeit verwitterten Inschriften als dje reichhaltigen Archive für die Kultur- und Literaturgeschichte einer bestimmten Epoche bezeichnet werden. Wie oft sagt uns ein aus dem Schutte der Vergangenheit gerettetes Denkmal, was sonst unverdient ewigem Vergessen anheimgefallen wäre, und gar manche verschollene Grösse aus längst entschwundenen Tagen wird dadurch in dem Andenken der Menschen wieder aufgefrischt, dass aus der Erde Schoss ein Stein gegraben wird, der uns mit seiner im Lapidarstil gehaltenen Inschrift von ihr kündet und für sie zeugt. Saxa loquuntur! Die steinernen Zeugen draussen auf den Totenfeldern haben oft, wenn sie von den verdienstvollen Werken der Vergangenheit erzählen, eine beredtere Sprache als manche geschichtliche Lrkunde. ,,Denn der Stein an der Mauer schreit" (Habak. 2, II), und wo der Zahn der Zeit an den Denkmälern genagt und ihre Schriftzüge zermürb* hat, bedarf es erst recht eines „Erweckers der Schlafenden", der mit intuitivem Blicke die Schätze aus dem alten Trümmerfelde zu heben weiss, die eerblassten Buchstaben entziffert, fehlende ergänzt und durch gewisse im Metrum Reim oder in der akrostichischen Form liegende Anhaltspunkte das Datum der Inschrift eruiert und ihren historischen Zusammenhang errät. Einer solch mühseligen, aber dankenswerten Arbeit hat sich Dr. Bernhard Wachstein in seiner jüngsten Publikation*) unterzogen. Bekanntlich ist Wien eine der ältesten Judengemeinden Oesterreichs. Schon zur Zeit Karls des Grossen dürften sich daselbst einzelne Juden angesiedelt haben, doch erst für das (2. Jahrhundert ist die Anwesenheit jüdischer Familien in Wien, die ein Gemeinwesen gebildet hatten, historisch bezeugt. Aus dieser Zeit — unter Friedrich dem Streitbaren — stammen die ersten urkundlichen Nachrichten über einen ,.Judenfreithof". Im 14. Jahrhundert Jag dieser auf dem Platze vor dem Kärntnertor. Aber erst aus dem 17. Jahrhundert besitzen wir ausführlichere Urkunden, die sich auf einen jüdischen Gottesacker beziehen. Damals diente der Platz in der Rossau — der ,,obere Wörth" genannt — als Judenfreithof. Von den daselbst vorgefundenen Inschriften wurden auf Veranlassung von L. A. Frankl Kopien angefertigt und von letzterem mit einigen, nur teilweise richtigen, geschichtlichen Notizen im Jahre 1855 dem Drucke *) Wiener hebräische Epitaphien von Dr. B. Wachstein. (Mit 3 Tafeln.) Wien, 1907. Alfred Holder. (Sitzungsberichte der Kais. Akademie der Wissenschaften in Wien, philosophisch-histor. Klasse, 156. Band, 4. Abhandlung.) übergeben. Doch besitzen diese Fränkischen Inschriften — das Büchlein ist schon ziemlich rar geworden — einen nur geringen wissenschaftlichen Wert, weil sie unvollständig und wegen der Fehlerhaftigkeit des Textes, seiner irrtümlichen Interpretation und seiner willkürlichen Auslassungen nur mit grosser Vorsicht zu gebrauchen sind. Es wurde daher schon lange als ein dringendes Bedürfnis empfunden, durch eine neue, gründliche Bearbeitung dieser Grabinschriften das in ihnen aufgestapelte, biographische und kulturhistorische Material der jüdischen Geschichtsforschung zu erschliessen. Dr. Wachstem hat sieh dieser mühseligen Aufgabe mit Geschick unterzogen und sowohl durch die glückliche Entzifferung bisher völlig unbekannter Epitaphien als auch durch scharfsinnige Interpretierung des mitunter dunklen Textes die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf den reichen Inhalt der Steine dieses Trümmerfeldes gelenkt. Von den 13 Inschriften, die Dr. Wachstein als erste Probe seiner eindringenden Forschungen veröffentlicht, waren 7 von Frankl einfach übergangen worden und feiern jetzt ihre Auferstehung. Sie betreffen fast durchgängig bekannte Persönlichkeiten, die nicht nur im Wiener jüdischen Gemeindeleben des 17. Jahrhunderts eine hervorragende Rolle gespielt haben, sondern auch ein über die Lokalgeschichte' hinausgehendes Interesse beanspruchen. Eine nähere Besprechung der inhaltsreichen Abhandlung Wachsteins dürfte die Richtigkeit unserer Behauptung erhärten. — Nach des Verfassers begründeten Annahme war die (unter Nr. 7 seiner Sammlung angeführte) Gela bath Simon (Auerbach) die Schwester des berühmten Predigers Abraham Darschan, über den bereits der verewigte D. Kaufmann gehandelt hat. Diese edle Frau war die Gattin des angesehenen Vorstehers Schtadlan Salom Auerbach und dürfte, wenn Wachsteins geistreicher Einfall richtig ist, im Jahre 1596 gestorben sein. Das Epitaph rühmt ihren unvergleichlichen Wohltätigkeitssinn, ihre unermüdliche Gabenfreudigkeit und rührende. Bedürfnislosigkeit. ,,Waisen und Witwen beschenkte sie reichlich, Brautpaare stattete sie aus. Kranke pflegte sie und Ge fangene löste sie aus. Arme Fremde fanden bei ihr gast freundliche Aufnahme und einen vollbesetzten Tisch, während sie selbst ,,sehr gross im Fasten war". Eine Enkelin dieser seltenen Frau war wohl die (unter Nr. 8 angeführte) Rösl Auerbach, deren Todesjahr Wachsteins scharfsinnige Kombinationsgabe richtig herausgefunden zu haben scheint (1607). Diese Inschrift — wie die vorige neuentdeckt — bleibt durch die epigrammatische Kürze der kunstvoll gebauten Reime und durch die treffende, von tiefer Empfindung zeugende Charaktcristik der früh verblühten Jungfrau nicht ohne Wirkung: ..Der Tochter Jephta's gedenkend beweint der Verfasser ihren frühen Tod." Die durch hervorragende Männer ausgezeichnete Familie Maor-Katon (das kleine Licht Lucerna) ist durch drei Namen vertreten. Der am 20. F ebruar 1605 verstorbene Rabbiner Moses Maorkaton wird (Nr. 5) als ein treuer Hirte und bewährter Arzt gepriesen, dessen Tod eine grosse Lücke in die Gemeinde gerissen, „mit dem die Weishjeit ausgestorben sei". Man vergleiche den neuen Text der Inschrift mit der korrupten.

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