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Neue Nationalzeitung · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · p. Seite 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite i. j,Neue Nationa.i-2eittinga »r. 8. leicht hören wir bald, dass sich eine jüdische Korporation dieser Sache annimmt." Ich bin Optimist genug, dies Se. Hochwürden als gewiss hinzustellen. Aus dem reichen Schatze seiner Erfahrungen erzählt mir P. Fuchs noch manchen typischen Fall, der das Gesagte deutlich illustriert. Ein wirklicher Seelsorger spricht aus diesem edlen Menschen, dessen ganzes Sein den von der Gesellschaft Ausgestossenen gewidmet ist. Als er mich durch den Korridor des Landesgerichtes geleitet und ich ihn verlasse, weiss ich, dass diese Stunde, die ich mit einem wahrhaften Christen verplaudern durfte, mir eine Erinnerung bleiben wird. . . . Mögen jenen, die nicht zu interviewen, .sondern zu entscheiden haben, die Worte dieses Priesters ein Weckruf sein! . . . RABBINER Dr. A. KAMINKA: Auf dem Gebiete der Sträflingfürsorge, spe - zieh1 der Fürsorge für jüdische Häftlinge, ist' Se. Ehrwürden, Herr Rabbiner Dr. Armand Kaminka, Sekretär der „Isr. Allianz", besonders bewandert. Seit 1901 versieht er die Funktion eines Seelsorgers 1211 Wiener Landesgerichte, im Sankt Pöltener KreLsgerichte, und da er als Vertrauensmann der Kultusgemeinde mit den jüdischen Häftlingen aller österreichischen Strafanstalten in Be - rührung kommt und ein rühriges Mitglied des Fürsorgevereines ist, verfügt er über eine seltene Kenntnis der einschlägigen Verhältnisse. Da Herr Doktor Kaminka jeden FaU persönlich recherchiert, besitzt er reiche Erfahrungen. Im nachstehenden reproduziere ich die bemerkenswertesten Stellen seiner hochinteressanten Ausführungen* Einleitend bemerkte Herr Dr. Kaminka, dass ihn der Artikel über englische Sträflingsfürsorge in der letzten Nnmmer unseres Blattes sehr interessiert habe und sagte weiters: „Es ist lebhaft zu begrüssen, dass sich endlich bei uns ein jüdisches Blatt findet, das die Wichtigkeit der Sträflingsfürsorge begreift. Es geschieht ja sehr viel auf diesem Gebiete, aber ich könnte Ihnen des längeren erzählen, was leider unterlassen werden muss, weil die vorhandenen Mittel nicht ausreichen. Der Wiener Fürsorgeverein arbeitet mit einem grossen Apparat, er untersucht jeden Fall, hilft überall, wo es nötig ist, wo er helfen kann. Jeder bedürftige Entlassene, sei er nun Jude oder Christ, findet bei den leitenden Herren das gleiche Wohlwollen, dieselbe Berücksichtigung." — Gestatten Sie mir zu fragen, Herr Doktor, lob der Verein von jüdischen Häftlingen stark in Anspruch genommen wird? — „Ja. Die Häftlinge wissen, dass dies! der einzige Fürsorgeverein ist. Allerdings wendet sich eine grosse Zahl mit Bittgesuchen an die Kultusgemeinde. Aber es heisst hier vorsichtig sein, denn leider sind es in vielen Fällen Unwürdige, die Hilfe beanspruchen. Wo es sich aber um die Bitte eines .Würdigein handelt, wird ihr immer stattgegeben." — In Form einer kleinen Geldunterstützung Herr Doktor? Und sehen Sie darin eine wirksame Hilfe? — „Keinesfalls! Aber was könnte die Kultusgemeinde auch mehr tun? Es ist geradezu unrechte Güte, wenn von Sträflingen aller Läjnder, aus allen Städten Oesterreichs Anforderungen an sie gestellt werden, und sie meistenteils denselben auch ent - spricht. Aber Sie meinten, man müsse den Entlassenen auf einen Existenzboden stellen? Das ist ungemein schwierig. Der Fürsorgeverein weiss ein trauriges Lied davon zu singen! . . . Welche Mühe, bis es gelingt einen Arbeitsgeber ^zu bewegen, ,es mit einem Vorbestraften zu versuchen! . . . Das sipd ja die eingefressensten Vorurteile. . . ." , — Pardon, Herr Doktor! Schalten wir diese Momejnte aus. Es ist bei den heutigen Gegen - Sätzen, schon im bürgerlichen Leben schwer, als Jnde die gewünschte Position zu finden. Dieses Moment dürfte in der Sträflingsfürsorge weit markanter hervortreten? — „Ich habe es leider schon häufig wahrgenommen. Es ist traurig, aber nicht unbegreiflich. Dieser Mangel ist schwer zu beheben, [weil in jüdischen Kreisen das Vorurteil merkwürdigerweise noch stärker eingebürgert ist. Wenig jüdische Unternehmer ehtschliessen sich, einen Vorbestraften anzustellen. Dagegen ist es dem Fürsorgeverein schon oft gelungen, christliche Brotgeber für jüdische Sträflinge zu interessieren." — Und was sind Ihre Erfahrungen betreffs jüdischer Sträflinge? — Das kann man wohl in allgemeinen „Worten" nicht ausdrücken. Ich unterscheide hier zwischen Verbrechern und Entgleisten. Den ersteren kann; ja auch nicht geholfen werden, s?e bedürfen auch keiner näheren Schilderung. Wollte ich aber dennoch kurz sein, so möchte ich sagen, dass mir fast bei allen Häftlingen eine besondere Intelligenz auffällt, und es kommen Fälle, wo man es tief beklagen muss, dass intelligente und oft hochbegabte Menschen so abseits vom Wege kamen. Im Durchschnitte sind die; jüdischen Sträflinge als intelligent, reumütig, und daher als besserungsfähig zu werten. Natürlich gibt es Fälle, wo dies alles nicht zutrifft." — Diese Wahrnehmungen werden Sie, Herr Doktor, besonders bei den jugendlichen Sträflingen gemacht haben? — „Ja, denn mit diesen beschäftigen wir uns am angelegentlichsten. Oft finde ich einen prächtigen Kern in einem jugendlichen Sträfling und bin überzeugt, dass er unter günstigeren Bedingungen ein ganzer Mann werden könnte. Da hatte ich erst jüngst einen derartigen Fall. Ein hochintelligenter 13 jähriger Junge mit ausgesprochenen Fähigkeiten und vortrefflichen Anlagen. Hätte sich nur jemand gefunden, der dieses Kind leitet und führt, es in ein besseres Milieu versetzt und für seine Ausbildung etwas verwendet, ich bin, überzeugt, das wäre ein erfolgreiches Werk gewesen. Leider fand sich niemand, so sehr wir uns auch bemühten. Dajs ist bloss ein Fall, den ich herausgegriffen habe." — Ich entnehme Ihren interessanten Bemerkungen, dass sich die konfessionelle Seite der ganzen Frage nicht umgehen lässt. Ist es so Herr Doktor? — „Das ist leider nicht zu leugnen. Allerdings tritt dieser Gegensalz dank dem Fürsorgeverein nicht so stark hervor. Aber er ist vorhanden, und wir fühlen es." — Warum aber unternimmt man nicht den Versuch, einen jüdischen Fürsorgeverein in's Leben zu rufen? Ich meine einen Verein, ,der gerade in jenen, von konfessionellen Momenten beeinträchtigten Fällen zu funktionieren hätte? — „Ein besonderer Verein wäre nicht nötig. Ich bin im vorhinein gegen' jede Scheidung,

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