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Neue Nationalzeitung · 1908-02-07 · Heft 6 (7.2.1908) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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„Neue National-Zeitung" Seite 3. liehst bereit, mir die nötigen- Aufschlüsse zu geben. Er macht dem Interviewer die Arbeit leicht; er ist keine zugeknöpfte Natur. Wir sind bald im animierten Gespräch, und Se. Hoc.hwürden sagt: „Ich bin ungemein erfreut, dass gerade der Vertreter eines jüdischen Blattes bei mir erscheint, um in Sachen des Fürsorgevereines Aufschlüsse* zu verlangen. Ich freue mich des Interesses, das durch Ihren Besuch bewiesen erscheint; nicht minder erfreulich ist es für mich, dass Sie die Wirksamkeit des Vereines und seine Fürsorge für jeden Sträfling, gleichviel ob Jude oder Christ anerkennen, und über seine Tätigkeit informiert sind. Sie fragen .mich, ob es bei der Unterbringung von jüdischen Sträflingen Schwierigkeiten gibt? Ich mfuss diese Frage leider bejahen. Der Fürsorgeverein macht zwar niemals einen Unterschied, aber die Unternehmer, die sich nach langem Bitteil und Zureden unserseits erbötig machen, es mit einem Sträfling <zu versuchen, sind zumeist Arier, und ziehen idie Konfession zeitweilig in Betracht. Erst vor kurzem ereigTtete sich ein derartiger Fall. Da hatte sich ein christlicher Unternehmer erbötig gemacht, einen Sträfling in sein Geschäft zu nehmen. Es hat uns viel Mühe gekostet. Der* Herr kam in's L,arijdesgericht, lehnte aber sofort ab, als er hörte, dass es sich um einen jüdischen Straf - ling handle."; — Nichtsdestoweniger, Ew. Hochwürden, wird seitens jüdischer Sträflinge der Verein dennoch in Anspruch genommen? Und wäre Vorhergesagtes die einzige Schwierigkeit? — „Gewiss werden wir trotzdem seitens jüdischer Sträflinge sehr stark in Anspruch genommen. Aber wohin sollten sich diese armen Leute auch wenden? Es ist für uns selbstverständliche Pflicht, ihnen nach Kräften beizustehen. Aber es gjbt Fälle, wo unsere Kräfte leider versagen. Es sind da auch Schwierigkeiten anderer Natur. Das hängt natürlich auch mit der . Berufsstellung der jüdischen Häftlinge zusammen." — Welche Erfahrungen haben Hochwürden mit dem jüdischen Sträflingsmaterial gemacht? „Ich muss offen sagen: diedenka rbesten! Intelligenz, Zutrauen und Entgegenkommen, das sind Eigenschaften, dje ich bei jüdischen Sträflingen mit Freude wahrnahm. Ich bin zwar katholischer Seelsorger, aber ich habe mich mit den inhaftierten Juden gerne beschäftigt. Um ganz bei der Wahrheit zu bleiben: auch sie hatten besonderes Zutrauen zu mir. Im allgemeinen möchte ich sagen : ein b e s s crungsfähiges, und vermöge seiner 1 ntelligenz, besonders gutes Material." .Wir kommen nun auf eine sehr wichtige Frage zu sprechen, nämlich auf die jugendlichen Ver - brecher. Leider wächst ihre Zahl. Wir verweilen lange bei diesem Thema. P. Fuchs beweist hierin seine reichen Erfahrungen. Ich muss mich begnügen das Wesentlichste seiner Ausführungen festzuhalten : ,/Wenn Sie über die Anzahl der jugendlichen Verbrecher jüdischer Konfession so bestürzt sind, so begreife ich es. Und wenn Sie eine Erklärung hiefür verlangen, so muss ich diesen traurigen Umstand als ein Zeichen der Zeit ansehen. In vielen Fällen ist die Not das eigentliche Motiv, aber auch Leichtsinn und mangelhafte Erziehung sind die Triebfedern. Den Jugendlichen wendet sich natürlich unser »Hauptaugenmerk zu, die grösste Fürsorge wird ihnen zuteil. Es gibt auch hier schon manchem, der dieser Fürsorge nicht würdig ist; viele Würdige wieder, denen wir nicht helfen können. Es spielen auch hier jene vorerwähnten Schwierigkeiten eine grosse Rolle. Allerdings gelang es uns von 42 jüdischen Jugendlichen 23 in ehrlichen Berufen zu plazieren. Aber uns erfüllt die Sorge um die anderen 19. . . . Sie sprechen mir vom jüdischen Familiensinn!? Leider muss ich es konstatieren: Er ist verflacht. Ich habe ihn früher weit mehr wahrgenommen, aber es mehren sich jetzt die Fälle, wo die Ehern sich des bestraften Kindes überhaupt nicht annehmen wollen. . . . Nehmen Sie auch das, als ein trauriges Zeichen der Zeit! . . — Ich denke auch an die verwaisten Jugendlichen, Hochwürden! Und ich erlaube mir zu fragen : wie verhalten sich die jüdischen Unternehmer zum Fürsorgeverein? — „Leider gar nicht. Wenigstens fördern sie unsere Ziele nur s,ehr gering. Aber gerade weil die jüdischen Unternehmer jene Erwerbszweige in Händen haben, denen die Mehrzahl der jüdischen Häftlinge dem Berufe nach angehört, wäre uns eine Mitwirkung von dieser Seite ungemein erwünscht. Geradeheraus gesagt: in diesen Kreisen herrscht ein unausrottbares Misstrauen gegen Vorbestrafte. Das ist traurig, aber nicht zum Verwundern. In einer der Versammlungen des Fürsorgevereines meinte ein Redner recht treffend: ,Beim Staate kann ein noch so gering Vorbestrafter nicht einmal ein Kohlenträger werden!' Und da soll einem das Misstrauen Privater wundern? Allerdings käme gerade hier, wo es sich um jüdischen Sträfling, um jüdischen Brotgeber handelt, die konfessionelle Solidarität 111 Betracht. Aber dieses ethische Moment wird von einem hartnäckigen Misstrauen erstickt." Hoch würden erseh.-n, wie das konfessionelle Moment immer wieder in den Vordergrund tritt. Was sind Ihre diesbezüglichen konkreten .Anschauungen? — ,, 1 c h bin für eine Koniessionalisie r u n g der S t r ä f 1 i n g f ü r s o r g e. Sehen Sie sich doch Deutschland an, wo Eminentes an Fürsorge geleistet wird, speziell von protestantischer Seite. Und ein Grundsatz der deutschen Protestanten ist: Jede Fürsorge muss konfessionell sein! . . . Ich würde es mit Freuden begrüssen, wenn sich eine jüdische Korporation fände, die uns w enigstens in der Fürsorge für jüdische Sträflinge behilflich wäre. Wohl tut ja die W iener Kultusgemeinde etwas. Ich denke aber an etwas Grosszügiges, Organisatorisches." Hochwürden sind also der Ueberzeugung, dass ein jüdischer Fürsorgeverein für j ü d i s c h e S t r ä f 1 i n g e g e r a d e zu ei n e N o tw e n d i g k e i t ist? — „Z w e i f e 11 o s. Nur will ich betonen : ich bin unbedingt für die Zentralisierung! Man würde also vielleicht geteilt arbeiten, aber vereint wirken. Es würde die Position des Fürsorgevereines wesentlich festigen, wenn ihm eine andere Korporation behilflich ist. Und es wäre dann auch leicht möglich, von dieser Seite aus, jüdische Unternehmer zu interessieren. Wir sind leider knapp an Mitteln. Wenn wir dennoch auf so manchen schönen Erfolg zurückblicken, so ist dies der unermüdlichen Arbeit des Vereinspräsidiums zu danken, und ich will hier nur. Exzellenz Freiherrn von Kallina und O.-L.-G.-R. Dr. Wach nennen, die mit Hingabe arbeiten. Es wäre schön, wenn von einer Seite Hilfe käme. Viel-

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