Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 6. bei allem ihren Wohltätigkeitssinn, leider das soziale Pflichtbewusstsein fehlt. Den Armen unterstützen, dass er nicht zusammenbricht oder verhungert, - das tun sie. Aber ihn aufrichten, physisch, und Avas noch wichtiger ist, moralisch, dass er selbständig, (unabhängig wird, das sind sie nicht imstande! Die Sträflingsfürsoige in Oesterreich vermisst bisher jede Ingerenz von jüdischer Seite. Wjohl gewähren einzelne Gemeinden dem bestehenden und vorzüglich geleiteten Allgemeinen Fürsorgevereiii" geringe Subventionen, wohl findet sich hie und da ein .Wohltäter, der diesen Vereinen einen Betrag spendet, allein es fehlt das Interesse der jüdischen: Gemeinden, der jüdischen Öffentlichkeit für die Bedeutung der Sträflingsfürsorge. Es fehlt das Verständnis der beiden Faktoren, jenes Mass! der Humanität und Nächstenliebe, ja sogar der jüdischen Solidarität, die darin liegt, denjenigen Glaubensgenossen, die durch Zufall, Not oder Gelegenheit auf die Bahn des Verbrechens gelangt sind, wieder zu einem geregelten Leben zu verhelfen und sie vor einer Verbre c herlaufbah n zu beschützen oder anderseits die jugendlichen Verbrecher zu nützlichen Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft wieder zu machen. Dieses Verständnis fehlt bei uns. Aber es muss geweckt werden. Wir sind heute schon soweit, dass wir den Kampf gegen den Antisemitismus als nutzlos und überflüssig erachten, dass uns die .Verfolgungen der Antisemiten nicht mehr aufregen; wir haben uns daran gewöhnt. Wir sind uns selbst näher gekommen. Wir haben erkannt, dass all' die Opfer an Geld und Arbeit, die wir hiezu verwendet haben, im Dienste unseres Volkes besser angewendet sind. Diese, unsere innere Mission, möchte ich1 sagen, muss auch auf die Sträflingsfürsorge ausgedehnt werden. Der Korporationen, zu deren Wir - kungskreis diese Frage gehört, gibt es sogar mehrere: wir nennen bloss den „Gemeindebund" und die „B'nei Brith - Logen". In Deutschland leistet der „Gemeindebund" auf dem Gebiete der Sträflingsfürsorge sehr viel und es würde auch der österreichische Gemeindebund, dem ein eigentliches Gebiet zur Betätigung noch immetr fehlt, eine empfindliche Lücke ausfüllen, wenn er dieser Anregung näher tritt. 1 Wer über die Notwendigkeit eines jüdischen Fürsorge-Vereines noch im Zweifel ist, den werden, die beiden Seelsorger des Wiener Landesgerichtes gewiss überzeugen. L «Jüdische Sträflinge. (Zwei Interviews). PATER FRANZ FUCHS: Auf allen Gebieten des Öffentlichen Lebens ist in unseren Tagen ein sozialer Zug wahrnehmbar. Philantropie heisst heute nicht mehr mechanisch Wohltaten ausüben, denn auch hier wird die Vervollkommnung darin erblickt, rationell zu unterstützen. Die moderne Philantropie begnügt sich nicht damit, dem baufälligen Hause einer Existenz einige neue Bausteine einzufügen, ihr Ziel ist, dort frisch die Grundfesten zu legen, wo es schon bis zum Giebel morsch ist. Vielleicht übertreibe ich hier; vielleicht lässt mich ein glaubensfroher Optimismus die Dinge sehen wie sie sein sollten, und nicht wie sie sind. Jedesfalls: Das Bestreben ist da, der soziale Zug ist erkennbar. . . . Einer moderneren, besseren Erkenntnis verdanken wir auch die Fürsorgevereine für entlassene Sträflinge. Wenn dem Sträfling der Tag der Freiheit schlägt, dann kommt es ihm eigentlich s) ganz zu Bewusstsein, wie elend sein Leben ist. Im! Kerker träumt er vom ersten Tage angefangen von dem Leben da draussen, das in Form unentwirrbarer Geräusche an sein Ohr dringt. ... Er will dieses Leben neu leben. Dann kommt er hinaus, und kann sich nicht zurechtfinden; er empfindet bitter, wie der schöne Traum zur grauen Wirklichkeit wird. "Während er sich ihr reumütig, zaghaft, bittend nähert, weist sie ihn weit von sich, die menschliche Gesellschaft. . . . Sie flieht ihn solange, bis er sie flieht. Bis er wieder die Bahn des Verbrechens betritt. . . . Von der Tätigkeit des „FürsorgeVereines für entlassene Sträflinge" muss man unterrichtet sein, um zu wissen, welche Hindernisse sich dem entlassenen Sträfling in den Weg stellen. Alles scheint sich verschworen zu haben, um ihm den Zutritt zur menschlichen Gemeinschaft zu verwehren. Der Verein steht nun vor einer sozialen Aufgabe. Er kann also seine Aufgabe nicht darin erblicken, dem Entlassenen einige Kronen zu schenken. Eine Existenz muss ihm geschaffen werden, es soll ihm möglich werden, in seinem, oder in einem anderen Berufe als ehrlich Arbeitender zu existieren. Nur darin liegt eine Förderung der Besserungsfähigkeit. Wie soll diese Aufgabe erfüllt werden? Diese Frage kann nicht leicht beantwortet werden. Hier hilft kein Mitleid, sondern praktische Erfahrung muss hier ihr Wort sprechen. In dieser Erwägung' haben wir uns an zwei Männer gewendet, die berufen erscheinen, in dieser Frage der Menschlichkeit und der sozialen Erkenntnis ein gewichtiges Wort zu sprechen. Wir liessen uns dabei haupt - sächlich von dem konfessionellen Momente leiten, das ja, wie später bewies an wird, ein entscheidendes ist. Der katholische Seelsorger am Wiener Landesgerichte, Sr. Hochwürden P. Fuchs ist einer d<er gründlichsten Kenner des österreichischen Fürsorgewesens. Ein Mann von seltener Herzensgüte, vion schlichtem Wesen und tiefem Verständnis für die Psyche jedes Häftlings, ist P. Fuchs bei jüdischen und christlichen Sträflingen gleichbeliebt. Seiner Popularität hat er es zu danken, wenni er vom Leben und Leiden eines Verbrechers mehr weiss, als man bei der Verhandlung erfährt. Mit der ihm eigenen Liebenswürdigkeit empfängt mich Se. Hochwürd-jn und erklärt sich freund-