Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 „Neue Nationäl-Zeitung" Seite 11 — Geh' schon, geh', ich werde bei ihm sitzen, — Hess Chaim sich vernehmen. Nach einer geraumen Weile, als es in der Stube ganz still ward, öffnete Leiserek die Augen. — Ist sie gegangen? — fragte er. — Ich werde nicht schlafen, ich will nicht schlafen. Ich hab* keine Schmerzen mehr, mir ist □esser. Wenn ich nur einmal tief aufseufzen könnte. Es ist hier schwül. Chaim setzte sich auf den Bettrand und nahm iie magere Hand des Jungen in seine beiden Hände. — Täte, und wenn Du ein Fensterchen öffnetest? — Heute ist ein grosser Fiost — Aber es will viel Luft sein. . . Viel frische, reine Luft. Kann man das nicht? Chaim blickte sich in der Stube um. Ausser ien zwei jüngsten im Ofenwinkel war niemand da;?r stand auf und machte die Türe ein wenig auf. Ein Streifen kalter Luft drang in die Stube ind begann in ihre siickige Atmosphäre einzudringen. Leiserek seufzte tief auf. — So ist es gut, — lispelte er. — Täte, nimm neinen Kopf und kehre ihn zum Fenster zu. So, loch ein wenig. Ich will sehen, ob die Sterne schon euchten? Aber bei uns sieht man nie weder Sterne, "»och Sonne. Plötzlich verspürte Chaim ein Zucken der deinen Hand. — Und hast Du ihr das Kleid abgeliefert? — 'ragte der Kranke mit plötzlich brennenden Augen. — Ja, ja. Wie Du an alles denkst. — Und war sie zutrieden? Hat sie nicht geschimpft? Hat sie Geld gegeben? — Ja und hat nicht geschimpft; denke nicht nehr daran. — Das ist gut, das ist sehr gut. Ich mag nicht venn man dich schmäht. Niemand soll dich schmähen licht wahr? Du arbeitest fortwährend und für nienanden was Schlechtes. Sieht man noch keine Sterne? — Auf der Strasse leuchten sie vielleicht schon. ls entstand Schweigen. Durch die kleinen Fenster- :hen drang eine graue Dämmerung. Chaim betrachete die Züge des Kindes, die beim erlöschenden Jcht die Schärfe der Linien verloren und wie zu erfliessen schienen. — Ist hinter diesen Laternen der Himmel? — ragte der Kranke. — Hinter den Laternen? — Hinter den Sternen. Das sind ja die Laernen Gottes. Er wohnt dort; sitzt auf einem chönenThron hoch und die Engeln tanzen vor ihm, ingen. . Er sagte dies leise, mehr wie zu sich selbst; [ie letzten Worte zerflossen in ein Lispeln. Des Sohnes Angesicht, auf den Vater geheftet, am diesem in der Abenddämmerung klar und durchichtig, wie das Antlitz eines schlafenden Engels vor, :nwillkürlich pressten sich seine Finger fester um ie kleine Hand. — Täte — Hess Leiserek sich weiter vernehmen, - im Himmel muss es besser sein, als bei uns. Näht ort niemand? — Jene Kleider zerreissen sich wahrscheinlich icht — entgegnet Chaim. — Und niemand sitzt so den ganzen Tag gezeugt, dass die Brust ruht? Und gleich begann er sich mit einem eigenen 'räume zu beantworten: — Dort lustwandeln alle Kinder im Himmel und spielen mit den Engeln. Niemand heisst ihnen arbeiten. Es gibt keine solchen Tische, bei denen man den ganzen Tag sitzen muss, noch Nadeln und Scheeren; die Nähmaschine rasselt nicht, der Kopf schmerzt nicht und es ist so still, so still. . . Er verstummte, versunken in Träume von dein Wonnen des Himmels; sie scheinen aber nicht sehr reich gewesen zu sein, denn bald suchte der irrende Gedanke einen anderen Gegenstand. — Täte, sagte er etwas lauter — erzähle mir etwas von Jakob oder Josef; du kannst das so schön erzählen. — Nein. Leiserek, du bist schwach, wenn du gesund werden wirst. . . Die Stimme blieb ihm plötzlich in der Kehle stecken, etwas presste sein Herz wie mit Zangen zusammen; er konnte nicht zu Ende reden. — Erzähle — bat Leiserek — wenn nicht von Josef, so wenigstens von Isak. — Ach mein Kind, stöhnte Chaim. — Hat Abraham sehr geweint, als Gott ihm befahl, den Sohn zu opfern? — Denke jetzt nicht daran; wozu redest du davon — bat der Vater. Der Kranke schien ihn aber nicht zu hören. — Isak hat sicherlich nicht geweint. Er dachte bei sich, dass, wie er in den Himmel kommt, er auch von da auf seine Hütte wird schauen können, und er wird dort Gott bitten, dass er seinem Vater etwas Arbeit abnehme, dass er ihm seinen Segen sende und dass die Engeln ihn beschirmen. ... - Die letzten Worte übergingen wieder in ein Lispeln. Die Augen erbleichten und verhüllten sich mit den Lidern, über das Gesicht huschte ein Schatten, als wäre der Odem der Nichtigkeit schon darübergehaucht. Bald darauf öffnete er wieder die Augen und wandte sie mit einer neuen Frage auf den Vater. — Warum denn ... Ith denke nicht warum? Was ist das, dass ich nicht denke? —unterbrach er sich beunruhigt. — Der Inspektor wird sich ärgern, Täte, sag du, ich hab ihn vergessen. Er flehte so dehmütig und drückte leicht die Hand des Vaters. — Nu, was willst du . . . — Warum . . . Was hab ich nur fragen wollen? . Ich denke nicht mehr — lispelte er leise und sein - Haupt sank kraftlos auf die Brust. Es entstand ein längeres Schweigen; man vernahm nur den Atem der schwer arbeitenden Brust. Nach einer Weile begann in den Augen des Kranken das Leben wieder zu glimmen; aber nur blos in den Augen; das Gesicht erlosch und erstarrte. Das aus dem ganzen Organismus verscheuchte Leben konzentrierte sich im Blick und hatte irgend eine ungeheuere letzte Kraft. — Täte — lispelte er, diesen brennenden und : unbeweglichen Blick auf den Vater heftend, — warum hat Isak sterben sollen? Unter der Macht dieses Blickes wagte Chaim ., nicht zu atmen. Ein von der halboffenen Tür hineindringender Strom kalter Luft umwehte plötzlich die halbnackte Brust des Sterbenden. Er fing mit dem Mund zweimal die Luft ein, verschluckte sie, zuckte mit den: verglasenden Augen und sank, erstarrt, in sich zusammengekauert, in die Kissen. Chaim stürzte sich auf ihn.