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Neue Nationalzeitung · 1908-01-31 · Heft 5 (31.1.1908) · p. Seite 12

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 »Neue KationäV-Zekung* Nr. 5 Leiserek! Leiserek! — rief er verzweifelt, ihn besser hinlegend und zudeckend und mit Wasser und der restlichen Arznei versuchend, ihn ins Leben zurückzurufen. Es verstrich aber eine geraume Weile, ehe der Kranke mit .den Ueberresten der Lunge Luft einzuatmen vermochte. — Rede nichts, lieg ruhig — flehte der Vater. Der Sterbende lag schon ruhig und sagte nichts. Die letzte Anstrengung hatte seine letzte Kraft aufgezehrt; er lag kraftlos mit geschlossenen Augen, die Arme unbeweglich längs des Körpers ausgestreckt und war wie eine Lampe, deren letzten Tropfen die Flamme verzehrte. Wenn nicht die Bewegung der Brust und ein dumpfes Stöhnen in ihr, könnte es scheinen, dass alles schon zu Ende sei. Und Chaim sass fortwährend am Bettrand; das graue Haupt hatte er tief gebeugt. Er lehnte es in die auf die Knie gestützten Hände; die Finger krallten sich ins graue Haar. Er sass und sann nach. Nach langem verzweifelten Hinbrüten, nach sprachlosen Betrachtungen und Spintisieren, erhob Chaim sein schweres Haupt und heftete seine Augen auf das Antlitz des Sohnes. Aber dieses Angesicht war schon weiss und kalt und seine grosse steinerne Ruhe vermochte auf die Lebensfragen keine Antwort zu geben. feiteratur. Dr. Julius Moses: Hebräische Melodien. Eine Anthologie. Berlin — Leipzig. Modernes Verlagsbareau Curt Wigand. 19C7. S. 284. „Wir sind am Schlüsse unserer Betrachtung! Länger als wir es beabsichtigt, ist sie ausgefallen! Und doch dürfte sie kaum ein klares und erschöpfendes Bild geben. Dieses zu entwerfen kann nur jemand sich urterfangen, dem eine grössere Kenntnis der Literatur und speziell der jüdischen Literatur zu Gebote steht als uns*. Der geduldige, unbefangene Leser hat die zehn enggedruckte Seiten dieses starken Quartbandes umfassende Einleitung zu Ende gelesen und stösst auf diese Sätze. Wfs Wunder, wenn er sich die Frage stellt: Wie wird, wie kann überhaupt nur diese Anthologie zusammengestellt sein? Und so wird aus dem unbefangenen Leser der befangene Beurteiler. Es soll ein Schul- und Familienbuch sein. Der Zweck wird erfüllt durch .beilige Geschiebten und historische Begebenheiten, Legenden und Heldenlieder, Hymnen und Elegien, Märtyrer tum und schöne Menschlichkeit. Gleichnisreden und Sprüche, Parabeln und Fabeln, die hier den reichen Geist des Judentums spiegeln sollen". Man verzeihe mir hier die nüchterne Bemerkung, dass dieser Satz wortwörtlich aus der .Notiz' zu Ludwig August Franki'8 poetischem Familienbuch „Libanon" (Wien, III. Aufl., 1660) abgedruckt ist. Nach gewissen Gesichtspunkten sind die Gedichte nicht angeordnet, sonst würden nicht Gedichte von Mattersdorf neben dem Gedichtchen von Bl. Lädier (nicht wie irrtümlich angegeben ist Ed. Lädier) stehen. Den bereits im „Libanon* gesammelten (Jedichten werden die ia Zeitschriften und. Gedichtbüchern sich vorfindenden Erzeugnisse jungjüdischer Dich'er und UebersetzuDgen aus dem Jüdischen uud Hebräischen angereiht. Es finden sich in diesem Buche mmebe Irrtümer. So ist das Gedicht, das hier fälschlich »Der Diener der Chanukaliehter' betitelt ist und Ludwig August Frank 1 zugeschrieben wird, von dem mährischen Dichter K u 1 k e und heisst „Schammes der Chanukalichter". Dann heisst der Verfasser des »Lied eines alten Juden" Johann von Alxinger, nicht Alxingen. Man könnte Hoch vieles andere tadeln, das vielleicht nicht wichtig erscheint, aber in einem Buche, das der Jugend gewidmet ist, nicht vorkommen darf. In diesem Sammelwerke ist aber sonst gewiss viel interresantes Material zusammengetragen. Wer die .Hebräischen Melodien", deren Zusammenstellung dem Herausgeber gewiss riet Mühe und Arbeit gekostet hat, liest, der wird sicher reiche Anregung finden, sich mit jüdischer Poesie zu beschäftgen. Wien. Ben Abraham. 2eitschriften=Rundschau. Die amerikanische Presse über Abraham Goldfaden. Wie aus den soeben eingelangten New-Yorker Tagesblättern ersichtlich, hat das imposante Leichenbegängnis Goldfadens auf das nüchterne Gemüt der Amerikaner einen überwältigenden Eindruck gemacht. Diese Amerikaner überzeugen sich immer mehr, dass in diesen armen jüdischen Proletariermassen etwas steckt, was ihnen abgeht: (iemül und Idea 1 i sm us Der „World" smreibt: War dieser Goldfaden, den so viele Tausende begleitet haben, ein Grossfinanzier, ein Eisenbahnkönig oder Trust-Präsident? Er war blos Abraham Goldfaden ein Poet und Dramaturg. Es ist s-ogar möglich, dass man in der fünften Avenue (wo die Millionäre wohnen. Die Red) diesen Namen gar nicht gekannt ha,f, aber für die Proletarier im East End war er ein Zauber. Eine solche Demon stration für einen toten Dichter wäre im Westen von Broadway gar nicht möglich. Doch in East-End pflegt man auch Ideale, die man von Daheim mitgebracht hat. Dort imponieren keine Kassen und keine Safe Depots; <Yu Grösse des Menschen wiid nach seinem Geist und nach dem, was er in der Welt des Gedankens geschaffen hat, beurteilt. Aehnlich schreibt der „Globe*. Die East-f ide lebt ihr eigenes Leben. Sie hat ihre eigene Presse, und ihre Theiter, ihre Literatur und ihre Volksmeinung. Für die Unwissenden ist das Ghetto blos ein finsterer und schrecklicher Ort, das Heim des Elends und der Armut. Aber dort glänzt das Licht des Geistes und des Denkens. Für einen Beobachter ist die East- Side der interessanteste Ort des interessanten Amerika". Leroy-Beaulieu über die amerikanische Einwanderung. Inderletzten „Revue Hebdomadaire** schreibt Leroy— Beaulien einen sehr interessan'en Artikel über die folgende Frage: „Die Rassen und die europäische Einwanderung in den Vereinigten Staaten". Von den verschiedenen iuwandernden Elementen, behandelt der Autor vorzugsweise die russischen und rumänischen Juden, „welche von einer grossen Anzahl Amerikanern zu den Unerwünschten Rerechnet werden." »Zweifellos*, sagt er, „gehören sie wie die Slaven und Ungarn zu jenen Volksstämmen, die in gewisser Hinsicht als mittelmässig kultiviert angesehen werden können und welche oft ihre alten Geb»äucbe festhalten." Aber das beweist nicht, dass ihre intellektuellen Fähigkeiten oder ihre Arbeitskraft geringer sind, als die anderer Europäer. „Ich glaube im Gegenteil", fügte er hinzu, »dass diese Völker zu den intelligentesten Europas gehören. Die Zukunft wird die Amerikaner hievon überzeugen.fc Der berühmte Schriftsteller erinnert an den Ursprung der Auswanderung in die Vereinigten Staaten und erwähnt, dass sich wahrscheinlich unter den Gefährten von Christoph Columbus Juden befanden; >n jedem Falle trugen Juden oder Marranos die Kosten der Expedition. Jetzt geht die Amerikanisierung der Juden rasch vor sich, speziell durch die Schule und doch gibt es nur wenige Juden, die sich schämen, zugeben zu müssen, dass sie das Licht der Welt in fernen Ländern erblickt haben, wie Polen und Russen, die sich Amerikaner nennen und von Washington und den Helden des Unabhängigkeitskrieges so sprechen, als ob diese Gründer der amerikanischen Freiheit ihre Ahnen wären Schliesslich befasst sich Leroy-Beaulieu mit der Frage, welche jetzt die Aufmerksamkeit der Vereinigton Staaten in Anspruch nimmt: mit der Einschränkung der Auswanderung. „Die Einwanderung zu begrenzen", sagt er, „hies^e die Entwicklung des Landes verhindern und ihren wirtschaftlichen Fortschritt hemmen, denn man darf nicht vergessen, dass die Vereinigten Staaten ihre wunderbare Entwicklung vor allem der Einwanderung verdanken. Es ist nact gewiesen, das? Familien, welche durch mehrere Generationen Amerikaner waren, weniger fruchtbar sind, als die Familien von Einwanderern. Die Vereinigten Staaten würden einen schweren Irrtum begehen, wenn sie gesetzliche'Schranken gegen die europäischen E:nwanderer errichten würden.* Notizen. In dieser Nu-nmer befindet sich das Inserat von Georg S a 1 z e r, XX Mathildenplatz 7.

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