Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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S&te 10 »Neue National-Zeitung* Feui W. DÄLECKÄ. In der Schneider*Werl<statt. (Deutsch von S. Horowitz.) (S^hluss.) Chaim beugte sich tief über ihn; ein schmaler Blutstreifen sickerte aus dem Munde des Jungen und von der Lagerstatt fliessend, bildete sich auf dem Fussboden eine kleine Lache. Ein leises, dumpfes Aechzen entrang sich Chaims Brust. Behutsam, aber mit Kraft, richtete er den Sohn in die Höhe; seine Hände und Füsse hingen machtlos, der Kopf mit den geschlossenen Augenlidern und weitgeöffoetem Munde, voll geronnenen Blutes, sank auf die Schulter des Vaters. Chaim nahm ihn so und trug ihn aufs Bett. Malke stürzte heulend dem Jungen entgegen; mit ausgestrecktem Arm verwehrte Chaim ihr, sich auf den Knaben zu stürzen. — Wasser, — brachte er mit heiserer Stimme, aber so herrisch hervor, dass die Frau unwillkürlich sich beeilte den Befehl auszuführen. Nachdem man ihn eine Zeitlang mit Wasser begossen und gerieben hatte, gelang es Chaim, das schwindende Leben in der Brust des Sohnes wachzurufen. Das kleine Herz begann lauter zu schlagen, einige tiefe Seufzer bewegten die dürre Brust und langsam, schwer öffnete er schliesslich die Lider. Unterdessen wurde es im Häuschen von den auf Malkes Geschrei herbeigeeilten Nachbarn lebhaft. Alles drängte ans Bett des Kranken. Die Türe stand offen und vom Flur ballte sich der Dampf der kalten, frischen Luft. — Ist der Doktor noch nicht vorbeigefahren? — fragte Chaim den Zunächststehenden. Unter den Versammelten begann man zu flüstern, zu fragen. — Noch nicht, — Hess sich jemand von der Tür vernehmen. — Malke, eile nur zum Tore — wandte Chaim sich an die Frau. Stöhnend schob Malke sich zur Türe hinaus. Täglich fuhr der Schlitten des alten Doktors hier vormittags vorüber. In der Stadt nannte man ihn den jüdischen Doktor, allerhand possierliche Anekdoten sich ins Ohr flüsternd, aber von Angesicht zu Angesicht wagte niemand ihm nahe zu treten; man vertraute seinem Wissen und, — wie man sagte — seinem Glücke. Auf ihn wartete Malke. Kaum, das in weiter Perspektive der langen Gasse der weisse Kopf des bekannten Schimmels auftauchte, hatte sie ihn schon zwischen den anderen Fuhrwerken erkannt. Sie rannte ihm entgegen und als sie den Schlitten erreichte, war sie so ausser Atem, dass sie kein Wort hervorbringen konnte, Aber der alte Doktor wusste, was solche verzweifelte, flehende Augen bedeuten. Er machte ihr auf dem Sitze Platz, und ihren Weisungen folgend, hiess er dann nach ihrer Wohnung fahren. Die Stube betretend hatte er mit einem Blicke das Interieur übersehen, ohne eine Miene zu verziehen ging er aufs Krankenbett zu. Die Konsultation währte nur kurz. Ein Blick aufs Gesicht leton. sagte dem alten Praktikus genug. Aber mit einigen Worten beruhigte er die allarmierende Malke, verordnete kalte Umschläge, Eis und schliesslich irgend eine Mixtur, die er auf einem, aus seinem Notizbuch herausgerissenen Zettel, auf seinem Knie verschrieb. Aber offenbar kam ihm irgend ein Gedanke in den Sinn; er Hess noch einmal den Blick über die Kinder, den noch nicht geheizten Ofen schweifen, griff wiederum nach seinem Notizbuche und einige Worte niederschreibend, händigte er das Geschriebene Malke ein — Uebergib das in der Apotheke — sagte er und Du wirst für die Arznei nicht zu zahlen brauchen. Dann wandte er sich noch einmal Leiser zu und beugte das Ohr zu seiner schwer arbeitenden Brust. — N'-in, Herr Doktor? Was glaubt der gnädige Herr? — fragte mit einem traurigen Ernst der am Bettrande sitzende Chaim, die unruhigen Augen auf sein Gesicht haftend. Der wandte das Gesicht weg und ohne ihn anzublicken, sagte er leise: — Ist denn der Doktor ein Gott? Man tut, was man kann. Chaim senkte tief das Haupt. — Ihr habt da genug, — sagte der Doktor» auf die sich drängenden Kinder weisend. — Wo so viele sind, ist es schwer, alle gesund zu erziehen. Er fuchtelte mit der Haud, wie von den eigenen Worten nicht befriedigt, griff nach seinem Stock, drückte sich die Mütze aufs Haupt und ging dem Ausgang zu. Chaim, aus seinem Nachsinnen sich aufraffend, folgte ihm. — Ach, Herr Doktor, — Hess er sich mit Ernst vernehmen, — ich danke Ihnen sehr, Herr Doktor, möge der Herr Doktor immer gesund sein. Leiser lag den ganzen Tag unbeweglich, ohne was zu sprechen. Er ertrug geduldig die kalten Kompressen, trank die Arznei, unterwarf sich den heftigen Ausbrüchen der mütterlichen Zärtlichkeit, aber das brachte ihm keine Erleichterung. Der Tag ging zur Neige, die letzten Sonnenstrahlen begannen zu erlöschen und mit ihnen sein spärliches Lebenslichtlein. Die Arzneiflasche war schon geleert; den nassen Lappen, den Chaim ihm um den Kopf legen wollte, schob Leiserek mit einer langsamen Handbewegung zurück; er wollte auso o rs / ruhen. Er ward noch stiller, hörte sogar zu husten auf und sein Gesicht begann sich aufzuhellen. O . — Schläfst Du? — fragte Malke sich über ihn beugend. — Wirst Du schlafen? Schläfst Du schon? — rief sie, ihn am Arm rüttelnd. — Ich werde schlafen, — entgegnete er leise, seine Augen voll unaussprechlicher Pein zu ihr aufschlagend. — Schlaf mein Kind — fügte sie hinzu, das Kissen so energisch verbessernd, dass das Haupt des Kranken zurücksank. — Ich werde inzwischen um Mehl laufen.