Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-01-31 · Heft 5 (31.1.1908) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425728--0614-2426910
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

, töeue Natiorial-Zeitung" Seite 9 Die Äuswanderang aus Palästina hat in letzterer Zeit, wie dem »Fr. Isr. Familienblatt aus Jerusalem berichtet wird, ganz erheblich zugenommen. Sie soll bei weitem die Einwanderung übertreffen. Wollen wir hoffen, dass sich die Zeiten auch hierin bald zum Besseren wande'n werden. Die Sonntagsruhe in England. In England sind gegenwärtig in der Frage der Sonn'ausruhe zwei Strömungen zu unterscheiden. Auf der einen Seite steht mit Lord Avebury an der Spitze die Partei, die vom Staate einen erweiterten Schutz des christlichen Feiertags fordert, während die andere, die National Hygienic League, unter Führung des Deputierten Goddard Clarke mit ihrer Weefely Kest Üay bill nur dafür sorgen will, dass jedermann allwöchentlich einen Ruhetag zu beobachten habe, ohne dass es ihr aber diraut ankommt, dass derselbe gerade mit dem christliche! Feiertage zusimmenfällt. Dementsprechead hat die National Hygienic League eine in Verhandlung mit dem jüdischen B^ard of Deputies entsprechend formulieite Bestimmung in ihren Gesetzesvorschlag aufgenommen, dass Personen, die am Sabbat ihre Geschäfte geschlossen hatten, von der Sonntagsruhe dispensiert seien. Bekanntlich hat ja Lord Crewe im Oberhaus namens der Regierung erklärt, es we'de in absehbarer Zeit keine Aenderung dar Sonntagsruhe-üesetzgebung vorgenommen worden. Das ist bei dem gegenwärtigen Stand dieser Gesetzgebung in England für die Juden das wünschenswerteste. Immerhin ist es gut, das3 sie durch die Vereinbarungen mit der National Hygienic League für alle Fälle gerüstet sind. Professor Dr. Leo Kellner, ein sehr genauer Kenner nicht bloss der englischen Literatur, sondern auch der englischen Veihältnisse, hielt am vorigen Mittwoch im Vortragszyklus der .Zephirah* in Gzernowitz vor einem grossen Publikum im Rathaussaale seinen Vortrag über das „Londoner Ghetto*. Nicht einen Vortrag wolle er bieten, sagte er einleitend, sondern ßilder aus dem L°ben des Londoner (jhettos in Wort. Und was da Prof. Kellner vorführte, war wirklich ein sprechendes Skioptikon. Durch die lebendige Darstellung glaubte sich der Zuhörer nach L »ndon versetzt und in Begleitung Prof. Kellners, dem die Stadt an der Themse ein sehr vertrauter Ort ist, durch das Ghetto von London wandernd. Da starrt uns gleich ein grosses Plakat an, das in „jiddischer" Spracle den Vortrag eines protestantischen Geistlichen ankündigt. Ein Knabe läuft dort mit einem Liluw und Essrog, den religiösen Insignien des Laubhütten festes in der Hand und eine schreiende Menge begehrend nach ihm. Bald sind wir Zeugen einer Ehescheidung zwischen einem jungen Weibe, das aus Lithauen nach London gekommen war und einer Jammergestalt von einem Manne, der sie verlassen und hier zum zweiten Male geheiratet hat. Beide stehen vor dem Bethaus in der köstlichsten Unterhaltung, als ob der vorzunehmende Akt ein Hochzeitsfest wäre. Eine Menschenmenge von den interessantesten Typen ist hier zu sehen. „Gesichter voll Tragikomödie, aus jedem blickt ein verkörpertes Schicksal mitleidsvoll hervor, zugleich aber eine unversöhnliche Verachtung und beissender Hass gegenüber der We.t. Wer die Dichterseele hätte, hinter d'esen grotesken Gestalten die Seele zu finden, und die Fähigkeit hätte, sie zu schildern, würde für den grössten Dichter gelten können. J. Zangwill ist der erste und der einzige, der in seinem Buche: „Kinder des Ghetto" Verstand und Plan in das verworrene ühettoleben brachte und so ein Werk schuf, deesen grosses Lob weit hinter dem giossen Verdienst zurückbleibt. Einige der interessantesten Bilder aus diesem Buche führt Prof. Kellner vor. Da lebt ein aus Lithauen eingewanderter Jude, namens Moses Ense], mit seiner Familie in gottverlassener Armut. Eine junge Tochier, Esther, wächst ihm zu einem Genie heran, sie kommt in die vornehme Gesellschaft und wird eine englische Lady. Sie erkennt aber gleich die Hohlheit ihrer Umgehung und schreibt in einem aufsehenerregenden Buche über die Vornehmen eine vernichtende Kritik. Sie kommt zur Ueberzeugun/, dass der letzte Jude des Ghettos mehr Seele und mehr Versprechen für die Zukualt hat als der feinste Salonjude des Londoner Ostens. Dasselbe findet der junge Leon Rataels, ein uns wohlbekannter Name. Auch er hat die beste und vornehmste Bildung genossen und ist bereits fast ein ganzer Engländer. Er selbst ist die Verkörperung des »Noblesse oblige*. Aber es schauert ihn vor dieser hohlen Vornehmheit, diesem geistigen Elend des Ostens von London. Ein noch grösseres Elend findet er auf seinen Spaziergängen im Ghetto. Dort der jüdische Engländer ohne Seele, hier der Jude mit krankem Herzen und Rücken. Leon und Esther verlassen dieses Land und suchen eine neue Heimat . . . Ein zahlreiches Publikum war anweseud und folgte den fein gezeichneten Darstellungen mit gespanntem Interesse. Das Ophir. Eine in Amsterdam erscheinende Zeitschrift brachte eine Zuschrift aus Z e e r u s t in der Transvaal in welcher die Ve:matung ausgesprochen wird, dass dis in der Bibel genannte und von den Gelehrten vergeblich gesuchte Ophir, über welches der jetzt viel genannte Afrikareisende Peters einige Forschungen vorgenommen, von wo die Schiffe des Königs Salomo Gold holten, in der Nähe des genannten Platzes zu suchen sein dürfte. Die Zuschrift lautet: ,Man hat hat hier Min?nanlagen en'deckt, die sehr merkwürdig sind, Man sieht deutlich, dass an der westlichen Seite des Berges (Abjarters Kop) drei Schachte gegraben worden sind; zwei der Tunnels sind bei der Oeffnung eingestürzt, aber der eine derselben war noc!i offen. Wir krochen eine Strecke weit hinein, aber da wir keine Lichter bei uns hatten, konnten wir nur so weit eindringen, als es das von der Oeffnung her eindringende Licht erlaubte. In einer Tiere von etwa 150 Fuss ist der Tunnel durch Balken von sehr altem, hartem Holz verschlossen und die Balken selbst sind mit schweren behauenen Quadern umgeben, so dass es für uns nicht möglich war, über dieselben hinzusteigen. Ich halte dafür, dass diese Tunnels von den Bergleuten des Königs Salo mo angelegt worden sind. Dieselben sind 50 Ellen von einander entfernt und laufen einander parallel; in einer gewissen Tiefe sind Gallerien, welche diese Tunnsls miteinander verbinden oder zu verbinden scheinen, uad den Tunnels entlang sind senkrechte Schächte gegraben. — In einen derselben warfen wir einen Stein und wir hörten, wie derselbe nach ein paar Sekunden auf den Bjden aufschlug. An der östlichen Seite dos B9rges, nahe an der Spitze, ist ein sankrechter Luftschacht in den Berg eingelassen, der wohl mit den anderen Tunnels in Verbindung stehen wird. Nach der Bodenbeschaffenheit zu schliessen, scheint h er eine uuterirdische alluviale Goldmine gewesen zu sein. Sechzig Meilen östlich von Abjarters Kop liegt der Pilaansberg, der das Depot der salomonischen Goldsucher gewesen sein muss, welche von der Küste mit Lebensmitteln versorgt wurden, und wahrscheinlich haben die Arbeiter die Tunnels in Abjarters-Kop rxit Balken verzimmert, weil sie wieder nach Hause zurückkehren mussten. Jedenfalls darf man, wenn die Mine in nächster Zeit ausgebeutet wird> sehr interessanten Entdeckungen engegensehen". Die jüdische Presse in Säd-Afrika. Die jüdische Presse in Süd-Afrika befindet sich gegenwärtig in einem mehr als tristen Zustinde. Vor dem Boerenkriege brüstete sich Johannesburg mit einem yiddischen Blatte, aber der Krieg raffte es dahin. Nach dem Massacre von Kischinew erblickte der „S. A. Jewish Standard" in Durban das Licht der Welt — die einzige Nummer, welche davon erschien, hatte das Glück, in der jüdischen Encyclopedia registriert zu werden. Ende 1905 erfreute sich Oudlshhoorn einen Monat lang seines Blattes. Vor ungefähr sechs Monaten fand der „Yiddish Jewish Star* von Johannesburg sein unrühmliches Ende. Die zweifelhafte Ehre, die Brutstätte dieser Eintagsfliegen zu sein, darf Capstadt für sich in Anspruch nehmen. Man sagt,. dass ein dortiger Herausgeber zu verschiedener Zeit nicht weniger a's ein halbes Dutzend solcher Zeitungen ins Leben gerufen hat. Gegenwärtig ist nur von dem „Jewish Advocat* bekannt, dass er in dieser Stadt seit 1904 eine obscure Existenz fortschleppt. Von 1902 — 1905 blühte der „S. Ä. Jewish Chronicle" in Capstadt, aber dann musste er wegen finanzieller und anderer Schwierigkeiten nach Johannesburg übersiedeln, wo er noch erscheint. Das Blatt hat für die nächste Zeit eine YiddischBeilage in Aussicht gestellt. P. UnsereJP^JT^ werden um gefi. Zusendung der Pränumerationsgebfif aiHssMch des Quartalswechsels mittels der ihnen xugehenden Erlagscheine ersucht. Die Administration.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.