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Neue Nationalzeitung · 1908-01-31 · Heft 5 (31.1.1908) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „Neue National-Zeitung* Nr. 5 Krakau. Wie aus dem Jahresausweise für das Jabr 1907 hervorgeht, besteben in unserer Stadt 116 Wohltätigkeitsvereine mit 28.091 Mitgliedern. Davon sind 15.993 Christen und 12.C98 Juden. So gross aber der perzentuelle Anteil der Juden an Woltätigkeitswerken ist, läs«t jedoch ibre Anteilnahme an der Vereinstätigkeit überhaupt viel zu wünschen übrig. Die 135 wissenschaftliehen Vereine und Lesehallen zählen 63.069 christliche und 4.268 jüdische Mitglieder. Die 19 Handels-, Industrieond Assekuranzvereine zählen 1435 christliche und 482 jüdische Mitglieder. Die Arbeitervereine weisen 11.710 christliche und 617 jüdische Mitglieder aus. Alles im Allem beziffert sich die Zahl der hiesigen Vereine auf 374 mit 93.263 christlichen und 20*186 jüdischen Mitgliedern. 5§|U$ ALLCN WCIttCiLCN David Tittingers christliche Stipendien. Der Bürgermeis'er Br. Fürth von Czernowitz publizierte in den letzten Tagen eine Kundmachung, betreffend die Verleihung von vier Stipendien an christliche Gemeindeangehörige der Stadt Czernowitz. Daran wäre ja nichts auffällig, wenn nicht der Stifter besondere Aufmerksamkeit verdienen würde. Diese Stipendien stammen nämlich »aus dem Zinsenerträgniese des in der Verwaltung des Stadtmagistrates Czernowitz befindlichen Dawid T ittingerschen Armenunters ülzungsfondes'. Ein Jude, man beachte dies, ein Jude war es. der in Ausübung wahrer Toleranz, auch seiner armen christlichen Mitbürger gedachte. Freilich geschah dies zu einer Zeit, wo man jeden Menschen in erster Reihe als Menschen würdigte, da es noch keine ehristlichsoziale und keine deutsch-nationa'e Bewegung in Czeinowita gab. Heute wäre so eine Stiftung nicht mehr denkbar. Nicht allein, dass man immer wieder Schränken zwischen Jud und Christ, wie in den finsteren Zeiten des Mittelalterg aufzurichten beslrfbt, auch das jüdische NationalbewussUein ist erwacht und lehrt den Juden eindringlich: „Hilf Dir selbst. Denke an Dich und Deine Nationa^genossen!* Ebenso wenig, wie ein Christ heute für rein jüdische Zwecke in sein°n Sack greifen würde, ebensowenig kann das heute ein Jude tun. Die Kundmachung des Bürgermeisters ist ein Grusä aus vergangenen Toleranzzeiten. Die jüdische Gemeinde in Belgrad, die 3500 Seelen zählt, hat von der serbischen Regierung einen Jahresbeitrag von K 48.000 bewilligt erhalt5n. In der österreichischen Monarchie mit lv800.0OO Juden gibt die Regierung für jüdische KultuszwecVe K 12.000 aus. „Semit** als Beleidigung. rn der „Nowoje Wremja" hatte der antisemitische Feuilletonist Menschikow von den im Port-Arlhur Prozf ss angesagten Generä'en S t öss e 1 und Fock als von »Vaterlandsverrätern" gesprochen und von beiden gesagt, sie sähen .semitisch" aus. Darauf hat Fock an Mentschikow einen Brief geschrieben, in dem er erklärt, die Anschuldigung, er sei ein Verräter, übergehe er «mit Verachtung*, dagegen könne er die Beleidigung, die ihm als Altadeligen angetan worden sei durch die Behauptung, er sähe semitisch aus, nicht hingehen lassen, und er fordere deshalb Genugtuung. Ist eine solche Komödie wohl ausserhalb des .heiligen" Russland möglich? Hier darf man einen General also ruhig Vatelandsverrater nennen — dafür hat er nur „Verachtung*. Aber wenn man von ihm sagt, dass er einen semitischen Typus habe, so empört sich seine altadelige Seele. . . 1,600.000 Rubel haben die russisch-jüdischen Emigranten im abgelaufenem Jahre jhren Anverwandten »achbause geschickt. Wenn man bedenkt, unter welch schweren Bedingungen der Emigrant auf einem neuen Boden sein Brot erwirbt, so beweist diese Summe, den Oplermut und den Familiensinn, der speziell den Ostjuden immer nachgerühmt wird. Die Errichtung eines Heine -'Denkmales im Deutschen Reiche scheint sich zu verwirklichen. Der Berliner Kritiker Alfred Kerr entfaltet eine rege Propaganda und sprach am 18. Jänner in München, wo die Elite der Gesellschaft zusammenkam, um dem Denkmalfond neue Mittel zuzuführen, In der Festrede sagte Kerr u. a.: „Er war niemals ein Jude im Sinne eines Zweckmenschen, er war ein Kind. Nur dreht man ihm den Strick, weil er als einer der verständigsten Menschen der Welt sich nicht gefürchtet bat und so schamlos war, alles zu sogen, was er dachie*. Die vornehm ausgestaltete Festgabe, die den Gästen des Abends überreicht wurde» schmückt als Titelgabe das Heinebüdnis Richard Pfeiffers. Dann folgen Urteile über Heine. Alfred Kerr eröffnet den Reigen mit den knappen Worten: „Er schrieb die ersten Lieder des dritten Jahrtausends*. Neben schwungvollen Sätzen von Otto Julius Bierbaum, Ernst v. P o s s a r t, Richard Voss, schreibt Gustav Karpeles: „Heine war ein Deutscher, **er in den Tagen napo'eonischer Fremdherrscha't einerseits und der deutschen Romantik anderseits, von jüdischen Elfern in einer latholischen Stadt am Rhein geboren ward." Fflr das Denkmal sind bereits Mk. 40 C00 gesammelt worden, und die Summe wächst. Vielleicht lässt sich der deutsche Michel erweichen. Fulda schrieb zwar: „Ein Toter und es wogt in eurer Masse Um ihn so wilder, heissentbrannter Zwist, Sein bestes Denkmal ruht in eurem Hasse, Der zeigt ja. wie lebendig er noch ist!" Antisemitische Postkarten. Die Beförderung einer Postkarte, welche ein Wirtshaus als „Judenreinen Aufenthalt* empfahl und daneben Karrikaturen von Juden, sowie antisemitische Verse enthielt, veranlasste den Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens in Berlin, sich an die kaiserliche Oberpostdirektion mit der Bitte zu wenden, unter Hinweis auf die Postordnungen vom 11. Juni 1892 und vom März 1900, sowie auf die in der Reichstagssitzung vom 4, Februar 1898 von dem damaligen Staatssekretär des ReKhspostamts abgegebenen Erklärungen, derartge Postkarten von der Beförderung auszuschliessen. Die kaiserliche Oberpostdirektion lehnte das Gesuch ab und der Staatssekretär des Reichspostamts erteilte dem Zentralverein nachstehenden Bescheid: .Wie der Zentralverein in der Eingabe vom 31. August selbst anerkannt hat. ist es hei der grossen Zahl der Brief* Sendungen und bei der Eile, mit der im Interesse ihrer möglichst schnellen Beförderung das Sortiergeschäft bei den Postanstalten wahrgenommen werden muss, den Beamten nicht möglich, den Inhalt jeder einzelnen Postkarte darmfhin zu prüfen, ob er gegen di« Bestimmungen der Postordnung verstösst. Hierauf ist es zurückzuführen, dass mitunter Postkarten sur AWsendung gelangen die zur Beförderung nicht geeignet s'nd. Hätte der Abfertigungsbeamte beiliegende Postkarte als gegen die Bestimmungen im § 5 der Postordnung vom 20. März 1900 verstossend erkannt und als unzulässig erachtet, so würde dies nicht zu missbilligen gewesen sein. Von dem Erlass einer allgemeinen Ve*fügung de* Inhalts, dass die Postbeamten auf das Vorkommen von Postkarten der anliegenden Art besonders achten sollen, muss aber abgesehen werden, weil der vorliegende Einzelfall zu einer derartigen Massnahme keinen genügenden Anlass bietet, und weil eine solche Anordnung sich nicht durchführen lässt." Der Bürgermeister von Rom, Ernesto Nathan, hat an den Vorstand der Kultusgemeinde in Fünfkirchen nachstehendes Antwortschreiben gerichtet: »Ich bin als Jude geboren und bin seit meiner Geburt stolz auf meine Zugehörigkeit zum Judentum. Lieb sind mir die herzlichen Worte, mit denen Sie Ihren für mich gehegten Gefühlen Ausdruck verleihen. Es wäre wünschenswert — und vielleicht ist meine Erwählung ein Vorzeichen hiefür — dass je früher die Zeit komme, da die Menschen im Zeichen des Fortschrittes sich vereinigend, den Glaubensunterschied nicht mehr als Beweis der Superiorität oder Inferorität ansehen, sondern als gleiche und freie Menschen von dem gemeinsamen Bestreben erfüllt sein werden, die menschliche Seele zu verfeinern und zu veredeln.

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