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Neue Nationalzeitung · 1908-01-31 · Heft 5 (31.1.1908) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 5 ,, Neue National-Zeitung" Seite 5 ^en — Lehrlingen nachzufragen. In diesem Vereine ist aber der Lehrjunge ein Rekrut, der drei Jahre dient, und innerhalb dieser Zeit das Maul zu halten und Gott zu loben hat. Anfangs 1907 unterstanden dem Vereine 714 Lehrjungen, darunter sehr viele aus Galizien, nämlich 253. Man weiss, wie gerade der „Polische* zu leiden hat. Und doch stehen dem Vereine genügend Mittel zur Verfügung, um seine Schützlinge eine menschliche Jugend verleben zu lassen. Das Vereinsvermögen betrug Ende 1906 über eine Million Kronen, eine Summe, die mancher bedeutenderen Institution sehr abgeht. Der Tätigkeit des Handwerkerver* ines U hlt aber der soziale Zug. Es ist noch nicht der Inbegriff sozialen Verhältnisses, wenn man Lehrlinge plaziert, ihnen eine „ vorschriftsmäßige" Montur gibt, und sie des öfteren in die Synagoge führt, um sie recht dankbar zu stimmen. Soziale Erkenntnisse liegen tiefer und reichen weiter. Das Recht auf Arbeit ist mit Recht auf menschenwürdiges Dasein eng verbunden. Der Verein erfreut sich der Förderung vieler Philantropen und auch der Wiener Kultusgemeinde; in seinem Kuratorium sind einige bekannte Gemeindegrössen. Das wäre alles schön und erfreulich, wenn der Verein seine Pflichten voll und ganz erfüllen würde. Er muss unverzüglich daran schreiten, Vorkehrungen zu treffen, die einem wirklichen Schutze der armen jüdischen Lehrlinge gleichkommen. Er muss es erreichen, dass diese armen Lehrlinge nicht mit Bitterkeit an ihre jungen Jahre zurückdenken, dass in ihnen nicht jenes traurige Gefühl entsteht, das in den Dichterworten liegt: Ihr fühlt ins Leben uns hine'n, Und lässt un3 arm und schuldig werden, Dann tiherläss* ihr uns der Pein. ... m. sch. Unsere Austrittsliste. Die Bedeutung der zuerst von der »Neuen Nauonalzeitung" in die Oeffentlichkeit gebrachten Austrittsliste, wird allmählich auch von den anderen jüdischen Blättern in Wien anerkannt. Dieselben folgen nunmehr unserem Beispiele. Die Jüdische Zeitung" hat bereits in ihrer letzten Nummer eine Rubrik „Fahnenflüchtige" eröffnet. Wie uns von gutinformier.er Seite mitgeteilt wird, werden vom Februar angefangen im Auftrage des Präsidiums auch die zwei dem Kultusvorstande nahestehenden Blätter die Austritte publizieren. Welchem Interesse unsere Austrittsliste in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung begegnet und wie sorgfältig dieselbe in allen ihren Einzelheiten verfolgt wird, beweist nachstehende Zuschrift, die uns von einem Leser des XV. Bezirkes zugekommen ist: Wie der Herr -rso der Diener. Geehrte Redaktion! Ihren Lesern dürfte es ja bereits bekannt feein, dass die Kultusvorsteher Hofrat Rappaport und Wilhelm Kuffner, trotz ihrer christlichen Schwiegersöhne, bisher nicht behindert wurden, nach wie vor über die subtilen Fragen der Mikwah, Schechitah, koschere Selchwaren, hebräische Grabinschriften etc. etc. mitzuberaten und mitzubeschliessen. Bei diesem Regime kann es doch gewiss nicht wundernehmen, wenn sich auch ein israelitischer Religionslehrer den Luxus erlaubt, seine Tochter an einen Christen zu verheiraten So unglaublich diese Tatsache auch klingen mag, dass ein jüdischer Religionslehrer, dessen Pflicht und Aufgabe es ist, die israelitische Jugend in ihrem Glauben zu erziehen, die eigenen Kinder ihrem Glauben entzieht, so beruht diese Tatsache auf Wahrheit. Die in ihrer letzten Austrittsliste genannte Anna A. ist die Tochter des israelitischen Religionslehrers Josef A. Dieselbe übertritt zum katholischen Glauben, um demnächst zu heiraten. Es fällt mir gewiss nicht ein, das Privatleben der Familie A. einer Kritik zu unterziehen. Herr A. ist gewiss ein rechtschallener Mensch und taugt vielleicht zum Hofrat; aber nicht zu einem israelitischen Religion^lehrer. Ich bin überzeugt, dass Herr A. seine Zustimmung zur Heirat seiner Tochter niemals gegeben hätte, wenn ihm das Vorbild der Kultusvorsteher nicht so schön vorangeleuchtet hätte. •Wie tief ist eine Gemeinde gesunken, deren offizielle Repräsentanten, Vorsteher und Religionslehrer, ihre eigenen Kinder dem Bande des Judentums entreissen! Genehmigen Sie etc. ||0RR£SP0ND6NZ£N Oesterreich=Ungarn. Die „Mittel-Partei.* Krakau, den 97. Tänner. fOrig. Korr.) Die letzten Wahlen in den Kulturvorstand, bei denen die Mittel-Partei ganz übergangen wurde, haben dieselbe aufgerüttelt. Bevor ich nun auf die nunmehr o bevorstehende Organisation dieser Partei eingehe, möchte ich vorerst den Begriff „Mittel-Partei" definieren. Wir verstehen darunter in Galizien jene Juden, die religiös-konservativ sind, und weder zu den Chassidim, noch weniger aber zu den religiösfreisinnigen gehören. Wiewohl bei uns gerade diese Mittel-Partei den Grundstock des jüdischen Bürgerstandes bildet, ruht die Herrschaft der Kultursgemeinde in den Händen einer chassidisch-freisinnigen Koalition. >Les extremes se touchent«. Dieses Sprichwort bewahrheitet sich auch hier. Die Orthodoxen und Anhänger von Wunderrabbis vertragen sich besser mit den Freisinnigen, d. h. mii den religiösen Nihilisten, als mit den Konservativen, die die strenge Beobachtung der Glaubenssätze mit einem Verständnis für moderne Wissenschaft zu vereinigen wissen. Zu welch' traurigen Resultaten eine solche Koa'ition führt, zeigte sich jüngst anlässlich des Bestrebens mehrerer Persönlichkeiten ans dem konservativen Lager, behufs Schaffung eines jüdischen Gvmnasiums, in welchem sich bei strenger Einhaltung der Sabbatruh? die jüdische Jugend Gymnasialbildung aneignen sollte. Dagegen erhoben nun die Chassidim eine heftige Agitation, während ihre Koalierten, die „Freisinnigen", für dieses Gymnasium auch nicht einen Finger rührten, ja im Gegenteile, die Entstehung desselben unter polnisch-patriotischer Maske verhinderten. Es hat zwar eine Zeit gegeben, in der die Mittel-Partei einen massgebenden Einfluss auf unsere Gemeinde ausübte. Es war dies zur Zeit, als der verstorbene Hirsch Landau die Gemeinde leitete. Allein mit seinem Tode hat auch die ganze Ge-

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