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Neue Nationalzeitung · 1908-01-31 · Heft 5 (31.1.1908) · p. Seite 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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€teite--£---- „Neue National-Zeitung" Nr. 5 gend Ansätze vorhanden sind für die zukünftigen Dichter und Maler, die ein ganz neues Galizien der Aussenwelt schildern werden. * * Als ich in Oderberg die österreichische Grenze erreichte, war ich im Geiste bereits in Galizien. Es war. eine merkwürdige Gesellschaft, mit der ich bis Oderberg reiste. Deutsche Juden mit ihrer steifen Haltung und trockenen Witzen. Und sie sprachen von nichts anderem, als von Geschäft und Geschäft. Nur: der Prozess Moltke-Harden brachte einige Abwechslung in die Monotonie ihrer Gespräche. Diese Leute, die bisher mit Nachdruck ihre deutsche Abstammung betonten, lispelten sich ganz leise zu, dass Maximilian Harden einer der Unserigen sei . . In Oderberg verliess mich diese Gesellschaft. Ich blieb allein im Coupe. Jüdische Passagiere wurden hier, in der IL Klasse seltener. Ich entschloss mich, einen Platz in der dritten Klasse aufzusuchen. (Weitere Artikel folgen.) „Kadimah" Von einem „A 11 e n H e r r n". Ich nenne mich einen „alten Herrn", aber ich muss gewiss ein sehr alter Herr sein. Denn die „Kadimah" kennt mich nicht mehr und sie hat mich auch zu ihren Veranstaltungen gar nicht eingeladen. Tatsächlich trennt mich von ihr eine grosse Kluft. Zu meiner Zeit, es war dies vor über zwanzig Jahren, wusste man in der „Kadimah" noch nichts vom «Schlagen", von »Partien", ,.Kontrahagen" und ähnlichem Firlefanz. Wir haben uns gegenseitig geistig angeregt, wir haben jüdische Vorträge und im Anschlüsse daran Diskussionen veranstaltet. Wir haben auch für den damaligen Kolonisations-Verein „Admath Jeschurun" *ehr eifrig agitiert. Allein unsere Gegner wussten plötzlich zu entdecken, dass unsere Mitglieder ausschliesslich aus dem Osten sind und es sahen viele unter uns darin eine gewisse Minderwertigkeit. Man gieng nun daran, gewisse Lockmittel eiiizuiühren, um die westjüdische Studentenschaft einzufangen. Hiezu gehörte in erster Linie das Schlagen, und es waren hauptsächlich Wiener, resp. mährische Studenten, die mit ihren „Schmissen" das v Prestige der „Kadimah" retien wollten. Dazu kamen noch die Bänder; die Kappen allein lassen noch auf sich warten, weil sich die deutschnationale Studentenschaft dagegen auflehnt. Mit einem Worte: die anderen Verbindungen wurden nachgeahmt. , Die „Kadimah" aber verwahrte sich dagegen, Assimilation zu treiben. Nach dem Muster der „Kadimah" entstanden bald noch einige jüdisch-natiopale Studenten-Verbindungen, und wir sahen das traurige Schauspiel, dass die jüdischen Vereine, dass , jüdische Studenten mit einander blutige Zweikämpfe austragen mussten, um ein „Muskeljudentum" zu.-schaffen.;Sie-haben mit Ihrem Artikel ins Schwarze getroffen, und es gebührt Ihnen der wärmste Dank ailer derjenigen, die sich durch die Traditionen der „Kadimah" nicht blenden lassen, sondern ihrem W#::.-:- oif den Grund gehen. Es war endlich die hqqhste Z-eit, mit der heutigen „Kadimah" ein offenes Wort, zu reden. f ^,. Es; ist-ja. wahr. Die Gründung der „Kadimah* war eine epochale Tat und alle diejenigen, die dabei waren, gehören in das goldene Blatt der jüdischen Geschichte. Aber kleinliche Epigonen haben diese nationale Säule untergraben. Die Phrase vom Muskeljudentum, welche von Schwätzern im Bierschwefel aufgetischt wird, ist nichts andeies als ein Bekenntnis geistiger Hohlheit. Die Zukunft des jüdischen Volkes liegt nicht in der Faust oder im Säbel. Damit kann man höchstens den Herren von der Seitenstettengasse imponieren oder zum Helden der Jours-fixes werden; das jüdische Volk braucht aber nicht Fäuste, sondern Köpfe, Agitatoren, die sprechen und auch — denken. Diese Männer werden in der „Kadimah" nicht erzogen. Das beweist schon ein Umstand: die Herren von der »Kadimah" beleidigen in empfindlicher Weise die religiösen Gefühle der jüdischen Bevölkerung. Der einzelne Kadimahner mag über Religion und Sabbath denken wie er will, die „Kadimah" als jüdisch-nationale 'Korporation darf nicht offiziell den Sabbath entweihen. Das ist aber geschehen, indem die „Kadimah" mit Rücksicht auf ihre Feier korporativ am letzten Samstag vor der Universität aufgefahren ist. Hat es unter den alten Herren der „Kadimah" Niemanden gegeben, der die Vereinsmitglieder auf diese Ungehörigkeit aufmerksam gemacht hätte? Wird nicht durch einen solchem Chilel häschern den Gegnern der jüd/sch-nationalen Bewegung in die Hände gearbeitet? Ich will alle Gedanken, die auf mich hereinstürmen, wenn ich mir dieses Führermaterial für die nationale Bewegung der österreichischen Juden ansehe, lieber unterdrücken. Denn ich hätte noch viel, sehr viel am Herzen. . . . Gin Fürsorgeverein für jüdische Sträflinge. In England, wo einerseits die modernen Ideen des Strafvollzuges ihren Ausgang genommen haben, anderseits der Wohltätigkeitssinn unter den reichen Juden — wenigstens bisher — am besten ausgeprägt war, finden wir zum erstenmal einen Fürsorgeverein für jüdische Sträflinge. WTährend in allen anderen Staaten bezüglich der Sträflinge eine solche Unterscheidung, zum Nachte i 1 e der Juden, nicht unternommen wurde, haben die jüdischen Philantropen in England rechtzeitig begriffen, dass die allgemeinen Fürsorgevereine, beim besten Willen, dem entlassenen jüdischen Sträfling nicht in dem Masse helfen können, wie dem christlichen. Es steht ja heute gewiss allgemein fest, dass dem entlassenen Sträfling mit der Geldunterstützung allein nicht gedient ist; er braucht Arbeit, Beschäftigung. Ein jüdischer Sträfling wird beim christlichen Unternehmer nie Arbeit finden, weil hier ja selbst der unbescholtene jüdische Arbeiter ausgeschaltet wird; der vorbestrafte jüdische Arbeiter ist daher ebenso wie der unbescholtene ausschliesslich auf den jüdischen Arbeitgeber angewiesen. Nach dieser Richtung haben jedoch die Fürsorgevereine noch keine Initiative entwickelt. Dieselben stehen mit den jüdischen Korporationen in gar k^ner Verbindung, sie haben in ihrem Vorstande gar keine offizielle jüdische Persönlichkeit. Wäre beides der Fall, dann könnte der Fürsorgeverein

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