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Neue Nationalzeitung · 1908-01-31 · Heft 5 (31.1.1908) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NQUE fWDONÄL-ZEICUNG JÜDl^RPOUCISCRS WOCRSNSCRWFC R£R«USGgB2K: ür5.^LNNÜ8U:: X. JAHRGANG. WIEN, 31. JÄNNER 1908. Nr. 5. Reiseein drücl<e aus Galizien. Von Raben Brainin (Berlin). I. Ein deutscher Gelehrter, der in England ansässig ist, erzählte einmal folgendes: „Drei Wochen nach meiner Ankunft in England wurde ich ersucht, ein Buch über England zu schreiben. Drei Monate später erschien mir das Unternehmen schon bedenklich. Nach drei Jahren kam ich zur Einsicht, dass diese Arbeit unmöglich fei". Ich habe mich während dieser Wintersaison in Galizien aufgehalten; ich habe kaum zehn Städte besucht. Und doch wage ich es, eine Reihe von Artikeln über Galizien zu schreiben, und zwar über die Juden in Galizien. Ich möchte da einiges vorausschicken. Ich habe nicht die Absicht, eine gründliche Studie über Galizien zu veröffentlichen. Man kann ja sehr oft über ein Land, ein Volk, gründliche Studien veröffentlichen, Tatsachen, Quellen, statistische Daten zusamnienhäufen, und doch garnichts neues, wesentliches, charakteristisches, garnichts lebendiges entdecken. Ich war in Wirklichkeit nur sechs Wochen in Galizien. Aber wenn man als Bruder zu seinem Volke kommt, mit dem man in seelischer Verbindung und in ununterbrochenen geistigen Beziehungen steht, dann sieht man mehr in sechs Wochen als ein trockener fremder Forscher in einer Reihe von Jahren. Ich entschliesse mich, meine folgenden Artikel nur als Impressionist zu schreiben: Einzelne Eindrücke, Randglossen, Beobachtungen, Momentbilder, Betrachtungen, Gespräche und Schilderungen von Personen, Bewegungen etc. * Meine ersten allgemeinen Eindrücke in Galizien waren: Im geistigen, sowie im materiellen Leben fehlen grosse Dimensionen. Karge Raumverhältnisse herrschen überall. Doch ist für das psychologisch geschulte Auge eine gewisse Spannkraft, die Ausdehnungstendenz bemerkbar. Wenn man vom rührigen Deutschland nach Galizien kommt, kann man im ersten Momente glauben, das hier alles schläft. Doch bei näherer Beobachtung sieht man alle Zeichen des baldigen Erwachens. Das Tempo des Lebens in Galizien ist im allgemeinen ein langsames und schleichendes; der ernste Beobachter spürt aber die Anzeichen eines inneren, unruhigen, nervösen, fieberhaften, politischen Denkens und Fühlens. Ich will nicht übertreiben und sagen, dass Galizien ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist; es enthält aber mehr politische, soziale und wirtschaftliche Möglichkeiten, als viele Inländer und Ausländer es glauben. Ueberhaupt herrschen in der europäischen Welt viele falsche und irrtümliche Anschauungen und Ansichten über Galizien. Die galizische jüdische Bevölkerung, sowie ihr geistiges, moralisches Leben, wird von der Aussenwelt stark unterschätzt, entstellt und karrikiert. Fast alle europäischen Juden beurteilen ihre galizischen Brüder nach den Erzälungen „Halbasien• von Karl Emil Franzos, nach den Novellen von Nathan Samuely und den anderen Belletristen der älteren Generationen, während in der gallzischjüdischen Welt in den letzten 20 Jahren neues Leben, neue Bestrebungen, neue Ideale und eine moderne, jüdischnationale Jugend entstanden ist. Das neue jüdisch-nationale Leben in Galizien enthält in sich gesunde Zukunftskeime. Leider hat es noch keinen eigenen Dichter, Schilderer und Maler gefunden, denn nur diese sind es, welche ihr Volk der Aussenwelt entdecken. Aber auch das habe ich herausgefunden, dass in der jüdischen Ju-

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