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Neue Nationalzeitung · 1908-01-24 · Heft 4 (24.1.1908) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 4 .Neue National-Zeitung" Seite 11 f $«ill$£0it. W. DALECKA. In der Schneiderwerkstatt (Oeutsch von S. Horowitz.) 2. Fortsei zung.) Die Augen der Apothekerin blinzelten anfangs mit Befriedigung, bald unterdrückte sie diese Empfindung, nahm das Kleid aus Chaims Händen und begann es gründlich zu besichtigen, jede Naht, jede Falte einer scharfen Kritik unterziehend. — Es ist eine Pfuscherei und basta, — schloss sie, nachdem sie ihren ganzen Vorrat an Entrüstungsworten erschöpft hatte, und das Kleid mit sich nehmend, ging sie ins Zimmer. Chaim, sehr bekümmert, schlich ihr auf den Zehen nach. Es ist ein unheimliches Ding, seine Hoffnungen enttäuscht zu sehen; umso peinlicher, wenn sie auf einer mühseligen, langen, eifrigen Arleit beruhten. Er harrte mit Unruhe auf's Resultat des Anprobierens. Leider aber fand die Apothekerin soviel Ungenauigkeiten, solche Verstösse gegen jegliche Symetrie, dass von einer Annahme der Arbeit keine Rede sein konnte. Es verstrich eine geschlagene Stunde, ehe man unter gemeinschaftli her Beratung beschloss, was und wie zu ändern sei. Beim Zurückgeben schärfte sie ihm ein — nur ja morgen früh abzuliefern. Er nahm die Arbeit um fortzugehen, versprechend, morgen pünktlich zu sein, als jäh die laute Frage erscholl: — Und übriggebliebene Stücke? — Das bezog sich auf jene Stoffreste, die die Frau genommen, die für die kleine Riwke dienen sollten. Aber konnte er ihr das sagen? — Nu, was für Stücke, ich glaube, dass keine da sind — erwiderte er befangen. — Soviel Ellen Stoff! Agata, Agata, hörst Du? Er hat mir keine Stoffabfälle mitgebracht! Das ist ja der reine Schwindel! Du Hallunke, Du Dieb! Glaubst Du etwa, ich werde mich so betrügen lassen! Und so ging es in einer Tour. Auf Chaim ergoss sich eine ganze Flut solcher Scheltworte, dass ihm ganz peinlich zu Mute wurde. — Lauf nach Haus, nimm von der Mutter die paar Fetzen — flüsterte er halblaut zum Sohn. — Sie wird sie nicht zurückgeben, — erwiderte dieser gleichfalls leise, aber so überzeugend, dass Chaim sofort sein Vorhaben aulgab. Was sollte er also thun? Lügen konnte er nicht und so versprach er zuhause zu suchen und das Vorgefundene morgen zusammen mit dem Kleid zu bringen, Der nebenstehende Leiserek war ein stummer Zeuge dieser Szene. Scheinbar hörte er apathisch zu, aber in seinem Innern war er empört, dass man seinen so wahrheitsliebenden, so mühevoll arbeitenden Vater zum Diebe stempelt. Endlich waren sie im Freien. Täte — fragte der Junge — werden wir heute nähen? — Nein, Du lege dich schlafen, ich werde allein ändern? — Du wirst nicht fertig werden und jene wird wiederum schimpfen. Hat sie nichts gegeben? — Wer gibt, wenn die Arbeit nicht fertig? Du könntest einen ganzen Monat daran arbeiten, wenn ein Nadelstich fehlt, kriegt man nichts. — Und ist viel zum Umarbeiten? — Es scheint wenig, wie es aber zum Auftrennen und Wiederzunähen kommt, ist es viel. — Wir werden doch noch heute nähen, — sagte Leiserek leise, mehr zu sich selbst. Dann überkam ihn offenbar irgend eine Ungewissheit, denn mit einer gewissen Unruhe fragte er wiederum? . — Und hast Du Geld? Chaim war schon daran gewöhnt, dass der Sohn mit ihm alle Lebenssorgen teilte. — Es waren heute zwanzig Groschen; die Mutter hat heute auf Milch vier, auf Kartoffel sechs, auf Holz fünf und aut Salz zwei Groschen genommen und für den Rest hat sie Seife gekauft — entgegnete er wie singend in einem Atem, während Leiserek in Gedanken die Rechnung machte. — Wir werden heute noch nähen, — sagte er lauter und ganz eitschieden. Er beschleunigte die Schritte, schaute diesmal nicht zu den Sternen empor und aus dem unruhigen Glanz seiner Augen konnte man erraten, dass nicht in Träumen, sondern die despotische Hand der Wirklichkeit seine ermattende Seele zum Leben erwecke. Zu Haus schliefen alle schon, sie wären vielleicht gar nicht erwacht, wenn nicht der jähe Luftwechsel in Leisereks kranker Brust einen heftigen Hustenanfall hervorgerufen hätte. Bei diesem Schall richtete Malkes Haupt sich aus dem Hintergrund der hohen Kissen auf, und ihre Augen blieben auf dem vor Anstrengung rot gewordenen Gesicht des Sohnes haften. — Geh1 gleich schlafen i — sofort schlafen gehen, — schrie sie mit dem bei ihr üblichen Ungestüm. Und im selben Moment wandte sie sich ebenso heftig an den Mann. Der Anblick des zurückgebrachten Bündels sagte ihr alles. Chaim suchte schreiend Petroleum, um das erloschene Lämpchen zu füllen. Nachdem er es angezündet, stellte er es auf den Tisch und wandte sich Leiser zu, der in den Kleidern, so wie er gekommen war, auf einen Stuhl glitt, und noch immer des Hustens nicht Herr werden konnte. Einige Sekunden betrachtete er den Sohn forschend, dann schöpfte er etwas Wasser aus dem Eimer und brachte es ihm. Die brennenden Lippen des Jungen saugten gierig in einem Atem den Trunk bis auf den letzten Tropfen. Nachdem er damit fertig war, erhob er zum Vater seine noch blutunterlaufenen Augen. Chaim legte die Hand auf den Kopf des Sohnes uud blickte ihm in das vom letzten Husten noch zuckende Gesicht. Dieser Blick war kurz, aber tief — wie der Schmerz eines geborstenen Herzens. In seinem düstern Feuer prägte sich der ganze Schmerz des väterlichen Herzens aus, der sich in einem Aufschrei: mein Kind! konzentriert. Die traurigen

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