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Neue Nationalzeitung · 1908-01-24 · Heft 4 (24.1.1908) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 »Neue National-Zeitung" Nr. 4 Augen des Jungen schienen diesen stummen Ruf zu verstehen; er nahm die Hand des Vaters von seinem Kopf und drückte sie an die Lippen. — Geh' schlafen — sagte der Vater. — Und die Arbeit? — Ich werde sie selbst fertigmachen. — Allein wirst Du sie nicht fertigmachen; ich will nicht, dass Du sie allein fertig machst. — Geh', mein Kind, Du wirst noch mehr husten, — Und Geld für morgen? Bei diesem magischen Wort erbebte Chaims Gesicht, als zuckte über alle seine Muskeln ein elektrischer Strom. Er riss den Blick vom Gesicht des Sohnes los -und Hess ihn unwillkürlich auf die an verschiedenen Stellen schlafenden Familienmitglieder schweifen. Er betrachtete sie eine geraume Weile und irgend eine dunkle Wolke verdüsterte seine Stirn, sein ganzes Gesicht mit einem düstern Schatten überziehend. Tausende Runzeln krochen jetzt wie aus einem Versteck hervor und verbreiteten sich netzartig über sein Gesicht. Eine Zeitlang ward er so unentschlossen, und das halbgraue Haupt sank immer tiefer auf die Brust. Ja, das Geld ist ein magisches Wort, was würde ein Jude dafür nicht opfern! Bald darauf sassen beide, Vater und Sohn, auf ihren gewöhnlichen Plätzen. Das Lämpchen rauchte und surrte monoton und der kranken Brust des Jungen entrang sich ein rasselnder, kurzer unterbrochener Atem. Die Sterne begannen schon im ersten Morgengrauen des Februartages zu erblassen. Die Arbeit ging dem Ende entgegen, noch einige Stunden gemeinsamer Arbeit und alles wird fertig sein. Aber Leiser legt den nicht fertiggenähten Saum auf den Tisch, zieht den Fingerhut ab und legt die Nadel nieder. — Vater, ich werde schlafen gehen, — sagte er mit solch leiser und heiserer Stimme, dass es eher das Rasseln einer vom Winde bewegten Weidenrute zu sein scheint. Er erhob sieh, stützte sich mit den beiden dünnen, langen Armen auf den Tisch, stand so eine Zeitlang, als sammle er Kräfte, dann schlich er langsam, schwankend nach dem Zwischenräume zwischen Wand und Ofen. Erst jetzt blickte Chaim empor und seine weitgeöffheten von der Arbeit geröteten, tränenden, traurigen Augen folgten dem Sohn. Er schien in diesem Blick zu erstarren, so blieb seine mit dem Faden ausgestreckte Hand in der Luft schweben, so erstarrte er ganz mit gesenktem Haupte und halboffenem Mund. Eine Weile fing er das vom Ofenraum herdringende Geräusch mit dem Ohr auf; er hörte, wie der Sohn die Kleider ablegte, wie er sich hinlegte, einigemal hustete, schliesslich leise stöhnte — und alles verstummte. Ein schwerer Seufzer schwellte Chaims Brust, er bewegte sich einigemale pende.'artig nach rechts und links und in einem gedehnten hingehauchten Seufzer entrang sich ihm.: Gott, Gott! ... Dann beugte er sich wieder über die Arbeit und begann mit noch grösserer Eile zu nähen. Um neun Uhr war das prächtige Besuchskleid der Apothekerin schon fertig. Bald darauf wurde es eingewickelt und Chaim machte sich damit, da er Leiser nicht wecken .vollte, auf den Weg. Eine klare Wintersonne strahlte. Es war ein tüchtiger Frost, aber im Luftraum war alles so sauber und ungetrübt, dass die ganze Welt lustig zu lachen schien. Die Passanten schoben zwar die Hände in die Aermel, um nicht zu frieren, trotzdem war allein leicht und frisch zumut, dass das ganze Städtchen schneller und heiterer sich zu bewegen schien. Chaim trat auch gut gelaunt den Heimweg an. Er hatte nicht vergebens die ganze Nacht gearbeitet; die Apothekerin war schliesslich zufrieden und von Chaims diesmaliger Pünktlichkeit so erfreut, dass sie der Stoffabfäile nicht einmal erwähnte. Die Hauptsache aber: er trug Geld in der Tasche, das ihn eine ganze Woche vielleicht ernähren konnte und ausserdem hatte man ihm eine neue und schnelle Arbeit versprochen. Er war also frohgemut und fühlte das Bedürfnis, diese seine Freude auf irgend eine Weise zu äussern. Sich seiner WTohnung nähernd, trat er in eine Greislerei ein und kaufte für volle zehn Groschen Bretzel für die Kinder. Sie tragend, lächelte er bei dem Gedanken, wie die kleine Riwke nach diesen Leckerbissen die Hand ausstrecken wird. Diese Riwke ist wie sein Auge im Kopfe, die Süsse seines Lebens. Wenn Leiser sein Gehilfe, sein Berater und Freund ist, so ist diese Kleine seine Belohnung für iegliche Müh'. Noch heute wird er ihr das Kleidchen aus den Stoflabfällen aufnähen, — oh, wie schön wird sie darin sein. — Mit heiterem Gesicht und Gedanken voll Elternfreude trat er ins Tor seines Hofraumes, der heute dank dem Froste sauber und glänzend erschien. Als er aber das baufällige Häuschen betrat, in dessen Souterrain er seine Wohnstätte hatte, drang an sein Ohr irgend ein ungewöhnliches Geräusch. Malkes lautes Jammern Hess sich vernehmen. Den Schritt beschleunigend und ein wenig erblassend, erreichte er die Tür seiner Wohnung. Der ganze Lärm wandte sich ihm zu. Anfangs konnte er nichts begreifen, Malke schrie weinend und fluchend und die Kinder begleiteten sie. Chaim blickte um sich und eine schreckliche Vermutung durchzuckte jäh wie ein Blitz sein Hirn. — Leiser — ächzte er und stürzte zum Ofenwinkel. Im Halbdunkel lag dort sein Erstgeborener wie gestern; er hatte nicht einmal die Lage verändert. Der lange, ausgestreckte Körper ruhte wie eine gemähte Aehre ohnmächtig auf einem Haufen Lumpen; der Kopf, voll schwarzer Punkte, war tief in das schmutzige Kissen gesunken — und die bleichen Züge verschwanden inmitten des Haares und des Polsters. (Fortsetzung folgt.) Eingesendet.

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