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Neue Nationalzeitung · 1908-01-24 · Heft 4 (24.1.1908) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 4 Widerhall gefunden. Ein Strom der Erleichterung ergiesst sich über alle europäischen Märkte und über alle jene Wirtschaftskreise, deren Gedeihen mit der Zinsfussgestaltung Hand in Hand geht. Die Notenbanken legen den schweren Panzer ab und Trompetenschall erklingt zur allgemeinen Abrüstung. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Kreditbedarf wurde beengt und ein neues auf gesunder Basis beruhendes Wirtschaftsleben kann wieder beginnen. Handel und Industrie sind aber eng verknüpft mit der Bankwelt und obwohl uns rioch mehrere Wochen von der Veröffentlichung der Jahresbilanzen der einzelnen Institute trennen, kann man sich doch schon jetzt über die Ergebnisse und Dividerdenaussichten ein fast sicheres Urteil bilden. Dank dem erhöhten Zinsenkonto werden fast alle Institute die gleiche Dividende zu verteilen in der Lage sein, wie im Vorjahre. Speziell die Bodenkreditanstalt, welche eine immer grössere Rolle unter den Banken spielt, kann auf ein glänzendes Jahr zurücksehen. Sie dürfte von der Diskonterhöhung den grössten Nutzen haben, da sie das meiste mobile Kapital besitzt und daher, so weit es eben nur möglich war, die Konjunktur voll und ganz auszunützen in die Lage kam. Aber auch die österreichische Kreditanstalt kann unter den gegebenen Umständen mit dem Ergebnisse des letzten Jahres wohl zufrieden sein. In der Warenbranche hatte sie zwar irrfolge mehrerer Insolvenzen im Exportfache, sowie wegen des rapiden Preisfalles von Rohöl ziemlich bedeutende Verluste erlitten, jedoch das Zinsen- und Provisionskonto werden ein starkes Plus ergeben. Was die Dividenden-Bemessung betrifft, herrschen in massgebenden Kreisen noch geteilte Ansichten vor und schwankt dieselbe zwischen K 28 — bis K 30-—. Jedoch dürfte die Verwaltung bei der alten Dividende von K 30— bleiben, da im Gegenfalle an der Wiener Börse nicht nur mit einem Kurssturz der österreichischen Kreditaktien selbst, sondern mit einer Verflauung des Gesamtmarl^tes zu rechnen sein müsste.; Dagegen wird die Länderbank infolge der Verluste ihrer Londoner Filiale eine Dividende von nur 4 Prozent gegen 6i/2 Prozent zur Ausschüttung bringen können. Von diesem Institute, welches mit der Wiener Rathauspartei in enger Fühlung steht, und dessen Direktor überdies ein Intimus des Herrn von Wien sein soll, ist im letzten Jahre öfter, als ihm wohl lieb gewesen sein mag", gesprochen worden. Damit es an Abwechslung nicht fehle, werden einmal hier und ein andermal dort, grosse Unregelmässigkeiten aufgedeckt, und den guten Herrn Aktionären bleibt eben nichts anderes übrig, als mit einer schmalen Dividende vorlieb zu nehmen und wieder bessere Zeiten abzuwarten. So repräsentiert sich uns derzeit unsere Finanz- und Industriewelt. Doch bevor ich für heute scbliesse, will ich noch dem Bürgermeister von Wien einen Besuch abstatten, der eine neue Anleihe von nur 360 Millionen Kronen aufzunehmen im Begriffe steht. Der Gemeinderat, sowie auch der Landtag, welch beide Körperschaften zum grössten Teile aus Mitgliedern der hier herrschenden Partei bestehen, haben dieselbe bereits genehmigt und die Länderbank in Verbindung mit der Deutschen Bank in Berlin, dürfte diese jetzt wohl auch wieder emittieren. Und wie die Herren von Wien eben Glück haben, beginnt der Zinsfuss zu fallen, das Geld strömt zu, und die neuesten Lueger-Aktien werden reissenden Absatz finden. J. GROBTUCH. 6ine jüdische Gemeinde« Sparkasse in Wien. In der am 22. Dezember 1907 stattgefundenen Vorstandssitzung der Wiener israelitischen Kultusgemeinde hat der Budget - Referent, Herr Max Frank, die Anregung zur Gründung einer jüdischen Gemeinde - Sparkasse gegeben. Herr Frank selbst scheint aber zu ahnen, dass seine Idee kaum auf fruchtbaren Boden fällt, denn er würde sonst nicht seine Kollegen im Vorstande ob der Neuartigkeit seiner Anregung um Entschuldigung gebeten haben. Die Gründung einer jüdischen Gemeinde- Sparkasse in einer Stadt, die 170.000 jüdische Seelen zählt, wo der Einfluss des jüdischen Kapitals, sowie der jüdischen Finanzmänner ein sehr bedeutender ist, und wo mindestens 15.000 Juden vorhanden sind, denen es leicht möglich ist, jährlich eine grössere Summe Geldes zu ersparen, kann unbedingt auf Erfolg rechnen. Die jüdischen Gemeinden der Monarchie, deren Mitglieder ihre Ersparnisse, in Böhmen und Mähren zum Teile in deutschen und zum Teile in tschechischen antisemisti sehen Sparkassen (wie die Zentralbank der deutschen Sparkassen und die UstFedni banka ceskych spofitelen, die Juden prinzipiell nicht anstellen, aber ihr Geld gerne annehmen) und in Galizien in verschiedenen städtischen Sparkassen, die ebenfalls Erziehungsstätten für den Antisemitismus sind, anlegen, würden gerne ihre Gelder einer Wiener jüdischen Sparkasse zur Verfügung stellen. Denn es ist eine alte Tatsache, dass die luden der Provinz zu den Einrichtungen der Wiener Judenschaft viel Vertrauen haben. Die Möglichkeit zur Gründung einer jüdischen Gemeinde-Sparkasse ist in reichem Masse vorhanden. Es müssten jedoch diejenigen Herren im Vorstande, die in der Finanz- und Industriewelt einen guten Namen haben —solche gibt es ziemlich viele— nicht nur blos den Aufruf zur Gründung einer Sparkasse unterschreiben, sondern sich an die Spitze des Verwaltungsrates stellen und ihre guten Dienste, die sie so gerne anderen Geldinstituten leisten, auch diesem rein jüdischen Institute zur Verfügung stellen. Wie sehr mir der Name „WTiener jüdiscl.e Gemeinde-Sparkasse" erwünscht wäre, möchte ich aber dennoch davon dringendst abraten, diesen Namen zu wählen, da ich leider viel zu gut weiss, wie ungerne unsere Bänken und sonstige öffentlichen Aemter, auf deren Verbindung das Institut ja angewiesen sein müsste, mit einem Institute solchen Namens arbeiten würden. Es kommt doch nicht auf den Namen, sondern auf den Zweck an, und dass der Zweck ein jüdischer sein soll, dafür können die Statuten hinreichende Garantien bieten. Herr Frank sagte, wir können die Sparkasse in unseren Gemeinde-Bureaux errichten und von unseren Gemeindebeamten leiten lassen. Bei aller Hochachtung, die ich für die Herren Beamten der Wiener Kultusgemeinde habe, — sie versehen die-

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