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Neue Nationalzeitung · 1908-01-24 · Heft 4 (24.1.1908) · p. Seite 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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»Neue Natlonal-Zeitung* ^&t*w Nr;4~ dient die Veröffentlichung dem guten Werke, reinen Tisch zu machen. Für Zweifler ist kein Platz . . . Will man aber erkennen, von welcher Bedeutung die Aüstrittsliste ist, so genügt es, dies an einigen Ziffern zu illustrieren. Im Jahre 1902 betrug die Zähl der ausgetretenen 658*; 1903 waren es nur mehr 639- Die Ziffer fällt stetig, erreicht wieder im Jahre 1906 die Summe von 658; das vergangene Jahr schliesst aber mit 602. Von Jahr zu Jahr haben sich seit 1902 die Austritte mit einer Ausnahme ver- -ringert. Man sieht also: mit der „Suggestion" ist es nicht weit her. Und diejenigen jüdischen Blätter, die die Veröffentlichung der Austritte mit dieser fadenscheinigen Begründung ablehnen, machen aus der Not ihrer Abhängigkeit vom offiziellen Judentum >ane Tugend ihrer Person. Dem Erscheinen der monatlichen Austrittsliste in unserem Blatte^ wird stets in der Bevölkerung mit Spannung entgegengesehen. An dem Tage, da sie Erscheint, wird uns der Mangel von mindestens drei .Telefons und noch drei Redakteuren so recht fühlbar. Den ganzen Tag läutet es und wir müssen Auskunft geben, ob es „tatsächlich wahr", dass N. N. aus dem Judentum ausgetreten. Es ist leider immer Tatsache. Jüngst schrie einer in goldener Unwissenheit durchs Telefon: „Pardon, was bedeutet das — Liste der Ausgetretenen?" . . . Als ihm die Auskunft zuteil geworden, kam es zaghaft zurück: „Ah, ich danke! . . . Ich habe da nämlich den Namen meines Bruders gefunden!" ... So erfährt einer oft erst auf diese Art, in welcher Familie er zuhause ist. ' " Es kommt auch vor, dass die Wirkung der Veröffentlichung eine elementare ist. Da hatten wir 'jüngst den Austritt eines Advokaturskandidaten gemeldet Dieser Herr hatte seine politischen Flegeljajhre im Zionismus verlebt und war dazumal ein Gesinnungspapst ärgsten Kalibers. Ehe sich der Zionismus des harten Schlages versah, war der Mann Sozialdemokrat geworden und trug seine Ueberzeugung so offen zur Schau, wie ein alter Veteraner seine Medaille. Ich kenne ihn persönlich, sein Austritt korinte mich nicht überraschen. Es war am Freitag. Da ruft mich ein schreckliches Läuten zum Telefon. Herr Dr. N. N. gibt seiner Entrüstung über die Veröffentlichung seines Namens Ausdruck, und es entspinnt sich folgender Dialog. " Dr. N. N.: „Es ist ungesetzlich, die Namen zu veröffentlichen. Religion ist Privatsache ... Ich bin ^Sozialdemokrat ..." Ich: „Aber wir haben ja nichts dagegen! Lassen;Sie sich nicht stören! ..." Dr. N. N.: (Schrecklich erregt:) „Nein, ich lasse Irnich auch nicht stören! Ich — ich gehe zum ..." Man wird glauben zum — Teufel. Weit gefehlt! Der Herr droht uns einfach, dass er bis zum Ver- 'faähungsgerichtshof gehe, um feststellen zu lassen, dass die Veröffentlichung von Austritten ungesetzlich ist. Denke sich einer unseren Schrecken! . . . Wir verbringen schlaflose Nächte, beherrscht von dem furchtbaren Gedanken, der Herr könnte am * Wir folgen hier den von uns selbst im Matrikelamte j^machten_ Aofsteilnngen, von denen die \ngaben des statistilFct»«i Jahrbuches der Stadt Wien mannigfaltig abweichen. So 'J&ispieisvretse das J ihr buch die Zihl der im Jahre tf05 miifsirete&eii (S. 382) mit 677 an; der letzt6 Verwaltaogsbericht derJtttHWgemeinde beziffert sie mit «07. (Anm. d. Red.) Ende bis zum Verwaltungsgerichtshof —« nicht gehen. Aber wir hoffen, er wird sich's nicht überlegen! . \ Noch ein Fall. In der Liste vom Dezember brachten wir den Austritt eines Herrn O. Er entstammt einer gutjüdischen Familie, ist vaterlos und Mutter und Geschwister erfuhren durch unsere Liste von seinem Austritte. Als er die Kränkung sah, die er da angerichtet, suchte er selbst den Weg zur Umkehr. Und er hat auch bereits seinen Rücktritt angezeigt . . . Eine Unzahl von Fällen Hessen sich anführen, die alle beweisen würden, dass der Wert der Aüstrittsliste kein illusorischer ist. Man kann an ihr nicht vorüber gehen, denn auch sie offenbart mehr als manches Buch über die „Judenfrage% das Wesen des Wiener Judentums. Und wenn wir konstatieren können, dass die Austritte gegen das Vorjahr um 52 zurückgegangen sind, so erfüllt uns die Genugtung, 'wesentlich dazu beigetragen zu haben, dass sich die Zahl der Ausgetretenen verringere. Wenn wir die Ursachen erforschen wollen, die ein Verringern der Zahl herbeiführten, dann wäre es unserseits falsche Bescheidenheit, zu übergehen, dass die regelmässigen Veröffentlichungen in unserem Blatte beigetragen haben, dies zu bewirken. Wir haben wiederholt auf das Markante manches Austrittsfalles hingewiesen, oft die Umstände kritisch beleuchtet. Um 52 weniger! . . . Wir sehen in dieser trockenen Zahl einen Erfolg. Es genügt nicht, bloss die Aktivposten des Judentums aufzuzählen. Wir leiden an einer krankhaften Passivität und ein Organ, das vorgibt, den Interessen des Judentums zu dienen, muss auch darauf hinweisen. Es geht nicht an, unentwegt von dem Gewinn des Judentums zu sprechen; auch seine Verluste müssen gewissenhaft registriert werden. Die Verluste auszugleichen, das Defizit im Volkstum zu beheben, ist eine wichtige Aufgabe! . . . Wir werden sie erfüllen nach wie vor, trotz „suggestiver Wirkung"; wir werden uns durch nichts abhalten lassen, nicht einmal durch die Drohung mit dem — Verwaltungsgerichtshof! ... m. sch. Sprechsaal. Ein jüdisches Begräbnis -— im Zeichen des Kreuzes. Sehr geehrter Herr Redakteurl Die religiösen Einrichtungen der Wiener Kultusgemeinde zeichnen sich seit jeher durch recht aparte Dinge aus. Gestatten Sie mir nun, Ihnen von einem Vorfall zu melden, der nicht nur empörend, sondern auch tragikomisch wirken wird: Bei dem Begräbnisse des jüngstverstorbenen Grosshändlers A. G. benötigte man zur Aufstapelung der vielen Blumenspenden e'nen grösseren Leichenwagen. Sei es nun, dass die Familie des Verblichenen sich an eine Leichenbestaltungs- Gesellschaft wandte, sei es, dass die Gemeinde den Wagen sich anderwärts entlieh, Tatsache ist, dass der Wagen mit einem Kreuze versehen war, welches man „zur Wahrung des konfessionellen Charakters" geschickt verhüllte. Aber nicht derart geschickt, als dass nicht einige der Anwesenden das schmucke Kreuz über dem Sarge ein«s Juden -erkannt hätten. Sie werden mir gewiss beipflichten,

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