Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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.Seite 2 »Neue National-Zeitung" Nr. 4 Nachdem ich die Formalitäten der Inskription hinter mir hatte, erhielt ich bald den gewünschten Anschluss. Jener Verein, dessen Name mich so magnetisiert hatte, weil er bis in unseren stillen Ort wie die Sturmglocke des auferstandenen [udenvolkes seine mächtigen Klänge erschallen Hess, nahm mich in seine Mitte auf. Ich wurde Hospitant. Mit einer Scheu und Beklemmung betrat ich diese Räume, in denen das Rad der jüdischen Geschichte seinen neuen Kreislauf begann. Ich glaubte vor einer neuen Lebensepoche zu stehen. Nun sollte ich endlich wirken, arbeiten, kämpfen. Hier hoffte ich meine Lehrer und Meister zu finden, die meine Tatkraft in die richtige Bahn lenken und meine Begeisterung nach dem wahren Ziele steuern würden. Mit dem gesamten Rüstzeug für den Kampf ums Dasein als Mensch und Jude wollte ich mich hier umgürten, mit der Macht des Wissens, Unbeugsamkeit des Charakters und einer Opferwilligkeit bis zur Selbstentäusserung. So wollte es ja der Gründer. Die Führer des Volkes sollten hier erzogen werden, Individualitäten, Priester des nationalen Geistes. Ich bin ein Träumer. Hier habe ich es wieder erfahren. Meine Anforderungen sind zu gross; kein Wunder, wenn ich bald enttäuscht wurde. Ich fand keinen Verein mehr, sondern eine Verbindung. Ich hörte nichts von jüdischer Wissenschaft und ich empfand keinen Hauch jüdischen Geistes. Dafür hörte ich Säbelgerassel, und ich sah den Kultus leerer Formeln. Die Kraft der Muskeln wurde gestählt und die Faust zum Sinnbild des wiedererwachten jüdischen Volkes erhoben. Hohle Aeusserlichkeiten der anderen Nationen wurden nachgeahmt, um daraus eine Gleichstellung zu deduzieren. Die Bilanz des Geistes, Herzens und Gemüts wurde ersetzt durch ein Surrogat eingedrillter Phrasen, durch Eigendünkel und Selbstüberhebung. Ich blätterte in den Annalen des Vereines. Ich suchte nach Namen von Mitgliedern, die über die Studentenjahre hinaus noch Idealen nachgingen, die im Vordergründe des jüdischen Volkes stünden, bahnbrechend, wegweisend. Ich fand aus den ersten Jahren des Vereines noch etliche, die im trivialen Alltagsleben nichf untergingen; die Periode des Schlagens hat alles nivelliert. Ich fühlte mich in diesem Milieu fremd. So hatte ich mir die Mission des jüdischen Studenten nicht vorgestellt. Seitdem gehe ich meines eigenen Weges: um meinetwegen, meines Volkes wegen, dem ich dienen will, nicht mit dem Säbel und nicht mit der Faust, sondern mit meinem Wissen und mit dem Einsätze meiner ganzen Person; nicht blos als Student, sondern bis ans Grab. Nun weisst Du alles. Ich habe Dir ein Stück meiner Seele offenbart. Ich bin zwar enttäuscht, aber nicht entmutigt. Ich hoffe, dass sich das national gefärbte Assimilantentum bald auf sich selbst besinnen wird. Dazu beizutragen wird stets meine erste Pflicht sein. Ich stehe allein. Das macht mich frei und stark. Es grüsst Dich Dein Sohn.;vvfi ml 4§ri^ ©a? SftMÜEL HIRSZENBERG: Die Verbannung. (Von der Ausstellung jüdischer Künstler in Berlin.) Ueber S. Hirszenberg selbst, der gegenwärtig als Professor an der Kunstschule »Bezalel« in Jerusalem wirkt, findet sich ein Artikel »Die Uebersiedlung Samuel Hirszenbergs nach Palästina" in der Nr. 34 des Jahrg. 1907.