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Neue Nationalzeitung · 1908-01-24 · Heft 4 (24.1.1908) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NflCKNftL-ZBCUNG JÜDi^POUCISCRg WOCRSNSCRRIFC Drs.R.LANDmu:: X. JAHRGANG. WIEN, 24. JÄNNER 1908. Nr. 4. W Lieber Vater! Du erinnerst Dich noch an jenen Abend, als ich Dich und unsere Familie verlassen habe, um aus der Enge unserer kleinen Stadt heraus nach der Metropole des Reiches zu eilen. Du standest betrübt da und versuchtest noch zum letzten Male, mich zurückzuhalten. Du schildertest mir meine Vereinsamung in dem neuen, ungewohnten Milieu, und daneben die Verlockungen der Grossstadt, die mich vom ernsten Studium ablenken könnten; Du erwähntest die schweren Kämpfe, die meiner harrten, da Du für mich nicht mehr sorgen könntest. In unserer Stadt gab es ja auch eine Universität. Aber Du hast nachgegeben. Du kanntest Deinen Sohn zu gut. Du wusstest, dass es nicht die Vergnügungssucht war, die mich aus der Heimatsstadt hinaustrieb; auch nicht der Wandertrieb oder der Freiheitsrausch des jungen akademischen Bürgers. Unsere Stadt war mir zu enge; ich fühlte mich in ihr auch vereinsamt. Du weisst es, welche schweren Kämpfe ich im Gymnasium durchgefochten hatte, als ich, der einzige unter zehn und noch mehr jüdischen Kollegen, am Samstag nicht schreiben wollte; die Lehrer haben mich chikaniert, meine Mitschüler verhöhnt. Ich bekam eine ärgere Note im Fleisse und unter schweren Entbehrungen hast Du für die Schulgelder aufkommen müssen. Ich führte den Kampf zuerst aus Ueberzeugung, dann — heute kann ich es Dir gestehen — aus Trotz. Den Mut und die Kraft schöpfte ich aus meinem nationalen Bewusstsein. Die Assimilation war mir ein Greuel; das Verleugnen der jüdischen Nationalität erschien mir schimpflich. Auch damit blieb ich isoliert. Meine Schulkollegen wollten von einer jüdischen Nationalität, von jüdischen Helden Kadimah". und Märtyrern, von der Maccabäer-Feier und dem neunten Ab nichts wissen; sie haben im Elternhause auch nichts davon gehört. Sie schämten sich ihres Judentums und wenn die Religionsstunde an die Reihe kam, da haben sie sich über den alten Religionslehrer nur ins Fäustchen gelacht. Wie hatte ich im Stillen Projekte gebaut: Ich wollte einen nationalen Verein gründen mit Diskussions- Abenden und Geschichtsvorträgen, einen Brennpunkt für das nationale Leben in unserer Stadt, wo der unter der Asche des allgemeinen Indifferentismus kaum glimmende Funke zum hellen Feuer entfacht werden sollte. Es blieb bei den Projekten. Ich fand nicht eine einzige gleichgesinnte Seele. Darum musste ich fort aus der kleinen engen Stadt, fort in den Kreis Gleichgesinnter, fort in die Grossstadt, wo das nationale Leben im breiten Strome zu pulsieren begann, wo jüdischer Geist und jüdisches Wissen gepflegt wurden, wo ich an der Arbeit für das jüdische Volkswohl, wenn auch nur als letzter Handlanger, mitwirken konnte. Wiederholt hast Du von mir Rechenschaft verlangt, Du wolltest die geistige Bilanz meines Grosstadtlebens kennen. Mit dem Resultate meiner Studien allein bist Du nicht zufrieden, Du könntest nicht, meinst Du, von jener Höhe herabsteigen, die ich mir selbst gesetzt. Es waren ja nicht die Studien allein, die mich in die Grosstadt geführt, sondern ein tieferes, altruistisches Streben, ein ideelles Sehnen nach Erkenntnis und Betätigung. Ob ich nun im Trubel der Grosstadt noch immer solchen Träumen nachjage, oder ob ich mir in dieser blinden Jagd an der harten Wand der WÜKlichkeit meinen Schädel blutig gesehlagen habe. Du drängst. Höre nun!

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