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Neue Nationalzeitung · 1908-01-17 · Heft 3 (17.1.1908) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 3 (17.1.1908)
Date
1908-01-17
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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„Neue National-Zeitung* Seite 11 einliefen. Abraham Goldfaden. Von R. A. Braudes.*) %Zio nistische Lieder u n d G e d i c h t e v o n Abraham Goldfaden" — ist Goldfaden ein Zionist? Das ist ohne Zweifel die erste Frage, die einem jeden jüdischen Leser beim Anblicke dieses kleinen Bändchens auf den Lippen schweben wird. Denn heutzutage geht es mit ganz anderen Dingen zu als einst . . . Einst — aber was ist nicht einst Alles gewesen! Doch heutzutage, wenn jemand sagen will, dass er ein Zionist sei, so hat das eine ganz andere Bedeutung . . . Vor Allem muss er den Schekel entrichten, den Schekel für allgemeine lu'iüge Zwecke. Dann muss er auf ein „ Programm" schwören und die ganze Reihe der zionistischen „Credos" perfekt auswendig lernen, um sie auch wirklich bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit gehörig herleiern zu können. Und schliesslich . . . Aber genug, genug von dem? heutzutage". Doch, Du hast früher von einst gesprochen... Du meinst also, früher hatten wir Jude n, jetzt aber Zionisten; dass es einst ein jüdisches Herz gab, heute aber einen zionistischen Kopf; dass mau einmal jüdisch gefühlt hat, heute aber denkt man zionistisch ... Da eben sind wir beim springenden Punkt angelangt. Denn das lässt sich auch Alles schön von einem gewöhnlichen Sterblichen, von einem Dutzendmenschen sagen. — Goldfaden ist aber ein Dichter! Goldfaden ist kein gewöhnlicher Geist, er ist ein Dichter, ein Volksdichter im edelsten Sinne des Wortes, und was dem Volke heilig ist, ist ihm teuer. Wie das Volk denkt, er weiss es, wie es in seinem innersten Herzen fühlt, er singt es. Er gibt ihm ja die schönsten Lieder! Er ist ja der Abraham Goldfaden. Interpret der Volksgesinnung, der Dolmetsch der edelsten Gefühle der Nation. Heisse Thränen weint er über das Unglück seines Volkes, und er lacht, wenn er einen Hoffnungsstrahl in dem dunklen Gewölke seines Himmels erblickt. Denn er stammt aus dem Volke, lebt im Volke und schreibt für das Volk. „Zionisten", »Zionismus", das sind neugeschaffene Worte, fabrizierte Begriffe und wie alle fabrizierten Artikel nur oberflächlich gearbeitet, nicht für Sachverständige bestimmt ... In der Tat, für diejenigen, welche schon mit mehr als einem Fusse ausserhalb des Judentums standen oder die sich mit schwarzer Wolkenhülle umgaben *) Im Jahre 189.9 wurden die lyrischen Gedichte G o 1 df a d e n s von dessen Freunden herausgegeben. Der leider inzwischen verstorbene Kuben A. Braudes, einer der geistreichsten Publizisten in der hebräischen und jiddischen Öprache, hat es übernommen, Goldfadens Persönlichkeit in einer Vorrede zu würdigen. Diese Vorrede hat damals wegen ihres Freimute3 viel Aufsahen erregt; sie ist auch heute die beste Charakteristik des soeben verschiedenen Dichters. Sie dürfte in deutscher Uebarsetzung das Interesse unserer Leser finden. (Anm. d. Red.) und ihr Judentum verschleiern wollten, ist der Zionismus ein Rezept; so eine Goldfaden'sche Seele aber bedarf keiner Rezepte. Sein Geist ist gesund genug, sein Herz pocht laut und stürmisch, sein Gefühl übersprudelt — er bedarf keiner zionistischen Rezepte, er braucht keinen neuen Pass mit der Bezeichnung ,Zionist" — er ist es ja von Natur aus, er hat es mit seiner Muttermilch eingesogen, er fühlt es und ist es . .. Sehen wir Goldfadens Gedichte von den Anfängen der Sechzigerjahre, da das Wort „Zionismus'' noch nicht bestanden hat, voll nationaler Empfindung und Wehmuth — und ihr fragt, ob Goldfaden ein Zionist ist? Erinnern wir uns nur an seine Dramen (die ihm zum eigentlichen „Goldfaden" gemacht haben), wie viel jüdisches Herz, wie viel jüdisches Gefühl enthalten sie! Mögen nur die Kritiker deren Fehler vom Standpunkte der Kunst und Technik tadeln, aber das Kine müssen sie zugeben, jüdischnational — meinetwegen zioni tisch — sind sie alle! Nicht nur die echt nationalen Stücke, wie z. B. „Bar Kochba", „Messia's Zeiten", „Juda Makabi" und andere, nein, auch alle anderen Dramen und Lustspiele und Komödien sind jüdisch durch und durch. Seine Lieder und Piecen sind national, zionistisch — und wie hat sie das Volk aufgenommen? Wer singt nicht seine Lieder und Couplets? Seine Melodien sind ja überall zu hören, es pfeift sie der Gassenjunge auf der Strasse und es spielt sie das Fräulein im Salon! Goldfaden ist ein jüdischer Volksdichter — fragt nicht ob er Zionist sei! Gewiss moderne Zionisten denken über die Sache anders; sie verlangen andere Sujets. Aber uns dünkt es geradezu überflüssig, darüber zu schreiben. Leset und verstehet! . . . Braucht es noch Beweise, dass Goldfaden ein jüdischer Nationaldichter sei? Betrachtet nur sein Leben, seine Lage, und ihr werdet sehen, dass er ein j ü d i s h e r Dichter, ein jüdischer Theaterschöpfer, ein jüdischer Verfasser ist . .. Es heisst, dass schon in alten Zeiten die Männer der grossen Synode gebetet haben, dass jüdische Schriftsteller aim bleiben. Ja, arm bleiben! Aber leben muss man doch! Unser Zeitalter ist viel strenger als das jener Männer; in unserem Zeitalter darf der jüdische Schriftsteller nicht einmal Brot haben ... Goldfaden weiss davon ein Liedchen zu singen . . . Die Zionisten sind in anderen Dingen moderne Menschen, aber in dieser Beziehung sind sie streng konservativ und richten sich nach den Männern der grossen Synode. „Zionistische Lieder und Gedichte von Abraham Goldfaden" — das wird nichts Neues auf dem Büchermarkte sein. Die Juden werden es gerne lesen, aber kaufen? Freilich, das ist eine Frage! Der Jude ist auf solche Dinge geizig. Singen hören, mitsingen, lesen — das thut schon der Jude gerne, aber einen jüdischen

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