Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1908)
- Date
- 1908-01-17
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425726--0591-2426885- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 12 „Neue Nafcional-Zeitung" Nr. 3 Dichter unterstützen, für Bücher Geld hergeben — das ist kein jüdischer Brauch . .. Goldfaden! Reichtum wird Dir auch dieses Bändchen Gedichte nicht bringen! Wenn das Theater, das Du geschaffen, Dir Deinen Unterhalt nicht zu sichern vermochte, wenn Dir Deine Lieder, die man überall singt, nichts eingebracht haben — Du must Dich darüber trösten! Das ist das Schicksal eines echt jüdischen Dichters! Möge dieses Bändchen, das den Namen „Zion* auf sich trägt, von grösserem Glücke begleitet sein — die Zionisten haben ja mehr Glück! Das Jüdel. *) Ein Gedicht von A. Goldfaden. Das Jüdel, das Jüdel, Du kennst ihn oder nein? Erweis' ihm Ehre und halt ihn nicht klein. Aus kleinem Stamme kommt er heraus, Und wo Du Dich wendest, da wächst er Dir aus. Suchst ihn im Osten, dort wohnt er lang schon, Und fährst Du gen Westen, Du triffst die Person. Wandle gen Norden, er ist da auf dem Ort, Kommst Du gen Süden, ertappst ihn auch dort. Schiff hinaus auf das Meer Er kommt Dir entgegen Verirr in der Wüste, Er fährt auf den Wegen. Flieg nur in die Höhe, Er flieget nach Dir, Kriech nur in die Tiefe Er ist schon da früh'r. Die Armut als Freundin, Sie steht ihm wohl an, Und gehst Du in den Palast, Er stellt dort seinen Mann. Quäle ihn, nimm ihm die Kräfte heraus, Er lebt durch die Hoffnung Und steht das alles ass. Da meinst Du, Du tötest ihn, Es ist schon vorbei, Er dreht sich herum und ist wieder frei. Du schändest seine Ehre, Sie geht nicht von ihm fort, Du giebst ihm kein Recht, Er kommt doch an seinen Ort. Er macht erar keinen Lärm Kein Gepolter kein Gebraus, Er biegt sich, er beugt sich, Und windet sich heraus. Feste Wehr und Waflen, Haben bei ihm keinen Wert, Sein Panzer ist die Hoffnung, Der Glaube sein Schwert. Wünscht er in der Not, Daß man Hülfe ihm send' Er braucht nur zu Gott erheben die Händ*. Der Glaube spricht ihm zu: Auf das Ende nur harre, Wie Oel schwimmet auf Wasser, So kommt obenauf das Wahre. Du sei in Dir stark, fröhlich, beherzt, Gott wird Dir bezahlen, Was jetzt Dich auch schmerzt. Das Jüdel, das Jüdel, Du kennst ihn oder nein? Erweis' ihm Ehre und halt ihn nicht klein. •ÄiT&RÄTUR- Dr. Theodor Haas: Die Juden in Mähren. Darstellung der Rechtsgeschichte und Statistik unter besonderer Berücksichtigung des 19. Jahrhunderts. (Brünn, 1908.) Die Juden Mährens, die in diesem Kronlande urkundlich seit dem 10. Jahrhunderte wohnen, besitzen noch immer keine umfassende geschichtliche Behandlung. Wir können uns an Gespräche mit dem verstorbenen Geschichtsschreiber, Christian *) Bemerkung der Redaktion: „Das Jüdel." Lemberg 1879. Aus dem Jargon übertragen, woraus sich die Härten in der Sprache erklären. Ritter d'E 1 v e r t erinnern, in denen er diesen Mangel mit Bedauern hervorhob. Er selbst hat in seinen Werken manche Bausteine zu dem grossen Werke einer Geschichte der Juden Mährens beigetragen. Auch Beda Dudik widmet in seinem grossen Werke „Geschichte Mährens" den Juden ein eigenes Kapitel. Wir besitzen einige Gemeindegeschichten und Abhandlungen zur Geschichie der Juden Mährens, die, wenn eine solche zustande kommen sollte, wohl zu benützen sein werden. Die vorliegende Schrift des um die Bearbeitung der Statistik und Rechtsgeschichte der Juden Mährens sehr verdienten Verfassers, will nun nicht so sehr die Vergangenheit des Judentums in unserem Kronlande behandeln, als vielmehr die Gegenwart. Man kann dies schon aus ihrer Einteilung ersehen : 7 Seiten sind der Zeit bis zur Erlassung des Toleranzpatentes (1782) gewidmet Im II. Abschnitte (Seite 10—18) werden die wechselnden Geschicke der Juden Mährens vom Jahre 1782 bis zum Jahre 1848 behandelt, d. i. Von der Erlassung des Toleranzpatentes, bis zur Judenemanzipation. Freilich hätten wir gewünscht, das» das Jahr 1848, infolge seir er Bedeutung für die Juden Mährens (man denke nur an den Kremsierer Reichstag) eine breitere Behandlung gefunden hätte. Aber der Herr Verfasser scheint mehr die Absicht gehabt zu haben, die Gegenwart zu berücksichtigen Und so wendet er sich denn zunächst der Zeit bis zur Dezemberverfassung (1867) zu, und geht dann, mit besondtrer Gründlichkeit, auf das Zeitalter seit der Dezemberverfassung bis auf unsere Tage ein. Statistische Tabellen und eine Handkaite beschüessen die sehr fieissig gearbeitete Broschüre. Wer sich über die in mannigfachem Betracht höchst eigentümlichen Verhältnisse der Juden Mährens unterrichten will, wird zu dieser Schrift des Dr. Haas greifen müssen» Wir sagen eigentümliche Verhältnisse: denn Mähren besitzt» was kein anderes österreichisches Kronland aufzuweisen ver* mag, nicht nur Kultus-, sondern auch politische Gemeinden* Wer die Geschichte der Juden Mährens seit der Dezemberverfassung verfolgt, wird wissen, wie sehr diese Gemeinden auf das Verfassungsleben unseres Kronlandes eingewirkt haben, wie viel ihnen das Deutschtum in diesem Lande zu danken hat — aber nicht dankte. Die Juden Mährens erfreuen sich auch eines Religionsfonds, es ist dies der seit dem Jahre 1863 vielumstrittene Landesmas safond, der im Jahre 1868 in die Verwaltung; der mährischen Judenschaft überging. Die seit dem 17. Nov. 1868 demnach seit 40 Jahren, diesen Fond verwaltenden Delegierten können wohl auch als eine Delegiertenversammlung der mährischen Judenschaft überhaupt betrachtet werden. Mähren besitzt aber auch seit Maximilian II. (1564—1576) ein Landes- Rabbinat, das durch die General-Polizei-Ordnung der Kaiserin Maria Theresia 1754 einen bestimmten, streng umschriebenen Wirkungskreis erhielt. So nimmt wohl die mährische Judenschaft eine gewisse exzeptionelle Stellung unter den Juden Oesterreichs ein, gewiss ein Beweis für ihre besondere Be«. deutung im kulturellen Leben des österreichischen Judentums» AH' dies behandelt Haas Schrift mit Gründlichkeit unter Benützung aller zur Verfügung stehenden Quellen. Was diese letzteren anlangt, so wären sie noch an verschiedenen Orten aufzusuchen und zu Rate zu ziehen. Archive hervorragender Adelsgeschlechter, das fürsterzbiscböflicheArchiv vonKremsier» das Landes-Archiv zu Brünn und Städtearchive werden heranzuziehen sein, wenn man eine erschöpfende Kultur- und Rechts« geschichichte der Juden Mährens schreiben wird. Dies lag allerdings nicht in der Absicht des Verfassers. Und so nehmen wir dankbar hin, was er uns über die Rechtsstellung, das Kultuswesen, die sozialen Verhältnisse, die Kultusvereine» Kultus- und politischen Gemeinden, das so wichtige Schulwesen, Stiftungen und Vereine der Juden Mährens darbietet» Wir schliessen diesen Bericht damit, dass die vorliegende Schrift, die sich auch durch schöne Ausstattung auszeichnet» viel gelesen werde. In einer Zeit, in der das Judentum so vielen Angriffen ausgesetzt ist, wird sie sicherlich auch ihr Scherflein dazu beitragen, zur Aufklärung über jüdische Verhältnisse zu dienen, die unsere Feinde nicht kennen und, wie wir bedauernd hinzufügen, auch die nicht, die sich unser» Freunde nennen. Dr. Max Grünfeld. Brünn, am letzten Tebet 5668. Wegen Raummangels mußte diesmal die Fortsetzung der Erzählung „In der Schneider- Werktsatf von W. Palecka ausfallen.